Seit einem Jahr ist Kristalina Georgieva Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF): Die Bulgarin ist die erste IWF-Chefin aus einem Schwellenland. Anders als ihre Vorgängerin, die Französin Christine Lagarde, die heute die Europäische Zentralbank leitet, und die meisten vorherigen IWF-Chefs, ist Georgiewa keine ehemalige Finanzministerin oder Zentralbankerin.

Stattdessen war die Umweltökonomin zuvor als Universitätsprofessorin, bei der Weltbank als Umweltdirektorin und bei der Europäischen Kommission tätig. Dennoch sei sie, wie sie selbst sagt, gut auf den «Great Lockdown» vorbereitet – den grössten wirtschaftlichen Schock seit der Grossen Depression der 1930er Jahre. Vor allem die Erfahrung als EU-Kommissarin für Krisenreaktion und humanitäre Hilfe habe sie vorbereitet, «mich auf das Unerwartete einzustellen - entschlossen zu handeln - und mich auf die am meisten gefährdeten Menschen zu konzentrieren», sagt sie in in einem Interview mit «Bloomberg Markets».

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie beantragten mehr als die Hälfte der 189 IWF-Mitgliedstaaten Notfallkredite – so viele wie niemals zuvor in der Geschichte der Organisation. Auf der Suche nach Inspiration verbrachte Georgieva diesen Sommer ihren 67. Geburtstag im Hotel Bretton Woods, dem Geburtsort von IWF und Weltbank im Jahr 1944.

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Mit «Bloomberg Markets» sprach Georgiewa nun über die Herausforderungen, mit denen der IWF konfrontiert ist, und ihr Engagement für den Aufbau einer grüneren und gerechteren Weltwirtschaft. «Eine Krise dieses Ausmasses ist auch die einmalige Chance, die Welt voranzubringen und das Wachstum nachhaltiger, gerechter und tatsächlich intelligenter zu gestalten.»

Klimakrise als grösste Gefahr

Die grösste Bedrohung sei langfristig die Erderwärmung: «Wenn wir diese Klimakrise nicht bewältigen, wird es massive negative Auswirkungen auf Wachstum, Beschäftigung und Finanzstabilität geben.» Und dafür trage der IWF Verantwortung. Daher schlägt Georgiewa eine Klimasteuer von 75 Dollar pro Tonne CO2 vor, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Seit Ausbruch der Pandemie haben Regierungen und Zentralbanken weltweit sowie Institutionen wie der IWF Milliarden aufgebracht, um die Weltwirtschaft zu stützen – der richtige Schritt, so Georgiewa. Doch nun sei es an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen, denn die Weltwirtschaft zeigt Anzeichen einer Erholung.

Der wirtschaftliche Aufschwung müsse grüner gestaltet werden: Viele neue Arbeitsplätze könnten im Zusammenhang mit klimafreundlicher Technologien und erneuerbaren Energien entstehen. Zudem müsse in Menschen und Bildung investiert werden, um mehr Chancengleichheit herzustellen. «Eine Sache, bei der ich mir wünsche, dass der Fonds eine Rolle spielt, ist diese Kombination aus sozialen Sicherheitsnetzen und sozialen Sicherheitssystemen, die Anreize für Menschen schaffen, insbesondere für junge Menschen, für Frauen, für diejenigen, die von dieser Krise am stärksten betroffen sind.» 

Besserer Kapitalismus

Allerdings bestehe derzeit die Gefahr, dass Regierungen angesichts steigender Schulden und Defizite den Stecker zu früh ziehen, wie etwa nach der globalen Finanzkrise. «Das letzte Jahrzehnt war ein Jahrzehnt zunehmender Ungleichheit.» Aufgabe des IWF sei es, diesen grösser werdenden Gräben entgegenzuwirken.

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Gerade in Zeiten niedriger, teilweise negativer Zinsen können Regierungen und Unternehmen Kredite aufnehmen, denn «eine Rückkehr zum Wachstum würde in erster Linie voraussetzen, einen Zusammenbruch von Unternehmen und einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern», sagt Georgiewa.

Auf die Frage, ob das kapitalistische Wirtschaftsmodell am Ende sei, antwortet die IWF-Chefin: «Ich bin nicht dafür, den Kapitalismus aufzugeben.» Allerdings müsse das System verbessert werden «und die sehr wichtige Verbesserung, die wir erreichen müssen, ist Inklusivität, ein Gefühl der Fairness, und dafür hat der Fonds seinen eigenen Beitrag zu leisten.»

(mlo)