Die Corona-Krise hat die Schere zwischen Arm und Reich deutlich geöffnet. Auch in der Schweiz hat die Pandemie die wirtschaftliche Ungleichheit verschärft. Denn sie trifft Menschen mit tieferen Einkommen härter als Wohlhabendere. Was sich in vielen Ländern der Welt bereits seit Monaten beobachten lässt, bestätigt nun eine Untersuchung der Konjunkturforschungsstelle (Kof) der ETH Zürich.

Dazu haben die ETH-Ökonomen Tausende von Schweizer Haushalten seit Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr mehrfach befragt. Laut den Einsichten daraus haben sich vorhandene Ungleichheiten verstärkt: Denn je höher das Einkommen, desto weniger wirkt sich die Krise auf Erwerbstätigkeit und Einkommen aus.

Die ärmsten Menschen – also Haushalte mit einem Einkommen von unter 4000 Franken im Monat – erlitten tendenziell die heftigsten Rückschläge: Ihre Einkommen sanken um 20 Prozent im Vergleich zu vor der Krise.

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Verloren sie ihren Job, brach das Einkommen sogar um die Hälfte ein. Der Grund: Viele dürften kein Arbeitslosengeld erhalten haben, entweder weil sie in Ausbildung waren, einen Nebenjob verloren oder in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiteten.

Auch Selbständige wie Caterer und Coiffeure traf es hart: Sie büssten 35 Prozent ihre Einkommens ein. Zum Vergleich: Bei den wohlhabendsten Haushalten mit mehr als 16’000 Franken pro Monat gingen die Einkommen im Durchschnitt nur um 8 Prozent zurück.

Ein Drittel der Geringverdiener arbeitslos oder in Kurzarbeit

Wer in oder wegen der Corona-Krise seine Arbeit verlor, musste die grössten Einkommensverluste einstecken. Niedrigverdiener verloren doppelt so häufig ihren Job als Menschen am oberen Ende der Einkommensskala. Mehr als 8 Prozent der Befragten der tiefsten Einkommensklasse, die vor der Krise erwerbstätig waren, wurden in der Krise arbeitslos.

Weitere 27 Prozent sind von Kurzarbeit betroffen. Bei der obersten Einkommensklasse mit über 16'000 Franken betraf dies nur ein Sechstel der Befragten. 

Auch nach dem Ende des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 verbesserte sich die Situation von Geringverdienern kaum, vor allem weil diese Gruppe eher arbeitslos oder in Kurzarbeit blieb. Anders die Lage bei den anderen Einkommensklassen: Dort erholten sich die Einkommen nach der ersten Corona-Welle wieder.

Denn die Pandemie – beziehungsweise die Massnahmen zu ihrer Eindämmung – trifft vor allem Branchen, in denen die Löhne ohnehin tief sind: Restaurants und Geschäfte sind jetzt noch zu, während des ersten Lockdowns vor einem Jahr waren auch persönliche Dienstleistungsbetriebe wie Coiffeure und Kosmetik-Salons geschlossen waren.

Reiche sparen, Arme müssen an die Ersparnisse

Während reiche Haushalte mehr sparten als zuvor, mussten ärmere Haushalte sogar auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, um durch die Krise zu kommen. Während 39 Prozent der Personen mit tiefen Einkommen an ihre Ersparnisse mussten, um ihre monatlichen Kosten decken zu können, gaben dies nur 7 Prozent der reichen Haushalte an.

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Und nicht nur das: 11 Prozent der Menschen mit niedrigen Einkommen mussten sich sogar verschulden. Verloren sie obendrein ihren Job, liegt der Anteil der ärmsten Haushalte, die Schulden aufnahmen, sogar bei einem Viertel.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Beim Konsum dreht das Bild: Befragte aus Haushalten mit hohen bis sehr hohen Einkommen reduzierten ihre Ausgaben mit rund 16 Prozent am stärksten. Einkommensschwache verringerten die Ausgaben auch, aber nur um 12 Prozent.

Die Gründe sind unterschiedlich: Reichere Haushalte reduzierten ihre Ausgaben vor allem, weil sie weniger Bedürfnisse und weniger Möglichkeiten hatten Geld auszugeben – zum Beispiel weil sie nicht verreisen konnten. Die ärmsten Menschen mussten ihre Ausgaben senken, weil sie schlicht weniger Geld hatten.

Vermögensungleichheit bleibt dauerhaft

Dass die Corona-Krise in punkto Ungleichheit keineswegs eine typische Wirtschaftskrise ist, zeigt der Vergleich mit der Finanzkrise von 2008. Damals waren die Finanz- und später auch die Exportindustrie am stärksten betroffen – Branchen, in denen die Löhne wesentlich höher sind als in jenen, die heute am stärksten leiden. Die Binnenwirtschaft wirkte damals sogar stützend auf die Konjunktur. Menschen in Berufen mit tieferen Löhnen traf die Finanzkrise daher nicht so stark wie die Krise heute. 

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Ob die Einkommensungleichheit nur vorübergehend sein wird bis die Corona-Krise eingedämmt ist und die Wirtschaft wieder anzieht, wird sich noch zeigen. Viele Experten rechnen damit, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten weiter steigt und dass einige Firmen und Kleinbetriebe die Krise nicht überleben.

Sicher sind sich die Studienautoren allerdings, dass die Ungleichheit bei den Vermögen infolge der Corona-Krise zunehmen wird. Die meisten Pensionärinnen und Pensionäre in der Schweiz sind vermögender als jüngere Altersgruppen. Da letztere nun stärker von der Krise betroffen sind, etwa weil sie arbeitslos wurden oder dauerhaft niedrigere Löhne haben werden, müssen sie eher auf ihre Ersparnisse zurückgreifen oder werden in Zukunft weniger Geld zur Seite legen können.

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