Die Inflationsrate im Euroraum ist Ende 2021 auf einen weiteren Rekordwert gestiegen: Die Konsumentenpreise lagen im Dezember um 5,0 Prozent über dem Niveau vom Vorjahr

Dies teilte das Statistikamt Eurostat am Freitag nach einer ersten Schätzung mit. Es ist die höchste Inflationsrate seit der Einführung des Euro – beziehungsweise seit Beginn der Statistik im Jahr 1997.

Im Vormonat hatte die Teuerungsrate bei 4,9 Prozent gelegen. Ein Ökonomenpanel von «Bloomberg» hatte lediglich ein Plus von 4,8 Prozent erwartet, ein Panel von «Reuters» sagte 4,7 Prozent voraus (Median der Angaben).

Auch interessant

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Konsumentenpreise im Dezember um 0,4 Prozent. Getrieben wurde Europas Teuerung einmal mehr durch einen extrem starken Anstieg der Preise für Energie, die sich zum Vorjahresmonat um 26 Prozent verteuerte. Lebens- und Genussmittel waren im Dezember 3,2 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Ohne Energie, Lebens- und Genussmittel stieg das Preisniveau im Dezember um 2,6 Prozent. Diese sogenannte Kernrate wird von vielen Ökonomen als verlässliches Mass für den Inflationstrend angesehen.

«Worauf wartet die EZB noch?»

Das mittelfristige Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent wurde damit deutlich überschritten. Eine Zinserhöhung ist aber weiter nicht in Sicht. Die EZB sieht die Inflation vor allem durch Sonderfaktoren getrieben und rechnet im Verlauf des Jahres mit einem Rückgang der Inflationsrate.

Unser Podcast zum Thema

Alle weiteren Folgen von «Handelszeitung Insights» finden Sie hier.

Als «überraschend» bezeichnet Jörg Krämer, der Chefökonom der Commerzbank, den Anstieg auf 5,0 Prozent: «Die Kerninflation ist nur deshalb nicht weiter gestiegen, weil der saisonübliche starke Anstieg der Preise für Pauschalreisen wegen Corona diesmal nur mit einem Drittel des üblichen Gewichts in die Berechnung einging.» Und er kommentierte: «Der Inflationsdruck ist hoch. Worauf wartet die EZB noch?»

Für die EZB-Politik sei das heutige Inflationsergebnis «ambivalent», meint indes Ralf Umlauf, Senior Economist der Helaba: «Zum einen liegt der Wert über den Erwartungen, zum anderen deutet sich im laufenden Monat und im weiteren Jahresverlauf eine geringere Inflationsrate an. Die EZB steht unseres Erachtens dennoch weiter unter Druck.»

Inflationsgipfel erreicht?

Auch Thomas Gitzel von der VP Bank denkt, dass EZB-Chefin Christine Lagarde nun nicht durchatmen kann: «Die EZB setzt mit ihrer noch immer ultra-expansiven Geldpolitik fest auf niedrigere Teuerungsraten. Während den Fed-Offiziellen die Furcht vor den hohen Inflationsraten ins Gesicht geschrieben steht, bleiben die EZB-Mitglieder gelassen. In den USA möchte man mittlerweile von einem nur temporären Anstieg der Inflationsraten nichts mehr wissen. Die EZB hält aber genau an dieser Sichtweise fest.»

Entscheidend sei nun, dass ein erstes Zeichen gesetzt wird, so der Chefökonom der VP Bank: Würden die Inflationsraten nicht fallen, sähen sich die Währungshüter weiterer heftiger Kritik ausgesetzt.

Alexander Krüger vom Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe denkt, dass der Inflationsgipfel nun erreicht sein könnte.  Aber vorerst werde die Inflationsrate «hartnäckig hoch» bleiben. Ein stärkerer Rückgang stehe erst für das zweite Halbjahr auf dem Zettel. «Damit behält der Inflationsanstieg den Stempel 'temporär', auch wenn 'temporär' noch dauert», so Krüger. «Die EZB dürfte ihre Wertpapierkäufe nicht schneller senken und am tiefen Leitzins festhalten.»

(AWP, «Bloomberg», rap)