Mit dem Jahr 2020 endete das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Angesichts der Tatsache, dass die weltweiten Treibhausgasemissionen seit 1990 um fast die Hälfte gestiegen sind, wird es immer dringlicher, Massnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel aufzuhalten. Ein Ziel des aktuellen Klimagipfels soll sein, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, das 2015 von 196 Vertragsparteien auf der COP21 verabschiedet wurde.

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Der Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2050 soll letztlich durch schärfere nationale Emissionsminderungsziele konkretisiert und erreicht werden. Nach neuesten Schätzungen der UN führen die aktuellen nationalen Pläne zu einem Anstieg der weltweiten Emissionen bis zum Jahr 2030 von rund 16 Prozent. Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die Emissionen im Jahr 2030 aber um 45 Prozent unter denen von 2010 liegen. Hier liegt die Herausforderung der Konferenz.    

Erneuerbare Energie muss rascher ausgebaut werden  

Der Energieverbrauch der Industrie, von Gebäuden und dem Verkehr zählen neben der Landwirtschaft zu den Hauptverursachern des CO2-Anstiegs. Für die Erreichung des Klimaziels muss auf der Angebotsseite, also der globalen Energieproduktion, der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden.
 

Tilmann Galler ist globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management  

Aktuell liegt deren Anteil bei 15 Prozent und wird beim momentanen Tempo des Ausbaus bis zum Jahre 2050 die Kapazität wahrscheinlich fast verdreifachen können. Dennoch würden die erneuerbaren Energieträger in diesem Szenario nur einen Anteil von rund 27 Prozent des Energiebedarfs abdecken.    

Der Knackpunkt ist, dass es nicht ausreicht, für die nachhaltige Reduktion des CO2-Austosses bestehende fossile Kapazitäten zu ersetzen, sondern dass auch der weiter steigende Energiebedarf in der Welt berücksichtigt werden muss.

Aufgrund von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum wird im jüngsten «International Energy Outlook 2021» ein Anstieg des weltweiten Energiebedarfs bis 2050 von knapp 50 Prozent prognostiziert. Ohne einen massiven Strukturwandel in der Energiepolitik werden die CO2-Emissionen sogar bis 2050 weiter steigen.    

Asiatische Länder müssten am stärksten bremsen    

Aus regionaler Sicht sind es insbesondere die Schwellenländer in Asien, deren Energiebedarf weiter steigt und deren Stromproduktion immer noch sehr stark auf fossilen Brennstoffen und insbesondere auf Kohle basiert. In den vergangenen zehn Jahren ist es zwar Europa und Japan gelungen, den Energiebedarf um 4 bis 6 Prozent zu reduzieren, aber in den Emerging Markets waren die Steigerungen um das Sechsfache höher als die Reduktionen.

Allein im vergangenen Jahr wurde in China fast doppelt so viel Kapazität an Kohlekraftwerken an das Netz gebracht, wie in Europa und den USA vom Netz genommen wurde. Hier wird deutlich, dass die Klimaziele ohne die Einbeziehung der Schwellenländer nicht erreicht werden können. Das wird auch eine der entscheidenden Aufgaben der COP26-Konferenz sein.    

Zuckerbrot und Peitsche    

Der notwendige Strukturwandel in der Energiegewinnung erfordert enorme Investitionen. Nach Schätzungen der International Energy Agency müssen global für das Erreichen der Klimaziele des Pariser Abkommens die jährlichen Ausgaben für erneuerbare Energien und für Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz von aktuell rund 700 Milliarden Dollar auf 2,3 Billionen Dollar ansteigen.

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Die Schwellenländer werfen zu Recht ein, dass es kaum akzeptabel ist, dass ambitionierte Klimaziele sie am wirtschaftlichen Aufstieg und damit an mehr Wohlstand für ihre Bevölkerung hindert.    

Industrieländer müssen ihre Versprechen einhalten    

Eine weitere wichtige Erwartung an die COP26 besteht darin, dass die Industrieländer ihr Versprechen einhalten, jährlich mindestens 100 Milliarden Dollar bereitzustellen, um die Entwicklungsländer bei ihren Klimazielen zu unterstützen. Zusicherungen, diese Unterstützung zu erhöhen, werden möglicherweise einige der wichtigen Entwicklungsländer dazu veranlassen, ihre Initiativen zur CO2-Reduzierung zu verstärken. Gleichzeitig müssen für diesen gewaltigen Investitionsbedarf günstige Finanzierungsbedingungen gewährleistet werden.    

Emissionen grüner Anleihen werden ein wichtiges Instrument sein, mit dem Regierungen neue klimaorientierte Ausgaben finanzieren werden. Die wachsende Popularität dieses Marktes überrascht nicht, da die starke Nachfrage nach diesen Schuldtiteln häufig zu niedrigeren Finanzierungskosten für die Emittenten führt. Zusätzlich erwarten wir weitere Anreize für die Investition privaten Kapitals.    

Private und Staat Hand in Hand    

Eine verstärkte Regulierung, die grosse Anleger dazu zwingt, ihre Portfolios klimafreundlich auszurichten, ist eine Möglichkeit, dies zu erreichen. Ein weiterer Weg sind Public-Private-Partnership-Modelle unter Beteiligung des öffentlichen und privaten Sektors.

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Mit dieser Strategie kann sichergestellt werden, dass Initiativen, deren Finanzierung für den Privatsektor allein zu riskant wäre, trotzdem realisiert werden können. Da in Summe Investitionen und Investitionsförderung eher wachstumsfördernd sind ist, das sicherlich die Zuckerbrotseite des möglichen Massnahmenkatalogs der COP26.    

Handelskonflikte möglich    

Der Kategorie Peitsche ist die Internalisierung der Kosten von CO2-Emission über das Vehikel der CO2-Zertifikate zugeordnet. Es wird mit grosser Sicherheit eines der schwierigsten Themen des Gipfels sein. Einige Regionen, etwa Europa, haben bereits erhebliche Fortschritte gemacht. Doch hinsichtlich der Einschätzung eines adäquaten CO2-Preises gibt es global erhebliche Differenzen. In der EU liegt der Preis auf dem Sekundärmarkt zurzeit bei 70 Dollar pro Tonne CO2, während der Preis chinesischer Zertifikate bei 7 Dollar handelt. Bis zum Erreichen einer globalen Lösung bestehen deshalb für Unternehmen Anreize, die Produktion in andere Regionen mit niedrigeren CO2-Kosten auszulagern. Ohne eine globale Lösung riskieren Regionen, die sich für einen Sonderweg entscheiden, auch Gewinnrückgänge bei heimischen Unternehmen. Falls Europa, mangels Einigung auf der COP26, eine CO2-Grenzsteuer einführen sollte, birgt das die Gefahr zukünftiger Handelskonflikte.    

Die Investoren haben die Wahl  

Anleger sollten sich bewusst sein, dass die globale Klimapolitik zu einer massiven Umleitung von Ressourcen und Kapital führen wird. Schon allein deshalb ist es strategisch sinnvoll, sich als Investor eher in den Kanälen zu engagieren, die zukünftig mit Liquidität geflutet werden, als in jenen, die trockengelegt werden sollen. Green und Sustainable Bonds, nachhaltig orientierte Aktienstrategien und Infrastruktur-Investitionen dürften zu den Gewinnern dieser Jahrhunderttransformation gehören.    

Schon allein deshalb lohnt sich der Blick nach Glasgow zur 26. UN-Klimakonferenz, um zu erfahren, ob dieser Trend eine weitere Beschleunigung erfährt.  

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