Weil der Konkurrenzdruck in der Versicherungsbranche geringer ist als in anderen Branchen, hat die Digitalisierung der Produktwelt hier noch nicht stattgefunden. «Die etablierten Versicherer haben scheinbar ihre Positionen festgelegt und es ist nur relativ wenig Bewegung im Markt», kommentiert Florian Schreiber vom Institute of Financial Services Zug (IFZ). «Ein Vergleich der Loss Ratios, beispielsweise in der Motorfahrzeugversicherung, zwischen Deutschland und der Schweiz belegt unmissverständlich, dass diese Oligopol-ähnlichen Strukturen zu einer attraktiven Profitabilität führen.» Angesichts der komfortablen Marktlage bräuchten sich die Schweizer Versicherer vor einer Disruption durch Konkurrenten aus dem Ausland nicht zu fürchten. «Der Markteinstieg für ausländische Versicherer, Tech-Giganten oder Startups ist nicht sonderlich attraktiv», sagt Schreiber. Die Schweiz: zu klein und unbedeutend für Veränderung? Schreiber warnt die Versicherer davor, sich zurückzulehnen.

In Italien basiert jede fünfte Kfz-Police auf Telematik

Die Digitalisierung des Alltags ermöglicht Versicherern fundamental neue Produktkonzepte. Man ist sich in der Branche bewusst, wie unausgereift das traditionelle Geschäftsmodell eigentlich ist. «Wir sitzen hier auf einem Dampfer und der Steuermann schaut zurück und sagt, wo es langgeht», spottet ein Aktuar. Das allumfassende Internet erzeugt nun Daten, mit denen Versicherer der retrospektiven Statistik endgültig Adieu zuwinken können. Es beginnt beim Auto: In absehbarer Zeit werden serienmässig eingebaute Telematik-Boxen es den Herstellern erlauben, die Versicherung beim Fahrzeugkauf gleich mitzuliefern. Entsprechende Vorstösse sind bereits sichtbar. Begünstigt durch regulatorische Weichenstellungen kommen Smartphone-gesteuerte Telematik-Versicherungen in Italien heute schon auf einen Anteil von 20 Prozent. In Grossbritannien und den USA sind Telematiktarife auf dem Vormarsch und auch auf dem deutschen Markt scheint jetzt der Durchbruch geschafft. 

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Smart Homes verändern auch Versicherungen

Das Smart Home ist keine Science-Fiction und es verändert nicht nur unser Alltagsleben, sondern auch das Produkt Versicherung. In der Assekuranz ist man hier allerdings noch in der Pionierphase. «Ausserhalb der Motorfahrzeugversicherungen harzt es mit dem Einsatz von IoT-Lösungen im Versicherungsgeschäft», stellt Stefan Koller fest. Er ist Product Owner beim Insurtech Mica. Das von der Gebäudeversicherung Bern (GVB) initiierte Insurtech bietet neben einer volldigitalen Smart-Home-Versicherung seinen Kunden Funkrauchmelder und Funkwassermelder an. Ein Vorreiterprodukt der Generali zeigt gemäss Medienmitteilung von Generali aus 2019, dass auch die Personenversicherung reif für digitale Produkte ist. Dank einem volldigitalen Säule-3a-Produkt konnte die Schweizer Ländergesellschaft des italienischen Konzerns ihre Wachstumsziele 2019 erreichen.

Ultraschnelles Pricing, hyperindividualisierte Produkte 

Die Digitalisierung ermöglicht ultraschnelles Pricing; hyperindividualisierte Produkte mit mehr als 800 Parametern sind bereits Realität. Wearables werden auch die Personenversicherung umkrempeln. Das Pionier-Produkt Vitality der Generali Deutschland (basierend auf der Lizenz der südafrikanischen Discovery) blieb nach einer ungeschickten Vermarktung in den Regalen, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis Wearables an den Fundamenten dieser Sparte rütteln werden. Echtzeitdaten verringern das subjektive Risiko, eine bessere Datenlage wiederum erlaubt die Ausweitung der Grenzen der Versicherbarkeit. Umfragen zeigen, dass die Schweizer offen für solche Lösungen sind. 

5G leitet den Siegeszug des Internets der Dinge ein

Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Die Schweiz ist Vorreiterin bei der Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G. Die Datenraten werden dadurch verdoppelt, die Latenzzeiten mehr als halbiert. 5G wird den Siegeszug des Internets der Dinge einleiten und das wird auch die bislang noch sehr traditionell wirtschaftende Industrieversicherung umkrempeln. Einer Umfrage der IT-Beratung Sollers Consulting zufolge gehört das Internet der Dinge zu den bedeutenden Treibern von Veränderung in der Versicherungsbranche. Mehr als die Hälfte der Versicherungsspezialisten und Manager glaubt, dass in zehn Jahren sieben der zehn grössten Versicherer das Internet der Dinge nutzen werden. 

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Bei der Umsetzung hapert es

Die Versicherer der Schweiz haben das Potenzial digitaler Produkte erkannt, bei der Umsetzung ist man jedoch über das Versuchsstadium noch nicht hinaus. Die Mobiliar sammelt mit dem in Dublin gegründeten Insurtech Companjon Erfahrungen in digitaler Reiseversicherung, die europaweit als White-Label-Produkt angeboten werden soll. Aber das Schweizer Geschäft soll nicht konkurrenziert werden. Das von der Pax zusammen mit der Bayerischen gegründete Insurtech Dextra ist Vorreiter in der Telematikversicherung, Helvetia und Mobiliar haben mit dem Trusttech Skribble eine wichtige Hürde zum volldigitalen Angebot genommen: die Digitale Unterschrift. 

Versicherung ist und bleibt ein Push-Produkt

Volldigitalisierte Produkte können aufgrund granularer Echtzeitdaten das subjektive Risiko reduzieren. Gleichzeitig erlauben digitalisierte Prozesse den Versicherern, die Administration zu automatisieren und mit viel günstigeren Kostenstrukturen zu arbeiten. Beides wird dazu beitragen, die Grenzen der Versicherbarkeit auszuweiten. Die Digitalisierung wird das Marketing in Richtung Annex-Vertrieb treiben, insbesondere bei Produkten, die auf IoT-Technologie basieren. Das Dubliner Reiseversicherungs-Insurtech der Mobiliar beispielsweise schlägt diese Richtung ein und vertreibt seine Policen als Add-on. Das Beispiel der Generali zeigt, dass auch der personale Vertrieb bei digitalen Produkten zum Tragen kommen kann. Versicherung ist und bleibt ein Push-Produkt. Bei der anhaltenden Durchdigitalisierung unseres Alltags bedeutet das den Siegeszug von Affinity.

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