Die deutsche Wirtschaft ist dank der guten Kauflaune der Konsumenten der erwarteten Rezession knapp entronnen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von Juli bis September überraschend um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem Rückgang um 0,1 Prozent gerechnet.

Im zweiten Quartal war das BIP noch um revidiert 0,2 (bisher minus 0,1) Prozent geschrumpft, im ersten um 0,5 (bisher 0,4) gewachsen. Erst bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession. Das gab es zuletzt zum Jahreswechsel 2012/13. «Wir haben keine technische Rezession, aber die Wachstumszahlen sind noch zu schwach», sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in der ARD.

Positive Impulse kamen im Sommer vor allem vom Konsum. «Die privaten Konsumausgaben waren höher als im zweiten Quartal 2019, und auch der Staat steigerte seine Konsumausgaben», erklärten die Statistiker. Ausserdem legten die Exporte zu, während die Importe in etwa auf dem Niveau des Vorquartals verharrten. Zudem wurde mehr in Bauten investiert. Dagegen sanken die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen.

«Mit einem blauen Auge davongekommen»

«Die deutsche Volkswirtschaft ist noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen», sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle.«Doch es gibt drei Gründe, sich nicht beruhigt und zufrieden zurückzulehnen: Deutschlands Trendwachstum leidet unter einem Investitions- und Reformstau. Deutschlands Konjunktur leidet unter der enormen, globalen politischen Unsicherheit. Deutschlands Paradebranche – die Automobilindustrie – läuft nicht mehr rund.»

Ähnlich sieht das der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees. «Insgesamt tritt die deutsche Wirtschaft seit Frühjahr mehr oder weniger auf der Stelle», sagte er. «Fragezeichen gibt es vor allem hinter den Handelsgesprächen USA-China und wie lange die US-Wirtschaft ihr Wachstumstempo noch aufrecht erhalten kann. Das dürfte für die Weltwirtschaft und damit für die deutschen Exporteure von entscheidender Bedeutung sein.»

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Wachstum von 0,5 Prozent erwartet

Handelskonflikte, schwächere Weltkonjunktur und Brexit-Chaos setzen der exportabhängigen deutschen Industrie zu. Sie hat deshalb fünf Quartale in Folge ihre Produktion gedrosselt. Unter der Flaute in der Industrie leiden inzwischen auch viele unternehmensnahe Dienstleister, etwa die Logistikbranche. Die Wirtschaftsweisen sagen Europas grösster Volkswirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von 0,5 Prozent voraus. 2020 soll es zu einer Beschleunigung auf 0,9 Prozent kommen, allerdings nur aufgrund der höheren Anzahl an Arbeitstagen.

Warum eine Rezession noch nicht gebannt ist

Der globale Abschwung belastet auch die Schweizer Wirtschaft, eine Rezession ist nicht auszuschliessen. Dafür sprechen vor allem zwei Gründe. Mehr dazu hier.

(reuters/gku)