Weiten sich die Schwierigkeiten Europas nun auch über die Grenze in die Schweiz aus? Das schweizerische BIP ist im dritten Quartal abgerutscht und spiegelt damit die Rückgänge in Italien, Deutschland und Schweden wider. Aber diejenigen, die nun fürchten, dass die angeblichen Missstände in Europa die schweizerische Wirtschaft infizieren könnten, lesen viel zu viel in nur eine Datenangabe hinein. Die Realität ist sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland besser als wahrgenommen. Lassen Sie sich nicht von einer einzigen Kontraktion des BIP verschrecken.

In den meisten Berichten wird der BIP-Rückgang von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal der schwachen Nachfrage in der Euro-Zone zugeschrieben. Diese schlägt auf die exportorientierte Wirtschaft der Schweiz durch. Das mag logisch klingen: Exporte und Importe gingen zurück – ausgenommen Wertgegenstände (Edelmetalle und so weiter). Und der Konsum der Haushalte war ebenso schwach.

Aber es spielten auch weniger diskutierte Details eine Rolle. Der Rückgang von 0,6 Prozent bei den Herstellern hat weniger mit einer nachlassenden Produktion zu tun, sondern mehr damit, dass durch das kräftige Wachstum in den vorigen Quartalen die hohe Benchmark schwerer zu schlagen ist. Der trockene Sommer in der Schweiz drückte auf die Produktion der Wasserkraftwerke und trieb den Rückgang im Energiesektor an.

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Die einmaligen Schübe aufgrund der Lizenzkosten und TV-Gebühren für die Olympischen Winterspiele und die Fussball-Weltmeisterschaft, die in diesem Jahr für einen BIP-Aufschwung sorgten, sind vorbei. Aber diese Art der Rechnung und die vorübergehenden Faktoren passen nicht ins Gesamtbild. Also werden sie auf die Schnelle abgefertigt.

Die Stimmung der Anleger ist düster, schlechte News werden überbewertet

In den Medien wurden die anderen BIP-Rückgänge in Europa ähnlich behandelt. Die Schlagzeilen machten die negativen Auswirkungen des Handelskriegs für das fallende BIP in Deutschland verantwortlich. Der Haupttäter war jedoch einfacher und harmloser. Die deutschen Automobilhersteller rangen um die Einhaltung der neuen Abgasstandards der EU, wodurch es zu Verzögerungen und einer Belastung der Produktion kam. Es ist also ein selbst verschuldetes Problem. Die neuen Regelungen waren die Reaktion der EU auf den Abgasskandal im Jahr 2016.Die Arbeitsrückstände, die dadurch entstanden, bremsten natürlich, aber die Automobilhersteller werden sie abarbeiten – sowohl in Deutschland als auch in Italien, wo es zu einem ähnlichen Schluckauf kam. Aber das erwähnt niemand! Stattdessen ergehen sich viele in falschen Befürchtungen wie den Spannungen im Welthandel. Sie erfassen nicht, wie unbedeutend die Zölle sind. Die ganze Angst, nur weil es in einem Quartal einmal abwärts ging, zeigt, wie düster die Stimmung der Anleger gerade ist.

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In einer wirtschaftlichen Expansionsphase sind einzelne BIP-Rückgänge nichts Ungewöhnliches. Seit dem Beginn der globalen Expansion im Juni 2009 ging das schweizerische BIP drei weitere Male zurück: im Q3 2011, Q1 2015 und Q4 2016. Heute wirken die Rückgänge alle wie kurzzeitige Phänomene in einem langen Aufwärtstrend.

Das gilt auch für Deutschland. Dort ging das BIP seit dem Ende der Rezession in der Euro-Zone im Jahr 2013 zwei weitere Mal zurück: im Q1 2014 und im Q2 2015. Keiner der beiden Rückgänge sorgte für eine erneute Rezession im Kraftzentrum Europas. Auch in Amerika gab es gelegentliche Abwärtsentwicklungen: im Q1 und im Q3 2011 sowie im Q1 2014. Lassen Sie sich von einem Stolperer nicht umwerfen. Zumal das BIP nichts darüber sagt, was als Nächstes passiert.

Das BIP ist rückwärtsgewandt; nicht vorausschauend für die in die Zukunft gerichteten Aktienmärkte. Das schweizerische BIP des dritten Quartals wurde am 29. November 2018 veröffentlicht und gab Ereignisse wieder, die dann bereits zwei bis fünf Monate zurücklagen. Die Erkenntnisse darüber, was die Wirtschaft vor einigen Monaten machte, geben keine Auskunft über das Heute und schon gar nicht über das Morgen oder 2019.

Zudem kann bereits eine Erholung auf dem Weg sein. Im Oktober stiegen die Exporte gegenüber dem Vormonat um 6 Prozent und erholten sich vom Rückgang im September (–2,7 Prozent). Der Detailhandelsumsatz stieg im Oktober um 1,9 Prozent, nachdem er im September mit –1,6 Prozent noch rückläufig war. Der Einkaufsmanagerindex des SVME erreichte im November 57,7. Damit lag er höher als die 57,4 im Oktober und über den Konsensschätzungen von 56,1. Zahlen über 50 weisen auf eine Ausweitung hin, damit bedeutet 57,7 ein breites Wachstum.

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Die Aktien preisen alle gemeinhin bekannten Informationen vorab ein. Sie warten nicht auf die geplante Veröffentlichung des Q4-BIP im Februar 2019, um eine Erholung einzupreisen.

Die Aktienmärkte und das BIP bewegen sich nicht Hand in Hand – zu Recht

Das BIP ist ein stumpfes Schwert. Es misst alle Ausgaben, Investitionen und Handelsaktivitäten in der Hoffnung, die nationalen Wirtschaftsaktivitäten des öffentlichen und des privaten Sektors abzuschätzen. Ak­tien jedoch beziehen sich nur auf die öffentlich gehandelten Unternehmen, insbesondere auf ihre künftigen Gewinne. Das, was im BIP als positiv oder negativ bewertet wird, stimmt nicht immer mit dem überein, was für die privaten Unternehmen gut oder schlecht ist.

So schmälern beispielsweise Importe das BIP und sind doch ein Abbild für die Nachfrage im Inland. Wenn die Importe zurückgehen, könnte das heissen, dass die Unternehmen kürzen. Im BIP würde das positiv bewertet, es wäre aber keine gute Nachricht. Ebenso betrachtet das BIP alle staatlichen Ausgaben als positiv und lässt die Möglichkeit ausser Acht, dass private Unternehmen dadurch verdrängt werden. Das alles zeigt, weshalb sich die Aktienmärkte und das BIP nicht immer Hand in Hand bewegen.

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Wenn Einmalereignisse einige Länder zum Wackeln bringen, ist das nicht der Zeitpunkt, sich um die Aktien zu sorgen. Dieser Moment träte erst ein, wenn die Weltwirtschaft plötzlich unerwartet in eine Rezession fiele. Das ist momentan unwahrscheinlich, da die Befürchtungen hoch sind und die in die Zukunft gerichteten Indikatoren dennoch überwältigend positiv ausfallen. Die Schweiz macht weniger als 1 Prozent des globalen BIP aus. Eine wachsende Weltwirtschaft wird sie weitertragen. Gradmesser wie eine positiv geschwungene Zinsstrukturkurve und die vorausschauenden Leading-Economic-Indizes des Conference Board signalisieren weiteres Wachstum.

Gedämpfte Erwartungen sind gut für die Aktienmärkte. Denn: Es wird der Realität nicht schwerfallen, die gängigen Prognosen zu übertreffen. In Europa sieht es besonders gut aus für positive Überraschungen, insbesondere in der Euro-Zone. Halten Sie also inmitten dieser globalen Marktkorrektur ein paar schweizerische Aktien. Aber lassen Sie Deutschland und Italien nicht aussen vor! Dort sind die Rückgänge nicht realer als bei Ihnen. Und wie ich hier vor einem Monat schrieb: Der schweizerische Sicherheitszuschlag stellt die Aktien der Euro-Zone auf einen Sprung nach oben ein.

*Ken Fisher, Chairman, Fisher Investments Europe.