Für wie gefährlich halten Sie die steigende Inflation in den USA, und wie wird dieser Preisschub die Märkte beeinflussen?
Der jüngste Anstieg der US-Konsumentenpreisinflation dürfte transitorisch und limitiert bleiben. Er ist auf eine «Engpass-Wirtschaft» zurückzuführen – nicht auf Lohn-Preis-Spiralen wie in den 70er-Jahren.

Selbst, falls er sich über die Basiseffekte, beispielsweise bei Rohstoffpreisen, oder über die bekannten Engpässe hin auf die Löhne überträgt, ist keineswegs klar, dass Unternehmen die Kostenanstiege weitergeben können. Denn dank der Krise sind ihre Gewinnmargen gestiegen und es ist zu erwarten, dass die unsichtbare Hand des freien Wettbewerbes weiterhin als mächtiger Preisüberwacher agiert.

Selbst falls die Inflation doch hartnäckiger ausfallen sollte, würden Notenbanken ihre Geldpolitik entsprechend rasch anpassen. Vergessen wir nicht, dass Inflation in entwickelten Märkten letztlich ein politischer Entscheid ist.

Burkhard Varnholt

Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.

Quelle: ZVG
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Die Gerüchte über einen baldigen Börsengang von On Running halten sich hartnäckig. Wäre das Schweizer Unternehmen ein attraktiver Kandidat für einen IPO?
Als Langstrecken-Läufer schätze ich die Laufqualitäten der On-Running Schuhe zwar sehr, doch ihre Börsenqualitäten kann ich, ehrlich gestanden, weniger beurteilen. Gleichwohl will ich Ihnen gerne unsere aktuellen Schweizer Aktien-Favoriten gerne nennen. Da wären Schindler, Georg Fischer, Ascom, Julius Baer und Zurich, die allesamt von der globalen Konjunktur profitieren, attraktiv bewertet sind und über starke Marktpositionen verfügen.

Die Recherche-Abteilung der Credit Suisse hat mehrere Supertrends ausgemacht, welche das Börsengeschehen in Zukunft bestimmen könnten. Welches sind die drei wichtigsten, und wie können Anlegerinnen ihr Portfolio danach ausrichten?
Besonderes Augenmerk sollten Anleger und Anlegerinnen aktuell den Supertrends «Infrastruktur» und «Klimawandel» widmen. Die beiden sind eng miteinander verwandt.

Die angekündigten Fiskal-Investitionen in den USA, Europa und China in eine bessere, nachhaltigere Infrastruktur für Mobilität, Kommunikation, Wasser- und Stromversorgung werden gewaltige Aufträge an spezialisierte Unternehmen beinhalten. Gleichwohl haben die Aktienkurse in diesen Bereichen weniger stark als die Gesamtbörse in den letzten zwölf Monaten angezogen.

Das liegt daran, dass die angekündigten Investitionen noch Zukunftsmusik sind. Aber alles spricht dafür, dass sie bereits ab dem nächsten Jahr 2022 vom Wunsch zur Realität werden.

Last but not least kommen die Investoren heutzutage gar nicht mehr umhin als in Technologie zu investieren. Sie ist schon lange nicht mehr auf die traditionellen IT-Unternehmen beschränkt, sondern immer mehr wird fast jedes Unternehmen irgendwie auch ein IT-Unternehmen. Diese Entwicklung schafft weiter grosse Chancen – sogar bei traditionellen Value-Unternehmen.

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«Der jüngste Anstieg der US-Konsumentenpreisinflation dürfte transitorisch und limitiert bleiben.»

Im ersten Quartal hat der Franken gegenüber Euro und Dollar an Wert eingebüsst. Wie lange wird diese Schwäche des Frankens anhalten?
Der Franken zahlt die tiefsten Zinsen und Kapitalmarktrenditen der Welt. Kein Wunder, verliert er in einem globalen Wirtschaftsaufschwung an Attraktivität. Doch seine Qualitäten sind langfristiger Natur. Der Franken ist seit einem Jahrhundert die stärkste Währung der Welt – das ändert sich so rasch nicht. Gleichwohl spricht aktuell einiges für eine anhaltend, moderate Höherbewertung im Euro und im Dollar – die Zinsdifferenz, die Kaufkraft und die Konjunktur.

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«Der Franken ist seit einem Jahrhundert die stärkste Währung der Welt – das ändert sich so rasch nicht.»

Blicken wir auf das allgemeine Geschehen an den Finanzmärkten: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Börsen?
Mittlerweile beherrscht weniger die Corona-Pandemie die Märkte als ihre Zweitrunden-Effekte. Die dynamische Erholung der Weltwirtschaft schafft zahlreiche Engpässe, beispielsweise bei Micro-Chips, Container-Kapazitäten oder Baumaterial.

Die resultierenden Preisanstiege, die durch Basiseffekte doppelt ins Gewicht fallen, bewegen aktuell die Debatte über Inflation und Geldpolitik, vor allem in den USA. Da die meisten Aktien-Bewertungen hoch sind, richten Anleger ihr Augenmerk besonders auf die zukünftigen Gewinn-Perspektiven und suchen weiterhin nach «Value»-Opportunitäten.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Als vergleichsweise defensive Börse sind Schweizer Aktien aktuell der globalen Konsolidierung etwas weniger ausgesetzt als andere. Gleichwohl ist das aktuelle Umfeld anfällig für vorübergehend höhere Volatilität – die Fragen zu Inflation, höheren Steuern und der Zukunft der Geldpolitik, kombiniert mit einer abnehmenden Wachstumsdynamik könnten kurzfristig neue Kaufgelegenheiten schaffen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Langfristig gilt unverändert, dass «Investiert-Sein» an der Börse mehr bringt als «Abseits-Stehen».

Das Nullzins-Umfeld wird uns noch lange begleiten und die Aktienmarkterholung entspricht eher einem Marathon als einem Sprint. Unser Kursziel für den SMI in zwölf Monaten heisst 11'425.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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