Wie oft haben Anleger das schon erlebt: Seit Februar 2018 sorgt US-Präsident Donald Trump mit seinen Drohungen zur Einführung von Zöllen für Turbulenzen an den Börsen. Kommt eine neue Drohung, brechen die Börsen ein; zeigt sich der Präsident versöhnlich, gibt es Kursgewinne.

Jüngst ist es wieder passiert. Anfang August schickte der Politiker mit der Ankündigung neuer Zölle auf Importe aus China entsprechende Aktien zum wiederholten Mal auf Talfahrt. Der Flurschaden ist immens. Allein die letzte Zoll-Drohung hat den SMI schon um 5 Prozent gedrückt, die Technologiebörse Nasdaq hat 7 Prozent verloren, der Dow Jones zwischenzeitlich 6 Prozent. Auch Europas Börsen taumeln: Der Euro Stoxx 50 notiert fast 7 Prozent tiefer als noch Ende Juli.

Börsianer treffen auf Ökonomen

Aber nicht nur Börsianer haben Bedenken, auch die Stimmung der Ökonomen trübt sich ein. So hat der Internationale Währungsfonds IWF erst im Juli vor allem wegen der Unsicherheiten im Handelsstreit die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft für dieses Jahr von 3,3 auf 3,2 Prozent zurückgenommen. Doch auch wenn die Entwicklung turbulent erscheint und wenig rosig – die Lage ist nicht so schlecht, wie viele denken.

Und vor allem: Es gibt eine grosse Hoffnung.

Zuerst einmal: Anders als Anleger mit ihrer Angst zeigen sich die Verbraucher in den Volkswirtschaften der beiden Streithähne USA und China in guter Stimmung. So stieg das Konsumenten-Vertrauen in den USA laut Forschungsinstitut The Conference Board im Juli von 124,3 auf 135,7 Punkte und lag damit deutlich über den Erwartungen der Ökonomen von 124 Punkten

Summer of Love

Die gute Stimmung erstaunt nicht. Der US-Arbeitsmarkt brummt und die Arbeitslosenrate in den Staaten liegt mit 3,7 Prozent so tief wie zuletzt im Jahr 1969, also zu Zeiten des «Summer of Love» und des Woodstock-Festivals.

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Nicht nur in den USA, auch in China ist das Konsumentenvertrauen gestiegen, von 123,4 Punkten im Juni auf aktuell 125,9 Punkte. Das ist fast ein Zwölfmonatshoch. Im Februar notierte der Index knapp darüber, bei 126 Zählern.

In der Schweiz jedoch ist das Konsumentenvertrauen angeschlagen. So zeigt der Index des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) einen Stand von minus acht Punkten, liegt drei Punkte unter dem langjährigen Mittelwert. Auch in der heimischen Industrie läuft es nicht mehr rund. «Der Schweizer Einkaufsmanager-Index für die Industrie PMI fiel im Juli um 3 Punkte auf 44,7 Zähler und stand damit so tief wie zuletzt im Juli 2009. Ein Wert so weit unter der 50-Punkte-Marke signalisiert einen deutlichen Rückgang der Dynamik im Industriesektor», weiss Marcel Koller, Chefökonom bei der Aargauischen Kantonalbank.

Europa hat zu kämpfen

Aber nicht nur die Schweiz, Europa insgesamt hat zu kämpfen. «Die Euro-Zone steht weniger robust da. Die Abwärtsrisiken, ins- besondere in der grössten Euro-Volkswirtschaft Deutschland, spitzen sich allmählich zu. Deutschland ist aber der wichtigste Handelspartner für die Schweiz und schlechte Aussichten in der Euro-Zone können deshalb negative Auswirkungen auf die Schweiz haben», erklärt Manuel Ferreira, Chef-Anlagestratege bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Dagegen liefern die Länder Asiens positive Daten. «Der PMI in China liegt auf der neutralen Linie von 50 Punkten, jener von Vietnam, Indien und Australien sogar klar darüber. Zudem haben sich die weltweiten Auftragseingänge dieser Länder innert Monatsfrist weiter verbessert», berichtet Ökonom Koller.

In den USA ist der Einkaufsmanagerindex der Industrie im Juli gegenüber dem Vormonat zwar von 51,7 auf 51,2 Punkte gerutscht. Aber er liegt damit immer noch über 50 Punkten, und das signalisiert eine steigende Industrieproduktion. Der IWF ist deshalb zuversichtlich und hat erst vor wenigen Wochen die Wachstumsprognose für die USA für dieses Jahr von 2,3 auf 2,6 Prozent erhöht.
China soll nach Einschätzung des IWF in diesem Jahr zwar «nur» noch mit 6,2 Prozent wachsen – bis vor kurzem rechneten die Ökonomen des Währungsfonds mit 6,3 Prozent – doch das ist ein enormes Tempo und doppelt so hoch wie jenes des globalen Wachstums.

Überraschungen bei Firmengewinnen

Zudem sieht der IWF auch fürs nächste Jahr keine globale Wirtschaftskrise voraus. Zwar dürften die USA und China mit Steigerungen beim Bruttoinlandprodukt um 1,9 und 6,0 Prozent an Tempo verlieren, doch in der Euro-Zone soll sich das Wachstum von 1,3 auf 1,6 Prozent erhöhen und global auf 3,5 Prozent zulegen.

Eine Anleitung: So kann man sein Depot absichern

Peter Muster schaut zufrieden auf seinen Depotauszug. Der Wert seiner Aktien ist in den vergangenen guten Jahren auf 100'000 Franken gestiegen. Jetzt ist er aber etwas unsicher geworden, wie es weitergeht. Besonders für den Herbst hat er kein gutes Gefühl. Verkaufen will er seine Positionen aber nicht, weil er nicht weiss, wo er sein Geld sonst investieren soll, und sich sehr an den Dividenden seiner Aktien freut, die ihm über 3 Prozent Rendite pro Jahr bringen.

Darum will er sein Portfolio vor hohen Verlusten – mehr als 10 Prozent – absichern. Da er vor allem in Schweizer Aktien investiert, ist sein Referenzindex der SMI. Dieser steht bei rund 9'800 Punkten und Muster will ihn auf einem Niveau von 8800 Punkten absichern.

Darum sucht er einen Put-Warrant mit Ausübungspreis bei 8'800 Punkten. Er findet Valor 30766375 mit Laufzeit bis 20.12.2019 und einer Ratio von 500, die angibt, wie viele Put-Warrants er braucht, um den SMI einmal bei 7800 Punkten abzusichern. Da er 100 000 Franken absichern will, muss er den SMI 11,4- mal absichern (100 000/8800). Er braucht also 5700 Put-Warrants (11,4 × 500). Damit ist sein Aktienportfolio fast bis Ende Jahr dagegen gefeit, mehr als 10 Prozent zu verlieren. Das Risiko grosser Kursverluste ist gebannt.

Der Put-Warrant wird derzeit für 0,185 Franken angeboten, also kostet ihn das 1054,5 Franken (5700 × 0,185), rund 1,05 Prozent seines Vermögens, was er mit seiner Dividendenrendite finanzieren kann.

(hb)

Bei den börsennotierten Unternehmen in den USA lief es zuletzt ohnehin noch rund. Laut dem Research-Haus Factset lag die Mehrzahl der Mitglieder des S&P 500, die ihre Zahlen für das zweite Quartal schon vorgelegt hatten, über den Erwartungen. 57 Prozent überraschten beim Umsatz positiv, und sogar 75 Prozent lagen beim Ergebnis über dem Konsens der Analysten.

Druck auf einen Deal

«Sollte der bisher so stabile US-Konsumsektor negativ tangiert werden, dann ist mit einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung in den USA zu rechnen». erläutert Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei Starcapital, einer Vermögensverwaltungstochter der Bellevue Group. Sollte den US-Verbrauchern aber die Lust am Konsumieren vergehen, dann könnte Trump im Handelsstreit bald die Luft ausgehen. «Der Druck auf den US-Präsidenten, einen Deal mit den Chinesen zu vereinbaren, steigt in Richtung Jahresende von Tag zu Tag. Ohne Deal erhöht sich das Risiko für eine Rezession der US-Wirtschaft im Jahr 2020», vermutet Ökonom Schlumberger.

Im nächsten Jahr stehen aber Präsidentschaftswahlen an und der Präsident denkt an seine Wiederwahl. «Das ist Trumps Achillesferse: Die chinesische Seite kennt das Wiederwahlproblem, und das ist aus US-amerikanischer Sicht keine gute Grundlage für einen erfolgreichen Deal mit China», sagt Börsenstratege Schlumberger. Trump könnte also zusehends kompromissbereit werden.

Zudem wird der Politiker von einem gewaltigen Haushaltsdefizit getrieben. Wegen der Steuerreform, der Ausweitung des Verteidigungsetats, aber auch wegen Subventionen etwa für den US-Agrarsektor im Zusammenhang mit dem Handelsstreit wird die Lage in Washington zusehends desaströs. Im Juli lag das Minus des staatlichen Budgets mit 119,7 Milliarden Dollar um 27 Prozent über dem Vorjahreswert und ist seit Jahresanfang ebenfalls um einen Viertel auf 866,8 Milliarden Dollar hochgeschnellt. Angesichts des Schuldenbergs könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich Trump Subventionen an US-Farmer nicht mehr leisten kann, und dann steigt der politische Druck.

Wird Trump Kreide fressen?

Sollte Trump vielleicht schon in Kürze Kreide fressen, dann kommt es möglicherweise zum Jahresschluss zu einer Trump-Versöhnungs-Rally an den Börsen. Und dann dürften insbesondere die Kurse von zyklischen Titeln, die derzeit besonders leiden, wieder am meisten nach oben schiessen. Zu diesen Zyklikern gehören etwa die Aktien von Halbleiterproduzenten oder von Maschinenbauern.

Aber generell gilt bei Aktien: Sie sind nicht für den kurzfristigen Gebrauch, sondern für die lange Sicht gedacht. Ein kompletter Ausstieg, auch vor dem Hintergrund des Hü und Hott des Präsidenten, macht keinen Sinn. Denn morgen kann schon alles wieder gut werden.

Fünf Themen im Fokus

Gold

Das Edelmetall glänzt wieder. Schon stehen Anleger Schlange vor den Geschäften der Goldhändler. Das ist ein Zeichen für einen Boom. Werden zunehmend Strafzinsen auf Bankguthaben fällig, dürften noch mehr Sparer ihr Geld abheben und Gold kaufen. Auch Aktien von Goldminen wie von Barrick oder Anglogold sind damit wieder interessant. Die Aufwärtsbewegung des Kurscharts ist ein Kaufsignal: Gold ist aus dem Aufwärtstrend nach oben ausgebrochen.

Aktien

«Der Obligationenmarkt preist eine hohe und sehr teure Rezessionsprämie ein, der globale Aktienmarkt ist fair bewertet», sagt ZKB-Börsianer Manuel Ferreira. Während Bonds damit relativ hoch bewertet sind, notieren Aktien im weltweiten Leitindex Dow Jones Industrial Average mit einem aktuellen 19er-KGV deutlich unter dem langfristigen Durchschnittswert von 25. Der marktbreitere S&P 500 ist mit einem KGV von 16,4 nur so hoch bewertet, wie er es im Fünfjahresmittel war.

Konjunktur

Eine Rezession im Industriesektor muss nicht eine Rezession der Gesamtwirtschaft zur Folge haben. «Der Dienstleistungssektor hält sich gut, das stützt den Arbeitsmarkt, die Einkommenserwartungen und somit den Konsum», sagt Anlagestratege Ferreira von der ZKB. US-Präsident Donald Trump könnte die aktuelle Unsicherheit mit einer Einigung im Handelsstreit beseitigen und neuen Schwung auslösen. Das Pendel könnte je nach Politik in die eine oder andere Richtung ausschlagen.

Zinsen

«In den USA fallen die langfristigen Zinsen schneller als die kurzfristigen und bringen eine inverse Zinskurve. Diese muss nicht Vorbote einer Rezession sein. Denn die expansive Geldpolitik und Hinterlegung von Staatsanleihen als Sicherheit haben zu einer strukturell höheren Nachfrage nach Staatsanleihen bei institutionellen Investoren geführt. Das könnte die Signalwirkung der Zinsstrukturkurve verzerrt haben», erklärt ZKB-Experte Ferreira.

Politik

«China wird dezidierter als Europa auf eine Konjunkturschwäche reagieren können. In Europa absorbiert auch der Brexit viele politische Ressourcen. Da die Wirkung weiterer geldpolitischer Stimuli auf die Realwirtschaft fraglich ist, bräuchte es einen koordinierten fiskalpolitischen Schlachtplan. Hier trauen wir der Euro-Zone wenig zu», sagt Ferreira. Donald Trump aber könnte mit friedlichen Tönen im Handelsstreit viel bewirken, was zu einer Jahresend-Rally führen könnte.
 

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