Die politischen Beziehungen zwischen Bern und Brüssel sind angespannt. Das Rahmenabkommen steht auf der Kippe. Ein wichtiger, aber kaum beachteter Aspekt dabei: Der Anteil der Schweizer Exporte in die EU sinkt seit Jahren. Das Land wird wirtschaftlich unabhängiger vom europäischen Binnenmarkt.

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Auf eine bemerkenswerte und symbolisch wichtige Zahl verwies unlängst der welsche TV-Sender RTS: Schweizer Unternehmen haben im laufenden Jahr erstmals fast soviel in die USA exportiert wie nach Deutschland – jenem Land, das wir seit Generationen als grössten Handelspartner der Schweiz kennen.

So wurden im ersten Quartal 2019 Waren im Wert von 10 Milliarden Franken in die USA exportiert – nur rund eine Milliarde weniger als nach Deutschland. Das zeigen Daten der Eidgenössischen Zollverwaltung. Die Gesamtexporte in diesem Zeitraum umfassten laut Schweizerischer Nationalbank (SNB) knapp 80 Milliarden Franken gegenüber rund 60 Milliarden Importen.

 

Das Gewicht des europäischen Marktes nimmt ab

Insgesamt verschiebt sich die Schweizer Exportwirtschaft zugunsten der USA und China, während das Gewicht des europäischen Marktes leicht abnimmt. Die EU bleibt allerdings weiter wichtigster Handelspartner – mit rund 50 Prozent der Warenexporte und mehr als 60 Prozent der Importe. Allerdings zeigt die Entwicklung der vergangen drei Jahrzehnte, dass sich die Warenexporte geografisch verschoben haben.

2018 wurden insgesamt 304 Milliarden Franken exportiert – ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Importe legten fast gleich viel zu auf 273 Milliarden Franken. Getragen werden die Schweizer Exporte vor allem von einer Branche: Chemie und Pharma mit einem Anteil von fast 35 Prozent.

Die wichtigsten Handelspartner waren bei den Exporten Deutschland mit 15,5 Prozent und knapp dahinter die USA mit 13,2 Prozent. China kommt mit fast 10 Prozent auf Platz drei der Exportländer.

Anteil der Warenexporte in die EU sinkt

Während die EU-Mitgliedstaaten vor 20 oder 30 Jahren fast zwei Drittel der im Ausland verkauften Schweizer Waren kauften, fiel dieser Anteil auf heute rund 50 Prozent. Der Anteil der Warenexporte in die USA verdoppelte in demselben Zeitraum von 8 auf 16 Prozent. Chinas Anteil stieg von 3 auf 8 Prozent. Seit 2008 hat sich dieser Trend verstärkt.

Der Grund dafür war sicherlich die schwache Konjunktur im Euroraum während und nach der Eurokrise zwischen 2010 und 2015. Die Folge: Eine geringere Nachfrage nach Schweizer Produkten aus Europa. Ab 2015 kam nach der Aufhebung des Mindestkurses durch die SNB der starke Franken gegenüber dem Euro hinzu, welcher die Schweizer Exporte in die Länder der Eurozone weiter belastete. 

Gleichzeitig hatten Länder wie die USA und China ein viel stärkeres Wirtschaftswachstum. Zudem war der Franken gegenüber ihren Währungen nicht so stark überbewertet wie zum Euro – auch dies begünstigte die Ausfuhren in jene Länder.

Hinzu kommt der Pharma-Boom in den USA: Die Pharma- und Chemieexporte in die USA haben sich seit dem Jahr 2000 versechsfacht und machen heute etwa 60 Prozent des Warenumsatzes in den USA aus.

Ob die Schweiz aufgrund der seit Jahren andauernden Verhandlungen mit der EU um ein Rahmenabkommen sowie dem derzeitigen politischen Stillstand versucht, sich unabhängiger vom grossen Handelspartner Europa zu machen, ist nicht klar festzustellen.

Vielmehr sprechen die schwächere Konjunktur in Europa im Vergleich zu den USA und China für die leichten Verschiebungen des Aussenhandels sowie das zeitweise ungünstige Wechselkursverhältnis zwischen dem Franken und dem Euro dafür.

Geografische Diversifikation

Zudem versucht die Schweiz seit Jahren, sich geografisch breiter aufzustellen und neue Absatzmärkte zu erschliessen. Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sind Freihandelsabkommen für die Schweiz als exportabhängiges Land neben den Beziehungen zur EU ein «Hauptpfeiler» der Handelspolitik.

So wurden seit dem Jahr 2000 27 bilaterale Freihandelsabkommen (FHA) abgeschlossen – darunter das mit China, welches 2014 in Kraft trat. Derzeit verhandelt die Schweiz mit sieben Ländern, etwa dem Mercosur und Indien

Mit den USA hatte die Schweiz bereits einmal über ein FHA verhandelt – 2006 scheiterte es jedoch. Nun versucht es der Bundesrat erneut und traf bei US-Präsident Trump auf offene Ohren. Ob es tatsächlich in absehbarer Zukunft dazu kommt, ist allerdings ungewiss.