Manchmal sind schlechte Nachrichten auch ganz gut. In der Schweiz sind derzeit 217'000 Personen ohne genügende Beschäftigung – eine spektakuläre Zahl, die schlecht zum Lamento über den Fachkräftemangel passen will. Und schlecht dazu, dass die Konjunktur seit Jahren zuverlässig brummt.

Die neuen Zahlen, letzte Woche veröffentlicht, präsentierten zwar eine recht positive Entwicklung: Die Arbeitslosenquote, gemessen am internationalen ILO-Standard zur Messung der Erwerbslage, liegt nun bei 4,4 Prozent. Das war eine klare Verbesserung gegenüber dem Jahresbeginn. Doch eines blieb dennoch sichtbar: Wir haben eine beträchtliche Sockelarbeitslosigkeit. Nur so erklärt es sich, dass es im Herbst 2018 mehr Erwerbslose gibt als während der legendären Immobilienkrise der 1990er Jahre.

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Zugleich ist die Schweiz nicht mehr der Jobmarkt-Champion, für den wir sie so gern halten. In Deutschland liegt die Erwerbslosenquote bei 3,4 Prozent, in den Niederlanden bei 3,8 Prozent, in England bei 4,0 Prozent. 

Erst hoch, dann nicht runter

Das Phänomen lässt sich inzwischen über mehrere Konjunkturzyklen nachzeichnen: Kriselt's, so steigt die Arbeitslosigkeit; geht's besser, so sinkt sie nicht mehr ab auf das alte Niveau. Michael Siegenthaler schätzt, dass die Sockelarbeitslosigkeit heute irgendwo zwischen 3,5 und 3,8 Prozent pendelt: «In den frühen nuller Jahren waren es weniger als 3 Prozent», so der Arbeitsmarktexperte des ETH-Forschungsinstituts KOF. Womit auch die Langzeiterwerbslosigkeit gestiegen ist: Etwa 80'000 Menschen haben ernsthaft Mühe, einen neuen Platz zu finden im Arbeitsmarkt.

Was ist geschehen? Ökonom Siegenthaler sieht eine mögliche Lösung darin, dass mehr Menschen in den offiziellen Arbeitsmarkt drängen. «Wer keine Stelle hat, verschwindet nicht mehr so einfach aus der Statistik», so der KOF-Experte. Da seien die Ausländer, die nicht mehr so rasch ihre Koffer packen, wenn sie den Job verlieren. Oder da seien die Frauen, die weniger bereit sind, ihre Stellensuche aufzugeben, um sich in den Haushalt zurückzuziehen. Dies schlägt sich in einer anderen spektakulären Zahl nieder: Innert eines Jahres – so die neusten Zahlen aus dem Bundesamt für Statistik – sprang die Zahl der arbeitenden Frauen in der Schweiz um 2,4 Prozent nach oben; bei den Männern betrug das Plus nur 0,3 Prozent

Und da ist, drittens, ein mächtiger Gegendruck: Bei allen sozialstaatlichen Angeboten – von der IV bis zum Sozialamt – wird die Schraube angezogen. Was wiederum mehr Menschen dazu treibt, nach Stellen zu suchen und sich zu bewerben, obschon sie kaum Chancen haben. Dass das Volk an diesem Wochenende über «Sozialdetektive» abstimmt, wäre das aktuelle Puzzlestück zu diesem Bild.

Daniel Lampart, der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes SGB, nennt ein weiteres Beispiel: In der neusten Erwerbslosen-Statistik fiel ihm eine Gruppe speziell ins Auge – die 55- bis 64-Jährigen. Für sie war die Entwicklung in den letzten zwölf Monaten speziell ungünstig. «Es gibt heute weniger Frühpensionierungen als früher», folgert Lampart. «Früher boten die Firmen älteren Arbeitnehmern eher eine gute Frühpensionierung an, wenn es Probleme gab. Bei der heutigen Situation in den Pensionskassen kostet das jetzt mehr. Also wird heute schneller entlassen.»

 

Arbeitslosigkeit - unterschiedlich nach Definition

RAV-Zahlen: Die Schweizer Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 2,4 Prozent. Diese Zahl, veröffentlicht vom Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, erfasst die Menschen, die keine Arbeit haben und bei einem RAV zur Stellensuche gemeldet sind; nicht aber jene Personen, die keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld haben – die Ausgesteuerten. Die offizielle Schweizer Arbeitslosenrate bietet also ein geschöntes Bild.

ILO-Umfrage: Parallel dazu erarbeitet das Bundesamt für Statistik die sogenannte Erwerbslosenquote nach der Definition der International Labour Organization ILO. Dabei wird per Telefonumfrage erfasst, wie viele Menschen in der Vorwoche kaum gearbeitet haben und eine Stelle suchen. Die hier erfasste Erwerbslosigkeit ist nicht nur kompletter, sondern sie ermöglicht auch einen internationalen Vergleich. Denn auch die anderen OECD-Staaten messen das Problem nach dem ILO-Muster.

Die Frage der Zukunft

Und hinter allem steht der eigentliche Umsturz: Die in der Schweiz neu geschaffenen Arbeitsplätze erfordern höhere Qualifikationen als jene Stellen, die verschwinden.

«Es geht nicht um die Anzahl der Stellen», sagt Simon Wey, «es mangelt auch nicht an Arbeit. Alles dreht sich um die Qualifikation der Areitskräfte.» Wey, der Arbeitsmarktexperte des Arbeitgeberverbandes, erinnert an die erfreuliche Entwicklung der Erwerbstätigenquote: Sie stieg in den letzten Jahren stetig, inzwischen gehen fast 80 Prozent der Erwachsenen hierzulande einer Arbeit nach, mehr als in jedem EU-Land. Dennoch bleibt ein gewisser Anteil der Menschen vor der Tür. «Die Frage wird mit der fortschreitenden Digitalisierung immer wichtiger: Wie können wir den niedrig qualifizierten Arbeitnehmenden die gefragten Qualifikationen vermitteln?», so Simon Wey. «Wer übernimmt hier welche Verantwortung?»

Echte Antworten braucht es spätestens, wenn das Land in die nächste Rezession schlittert. Und solche Antworten sucht nun auch der Bund: Das Staatssekretariat Seco hat zwei Studien lanciert, um die Entwicklung der Langzeiterwerbslosigkeit und Strategien dagegen zu untersuchen. Die Ergebnisse sollen Ende 2019 vorliegen.

(rap)