Innovative Unternehmen, renommierte Hochschulen, politische Stabilität und gesellschaftlicher Zusammenhalt – die Schweiz gilt in vielen Bereichen als Weltspitze. Trotz eines kleinen Binnenmarktes und ohne natürliche Ressourcen gehört sie zu den 20 grössten Volkswirtschaften der Welt und erwirtschaftet eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Die Schweiz ist ganz vorne mit dabei – doch wie lange noch?

Verschiedene Ländervergleiche wie das Ranking des World Economic Forum WEF oder das Ease-of-Doing-Business-Ranking der Weltbank haben jüngst gezeigt, dass die Schweiz an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Ökonomen warnen schon seit Jahren vor den negativen Folgen des schwachen Produktivitätswachstums. Jetzt hat auch noch die Corona-Krise gezeigt, dass der Staat und die Wirtschaft oft weniger innovativ sind, als viele gemeint haben – die Faxgeräte zur Übermittlung der Corona-Fallzahlen oder die weitgehend inexistenten Home-Office-Konzepte vieler Organisationen sind nur zwei Beispiele.

Reto Savoia ist CEO von Deloitte Schweiz.

Demographische Herausforderungen und internationaler Druck

Damit nicht genug: Zusätzlich zur Überwindung der Corona-Krise, die unser Land dieses Jahr in eine tiefe Rezession drückt, steht der Wirtschaftsstandort Schweiz vor grossen langfristigen Herausforderungen – deren Lösung sollte nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Die Altersvorsorge kann im gegenwärtigen Modell kaum mehr finanziert werden und hochspezialisierte Fachkräfte gehen uns langsam aus. Die Digitalisierung setzt Unternehmen und Beschäftigte einem ständigen Veränderungsdruck aus und bringt zudem Cyberrisiken mit sich. Der für die Schweiz so wichtige internationale Handel gleicht immer mehr einem Hürdenlauf und die von der OECD vorangetriebenen Steuerreformen untergraben unsere Standortvorteile. Werden diese Herausforderungen nicht rechtzeitig angegangen, droht in einigen Jahren der Abstieg ins Mittelfeld.

Es ist deshalb höchste Zeit, etwas gegen den schleichenden Abwärtstrend zu unternehmen. Gefordert ist zum einen die Politik, denn sie bestimmt die Rahmenbedingungen und beeinflusst damit massgeblich die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Zum anderen sind die Unternehmen in der Pflicht. In ihren Produkten und Dienstleistungen kommt die Innovationskraft einer Volkswirtschaft zum Ausdruck.

Innovation, Unternehmertum und Nachhaltigkeit

Aber wo genau müssen wir ansetzen und was ist zu tun? Basierend auf einer Umfrage unter mehr als 400 Führungskräften haben wir bei Deloitte acht zentrale Handlungscluster identifiziert, in denen der Staat und die Unternehmen viel bewegen können. Es geht um Themen wie Innovation, Unternehmertum, internationaler Handel oder Nachhaltigkeit. Für jeden Handlungscluster schlagen wir zahlreiche Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und der hier ansässigen Unternehmen vor – ganz nach dem Motto Power up Switzerland.

Die Politik sollte etwa die internationale Öffnung vorantreiben, die Regulierungsdichte senken, die Digitalisierung der Verwaltung beschleunigen, Unternehmertum stärker in die Schulbildung einfliessen lassen, das Arbeitsrecht endlich an das digitale Zeitalter anpassen und eine Vision von der Schweiz als Nachhaltigkeits-Hub entwickeln.

Aus unserer Sicht braucht es aber vor allem einen Beitrag der Privatwirtschaft. Unternehmen müssen ihre Widerstandsfähigkeit stärken und rasch aus dem Krisenmodus in einen nachhaltigen Wachstumsmodus wechseln.

Den Unternehmen ist mit Corona klargeworden, dass sie ihre operative Belastbarkeit erhöhen sollten: Hochsensible, zeitkritische Zulieferketten reissen rasch – eine rein kostenorientierte Standortstrategie kann leicht zum Bumerang werden. Ein Grossteil der Unternehmen ist sich auch bewusst, dass sie digitale Technologien breiter einsetzen müssen. Mit mobilen digitalen Lösungen können Unternehmen ihre Kundenkontakte weiter verbessern. Durch die Nutzung von mobilen Technologien bei der gesamten Abwicklung von Aufträgen und Projekten, im Zusammenspiel mit der Datenspeicherung in der Cloud, ergeben sich exponentielle Potenziale.

Anzeige

Arbeit an weichen Faktoren nötig

Daneben sind es vor allem «weiche Faktoren», an denen Unternehmen in der Schweiz arbeiten sollten. Viele Mitarbeitende mussten in den letzten Monaten improvisieren, sie haben Eigenverantwortung an den Tag gelegt und sind oft über sich hinausgewachsen. Dies sind ideale Voraussetzungen für eine umfassende Innovationskultur und mehr gegenseitiges Vertrauen. Dazu gehört auch, dass Vorgesetzte eine positive Fehlerkultur vorleben und ein Scheitern nicht automatisch zum Karriereknick führt.

Ein Kulturwandel soll den Mitarbeitenden mehr Mobilität, Flexibilität und Verantwortungsbewusstsein geben, Diversität fördern, sowie helfen, unausgeschöpftes Arbeitspotenzial bei Frauen oder in der Altersgruppe 50plus besser zu nutzen.

Starke Marken mit einem authentischen Unternehmenszweck geben Halt in der Krise. Um die Unternehmensreputation für die Vertrauensbildung und auch im Hinblick auf neue Gesetze und Forderungen von Anspruchsgruppen zu stärken, braucht es eine integrierte Nachhaltigkeitsstrategie mit messbaren Zielen und einer transparenten Berichterstattung – nicht nur zum Geschäftsergebnis, sondern auch über den Einfluss des Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft.

Fortschritt statt Stillstand

Die Schweiz hat eine beispiellose Erfolgsgeschichte hinter sich. Unser Land ist in den letzten beiden Jahrhunderten zu einer der erfolgreichsten und innovativsten Volkswirtschaften aufgestiegen – das hat vielen Generationen Wohlstand und Sicherheit gebracht. Langsam aber sicher kommen wir aber an einem kritischen Punkt. Wir laufen Gefahr, diese hervorragende Ausgangslage zu verspielen.

Es ist deshalb entscheidend, dass nach dem Corona-Schock nun ein zweiter Ruck durch die Wirtschaft geht. Die aussergewöhnliche Zeit und die staatlichen Unterstützungen haben ein historisch einmaliges Zeitfenster geöffnet, das auf keinen Fall ungenutzt verstreichen darf. Fortschritt statt Stillstand muss die Devise sein, und zwar nicht nur beim Staat, sondern gerade auch bei den Unternehmen in unserem Land. Ich bin sicher, die Schweiz kann das!