Blick in den Rückspiegel: Mehr Platz für weiteres Wachstum
Die genossenschaftlich organisierte Vaudoise ist schon fast so etwas wie ein «Exot» unter den führenden Versicherungsgesellschaften der Schweiz: Als einziger unabhängiger Versicherer hat sie ihren Geschäftssitz in Lausanne in der Westschweiz. Das hält sie aber ganz und gar nicht davon ab, auch in fremden Revieren zu wildern. Denn trotz der starken Konkurrenz gewinnen die Lausanner bereits seit Jahren markant Marktanteile in der Deutschschweiz.
Mittlerweile generiert die Vaudoise Gruppe mehr als 40 Prozent ihres Prämienvolumens in der Deutschschweiz. Ein Ende dieser Expansionsstrategie ist nicht in Sicht. Die Genossenschafter kündigten an, jährlich zwei neue Agenturen zu eröffnen. «Die Vaudoise ist seit über hundert Jahren in der Deutschschweiz präsent. Vor zwei Jahren haben wir entschieden, die langfristige Entwicklung in der Deutschschweiz anzukurbeln. Wir haben und werden auch in Zukunft weitere neue Agenturen eröffnen», betonte CEO Jean-Daniel Laffely im vergangenen Frühjahr in einem Interview mit HZ Insurance.
Ein Blick auf die Halbjahreszahlen unterstreicht die Ambitionen: Während die Vaudoise Gruppe das Prämienvolumen im Nichtlebengeschäft in den ersten sechs Monaten schweizweit um bereits beeindruckende 7,2 Prozent steigern konnte, legte sie in der Deutschschweiz sogar um 9,2 Prozent zu – das ist weit über dem Markdurchschnitt von etwa 3,6 Prozent. «Mit der verstärkten Kundennähe können wir auch unser Wachstum im B2B-Bereich ankurbeln. Hierbei handelt es sich um regionale und nationale Broker, die in der Deutschschweiz aktiv sind. Das steigert unseren Bekanntheitsgrad», erklärte Laffely die strategischen Überlegungen.
Insgesamt 13 führende Schweizer Versicherungsgesellschaften und Krankenversicherer haben an der Umfrage von HZ Insurance teilgenommen. Die Beiträge im Überblick:
Kein Wunder, dass bei diesem Wachstumstempo der alte Standort in Bern-Wankdorf aus allen Nähten platzte. Die Vaudoise brauchte mehr Platz und zog in Bern-Wankdorf an einen grösseren Standort, der 120 Mitarbeitenden auf rund 2'000 Quadratmetern Fläche moderne Arbeitsplätze bietet. Mit Leben gefüllt wurde die Wachstumsstrategie im Herbst zudem mit der Übernahme der Zürcher Ecofin Investment Consulting, einem führenden Unternehmen in der Anlageberatung für Vorsorgeeinrichtungen. Nach der Übernahme der Pittet Associés SA und der Prevanto AG baue die Vaudoise dadurch ihre Rolle als Marktführerin in der Beratung von Vorsorgeeinrichtungen in der Schweiz weiter aus, teilte der Versicherer mit.
Ein Fleck auf einer ansonsten fast weissen Weste aber bleibt: Mit einer Combined Ratio von über 96 Prozent hinkt Vaudoise den meisten Mitbewerbern in Sachen Profitabilität weit hinterher. Vor allem in der Motorfahrzeugversicherung legten die Lausanner in den letzten Jahren Geld drauf. Deshalb drehten die Genossenschafter wie die Konkurrenz an der Preisschraube, um in diesem Brot-und-Butter-Geschäft wieder in die Profitabilitätszone zu gelangen. Ob und wann es ihr gelingt, bleibt abzuwarten.
Besondere Highlights: Digitale Transformation schreitet voran
Erstaunlicherweise taten die Preiserhöhungen der Beliebtheit (noch) keinen Abbruch: In Umfragen von Vergleichsdiensten belegte Vaudoise im letzten Jahr im Bereich der Motorfahrzeugversicherungen Spitzenplätze. Bei Comparis wurden die Lausanner auf dem 2. Rang mit dem Gold-Siegel ausgezeichnet – knapp hinter Mobiliar, ebenfalls eine Genossenschaft. In der Umfrage «Top Versicherungen» von Handelszeitung und Statista belegte die Vaudoise in den Kategorien «Sachversicherung» und «Krankentaggeldversicherung» sogar den ersten Platz.
Aber auch in Sachen digitale Transformation machte Vaudoise weitere Fortschritte: Als erster Versicherer der Schweiz nahm die Gruppe Anfang 2026 die Cloud Platform von Guidewire in Betrieb (HZ Insurance berichtete). Das Tool soll es ermöglichen, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, die Transparenz zu erhöhen und den Kundinnen und Kunden ein nahtloses Erlebnis zu bieten. Durch Automatisierung der wichtigsten Prozesse sei es mit Guidewire ClaimCenter gelungen, die Verwaltung von Fahrzeugschäden zu optimieren und die Schadenübernahme zu beschleunigen.
«Avantage Vaudoise», würde es im Tennissport heissen, den der Versicherer als Main Partner von Swiss Tennis seit 2022 unterstützt. Diese Partnerschaft geht für die nächsten drei Jahre in die Verlängerung. Gemeinsam sollen neue Projekte zur Förderung des Tennissports für die Jüngsten entwickelt werden, um ihnen diese Sportart auf spielerische Weise näherzubringen, hiess es in einer Mitteilung. Laffely selbst ist übrigens seit seinem 14. Lebensjahr ein begeisterter Tischtennisspieler, wie er einmal gegenüber HZ Insurance zu Protokoll gab.
Blick nach vorn: Mehr Agilität und intensivere Kundenbeziehungen
Die Vaudoise Gruppe wurde 1895 gegründet – sie feierte 2025 also ihr 130jähriges Bestehen, ohne es an die ganz grosse Glocke zu hängen. Ihren Strategiezyklus 2023-2025 schloss sie im Jubiläumsjahr erfolgreich ab und geht unter der Führung von Laffely nun den nächsten Zyklus an, der an die vorherige Strategie anknüpft und auf profitables und nachhaltiges Wachstum sowie die Fortsetzung der digitalen Transformation setzt. Unterstützt wird er dabei unter anderem von der ehemaligen Leiterin der KPMG Westschweiz, Hélène Béguin, die im Mai von der Generalversammlung in den Verwaltungsrat gewählt wurde.
«Für mehr Agilität und ein noch stärkeres Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legen wir einen deutlichen Schwerpunkt auf die Stärkung der Kundenbeziehung und den kulturellen Wandel», so der Versicherer. Der strategische Rahmen «Impact 2028» wurde den rund 2'000 Mitarbeitenden erst kürzlich auf dem jährlichen Anlass «Vaudoise Forum 2026» in der Messehalle Beaulieu Lausanne und per Streaming in der ganzen Schweiz vorgestellt.
Die Vaudoise Gruppe will also weiter auf der Erfolgswelle reiten und ihre Präsenz in allen Schweizer Regionen intensivieren. Sie hat offenbar einen Schlüssel gefunden, wie sie auch in einem gesättigten Markt reüssieren kann. Mit ihr wird also auch künftig zu rechnen sein.


