Plötzlich hoffen alle, dass sich die Geschichte wiederholt. Vor hundert Jahren, nach der Grippepandemie von 1918, setzten die Goldenen Zwanziger ein: Eine erlöste Menschheit heizte die Wirtschaft an, schuf kulturelle Blüten und setzte techno­logische Durchbrüche um.

Jetzt könnte es doch ähnlich laufen: Nach der Corona-­Pandemie dürfen wir wieder frei arbeiten, frei reisen, frei Geld ausgeben, frei leben. Sobald die Impfung ihre globale Wirkung entfaltet hat, kann eine Partyzeit anbrechen. Wir werden radikal nachholen, was allzu lang im Lockdown steckte. Dies die Hoffnung.

Bereits zeichnen die Konjunkturaugu­ren entsprechende Kurven; sie zeigen für das Jahr 2021 ein steiles Plus beim Brutto­inlandprodukt. Und bereits haben die Börsenkurse ein solides Gewinnwachstum der Firmen eingepreist. Warum auch nicht? Die Zinsen sind tief, die Sparquote steht auf einem Rekordwert, auch in der Schweiz. Womit wir eine solide Basis für einen schwungvollen Aufholkonsum haben.

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«Das Geld, das wir jetzt so ­locker einsetzen, wird Bund, Kantonen und Gemeinden bald an anderer Stelle brutal fehlen.»

Nur: Im Detailblick wirkt das Bild plötzlich trüber. Denn welche Komponente soll eigentlich das BIP-Wachstum anfeuern? Etwa die staatlichen Ausgaben? Schwierig. Das Geld, das wir jetzt so ­locker für Lockdowns einsetzen, wird Bund, Kantonen und Gemeinden bald an anderer Stelle brutal fehlen. Es ist dies eine Binsenwahrheit, die im Corona-Tunnelblick gern vergessen geht.

Hängt es also an Bau und Investitionen? Kaum. Die Unternehmen, verunsichert durch Staatsübergriffe sondergleichen, werden zuerst einmal mit Schuldenabbau und Absicherung beschäftigt sein.

Beschwingt uns also der Konsum? Auch da hakt es. Umfragen deuten an, dass es Herr und Frau Schweizer nach dem ­Virusschock eher bescheiden angehen möchten: Sie wollen weniger für Kultur oder Sport ausgeben und seltener in die Ferne fliegen. Und allgemein trifft die Lockdown-Rezession die ärmere Bevölkerungshälfte besonders hart; diese Menschen aber werden es sich nicht ­leisten können, irgendwelche «Great Gatsby»-­Allüren zu entwickeln. Die Ersparnisse und Kursgewinne fallen bei den Reicheren an, aber diese Schichten dürften ihren Konsum sowieso nicht mehr gross steigern wollen.

«Schon seit längerem verspürte die Schweiz die Zipperlein ­einer alternden Volkswirtschaft.»

Bleibt das Rückgrat der helvetischen Wirtschaft – die Exportindustrie. Da berichten die Elektronik-, Metall-, Maschinen- oder Uhrenhersteller von einer flauen Auftragslage weltweit. Schon seit längerem überstrahlen die Erfolge der Pharmaindustrie die Tatsache, dass die Wertschöpfung vieler Schweizer Indus­triebranchen in einem stetigen Sinkflug war.

Doch kein Zweifel: Sobald die Lockdown-Politik am Ende ist, dürfen wir eine gewisse Aufholjagd der gebeutelten Wirtschaft erwarten. Ob danach goldene 2020er folgen, ist allerdings eine andere Frage. Schon seit längerem jedenfalls verspürte die Schweiz die Zipperlein ­einer alternden Volkswirtschaft. Das Wirtschaftswachstum – gemessen als BIP pro Kopf – hatte in den vergangenen 25 Jahren durchschnittlich noch um magere 1 Prozent zugelegt.

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Die Ausgangslage vor Corona war also eher gräulich als goldig. Aber in der schwärzesten Krise erscheint die Normalität davor halt in einem besonders hellen Licht.

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