Sommerzeit ist eine Zeit zum Nachdenken. ­Zumindest in meinem Beruf. Für ein paar ­Wochen wollen unsere Kunden uns Ökonomen weder sehen noch hören. Nachdenken über die grossen Themen ist angesagt. Themen, die von fundamentaler Bedeutung sind, die aber im Alltag untergehen.

Themen wie die Frage nach den Wachstumspotenzialen der Zukunft. Trotz Corona gilt wohl unverändert: Die Weltwirtschaft bleibt im Umbruch. Die wirtschaftliche Bedeutung Asiens nimmt weiter zu. Die wirtschaftliche Bedeutung der USA nimmt weiter ab, jene Europas ebenfalls.

Dabei geht es nicht allein um China. In den kommenden zwanzig Jahren sollte Indiens Volkseinkommen in Dollar gerechnet genauso stark zulegen wie das von China. Indonesiens Wachstum allein wird in diesem Zeitraum grösser sein als die Zunahme des Wohlstands in Europa.

2040 wird die Schweiz etwa auf Platz 35 rangieren

Gemeinsam mit Europa verliert auch die Schweiz weiter an Bedeutung. Noch immer glauben hierzulande viele Menschen, dass wir eigentlich in den noblen Club der grossen 20 Volkswirtschaften, den G20, gehören. Im Jahr 2040 wird die Schweiz sich aber irgendwo um Platz 35 der Rangliste der grössten Volkswirtschaften ein­finden. Weit hinter den Philippinen, Thailand und Bangladesch. Vielleicht als Trost: Bis dahin wird das Brexit-­Britannien von der Türkei und Mexiko überholt sein.

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Corona wird diesen Prozess eher beschleunigen als aufhalten. Zumindest deuten dies die Analysen des ­Internationalen Währungsfonds an. Das liegt nicht nur daran, dass der, der mehr hat, auch mehr verlieren kann.

Auch die gut gemeinte Politikreaktion der Industrienationen auf Corona wird den relativen Abstieg weiter fördern. Kurzfristig war die grenzenlose Fiskal- und Geldpolitik hilfreich, mittelfristig wird sie sich aber als Hypothek erweisen.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners. Er war zuvor zwölf Jahre Chefökonom des Schweizerischen Bankvereins beziehungsweise der UBS. Er unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Das liegt zum einen am rapiden Anstieg der fiskalischen Defizite. So werden die bisher verabschiedeten Fiskalmassnahmen das Budgetdefizit der USA auf gut 25 Prozent des Volkseinkommens hochschnellen lassen. Das ist gut das Doppelte von dem, was die Griechen in ihrer schlimmsten Phase fabriziert ­haben.

Auf diesen «Spitzenwerten» wird wohl die Euro-­Zone landen. Damit steigen die Schulden der Regierungen in einem bisher ungekannten Ausmass.

Die Steuern steigen – schon bald

Niemand ist noch so naiv und glaubt daran, dass Schulden zurückbezahlt werden. Das mit der Belastung der zukünftigen Generationen ist dementsprechend nur Folklore. Angesichts von Rekorddefiziten und Rekordverschuldung wird die Steuerbelastung bereits in den kommenden Jahren wieder zu steigen beginnen. Und nicht erst, wenn unsere Kinder gross sind.

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Warum? Weil sonst die Geldpolitik dauerhaft gezwungen sein wird, das zu tun, was sie jetzt tut: Staatsanleihen kaufen und dafür Geld drucken. Das wird kaum gehen, weil im Gegensatz zur Finanzkrise dieses Geld diesmal sogar in der realen Wirtschaft ankommt. Damit schaffen wir das erste Mal seit vielen Jahren ­wieder ein echtes Inflationspotenzial.

«Gerade in dem Moment, in dem niemand mehr an die Rückkehr der Inflation glauben wollte, ist diese Gefahr realer geworden.»

Im kommenden Aufschwung nach Corona werden die Zentralbanken also nicht mehr gelassen zuschauen können, wenn die Inflationsraten sich nach oben bewegen. Schon verrückt, gerade in dem Moment, in dem niemand mehr an die Rückkehr der Inflation glauben wollte, ist diese Gefahr realer geworden als in den letzten dreissig Jahren.

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Tieferes Wachstum, höhere Verschuldung, steigende Inflationsraten und ein Bedeutungsverlust der west­lichen Industrienationen: Die Welt wird sich nach ­Corona weiterdrehen, aber sie wird eine andere sein.