Viele Staaten reagieren mit massiven Konjunkturprogrammen auf die Corona-Krise. Werden die staatlichen Hilfsgelder ausreichen, um den wirtschaftlichen Schaden für die globale Konjunktur in Grenzen zu halten?
Der wirtschaftliche Schaden ist bisher noch nicht abzusehen, da er von Länge und Ausmass der Präventionsmassnahmen abhängt. Entsprechend muss man mit Aussagen zur Angemessenheit der Konjunkturhilfen vorsichtig sein.

Aufgrund der Dynamik in der Entwicklung der Pandemie werden auch die Regierungen nicht heute schon alle notwendigen Massnahmen auf einen Schlag verabschieden können. Würde man die bisherige Entwicklung in Europa, und nun auch in den USA, einfach so fortschreiben, dann könnte sich schnell herausstellen, dass Europa das grösste Hilfspaket in der Nachkriegsgeschichte schnüren muss, um die Stilllegung der Wirtschaft zu kompensieren.

Doch bevor man Konjunkturprogramme angeht, müssen sich die Staaten vor allem der unmittelbaren Probleme der Selbstständigen und kleinen und mittleren Unternehmen annehmen.   

Stefan_Kreuzkamp_DWS

Stefan Kreuzkamp ist Chief Investment Officer (CIO) und Co-Leiter Investment Group beim deutschen Vermögensverwalter DWS Group.

Quelle: ZVG
Anzeige

China hat es offenbar geschafft, den Ausbruch des Virus einzudämmen. Wird es dem Land auch gelingen, seine Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen?
Wir gehen davon aus, dass China seine Wirtschaft wieder in Schwung bringen wird. Das ist teilweise jetzt schon zu sehen, etwa an Echtzeitindikatoren wie Staumeldungen, Smogdaten oder Stromverbrauch. Gemeldet wird derzeit, dass rund 80 Prozent der Arbeit wieder aufgenommen worden sind, aber die Zahlen sind sicherlich mit Vorsicht zu geniessen.

Das Jahr 2020 wird wahrscheinlich schlechter ausfallen, als viele heute noch glauben. Allein die bisherigen Zahlen für Januar und Februar waren erschreckend. Auch kann man nicht ausschliessen, dass es beim Kampf gegen das Coronavirus zu erneuten Rückschlägen kommt.

China wird zudem die wirtschaftliche Schwäche der restlichen Welt im zweiten Quartal zu spüren bekommen. Für das Gesamtjahreswachstum sollte man also von einer Zahl ausgehen, die näher an der Null als an den ursprünglich mal anvisierten knapp 6 Prozent liegen wird. Für 2021 dürfte aller Voraussicht nach das Umgekehrte gelten.

Welche europäischen Länder werden unter der Pandemie wirtschaftlich besonders zu leiden haben?
Das kann man zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht überschauen. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle: Krankheitsverlauf, Dauer und Ausmass der staatlichen Präventionsmassnahmen, Aufteilung von Dienstleistungen und Gewerbe, Aussenhandelsbeitrag, Stabilität der (Krisen-)Infrastruktur und des Haushalts, um nur die wichtigsten zu nennen. 

Viele Volkswirtschaften und Unternehmen sind hoch verschuldet. Macht es dieser Schuldenberg schwieriger, den wirtschaftlichen Schaden der Pandemie zu dämpfen?
Das ist sicherlich der Fall. So wie überhaupt die Verschuldung auch ein Brandbeschleuniger der Krise ist, da viele Marktteilnehmer zu Notverkäufen gezwungen sind, die wiederum den Kursfall weiter beschleunigen. Dazu zählen beispielsweise Investoren, die quantitative Modelle nutzen und aus Risikoaspekten preissensitiv verkaufen müssen.

«Mit Joe Biden hätte die Börse wenig Sorgen.»

Voraussichtlich wird der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden zum Herausforderer für Donald Trump. Wie würden Wirtschaft und Börse reagieren, sollte Biden gewinnen – und was würden vier weitere Jahre Donald Trump für die Konjunktur bedeuten?
Die Wirtschaft, vor allem die Börse, hatte sich bisher recht gut mit Trump arrangiert. Insbesondere, weil sich Trump so stark mit der Entwicklung des S&P 500 als Erfolgsmassstab identifiziert.

Im Sinne von «never change a winning team» hätten viele Marktteilnehmer es gerne bei der jetzigen Konstellation belassen, auch wenn nicht absehbar ist, welche langfristig negativen Folgen Trumps Präsidentschaft noch haben wird.

Bereits jetzt zeigt sich, dass viele nationale Institute und Ministerien, die für eine effektive Krisenbewältigung nötig sind, in den letzten drei Jahren geschwächt worden sind.

Mit Joe Biden hätte die Börse wenig Sorgen, er gilt als gemässigter Demokrat. Die Hauptsorge der Börse war immer, dass ein Demokrat die Steuerreform rückgängig machen würde.

Aber im jetzigen Umfeld kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass auch ein wiedergewählter Präsident Trump die Unternehmen in der Post-Krisenzeit wieder zur Kasse bitten müsste.

Gold gilt als Krisenwährung – doch der Preis für das Edelmetall sinkt derzeit. Was sind die Gründe für den Wertverlust – und wie wird sich der Goldpreis entwickeln?
Der Preis für Gold sinkt derzeit, da es von vielen Marktteilnehmern verkauft werden muss, um Liquiditätslücken zu stopfen. Doch dieser Rückgang ist wie die Corona-Kise selbst temporär.

Das Interview wurde schriftlich geführt.