China begrüsst im Februar nicht nur die Sportler der Welt zu den 24. Olympischen Winterspielen, sondern auch das neue Jahr des Tigers. Aktieninvestoren werden ohne Wehmut Abschied vom alten Jahr des Büffels nehmen, da es mit einem Verlust von über 30 Prozent das schlechteste Börsenjahr seit 13 Jahren war. Doch chinesische Aktien sind aufgrund exzellenter Wachstumsaussichten in Teilen der chinesischen Wirtschaft sowie relativ günstiger Bewertungen wieder attraktiv für Anlegerinnen und Anleger geworden.    

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Die wirtschaftliche Dynamik in China beginnt sich zu verändern. Die Folgen der Ein-Kind-Politik und eine zukünftig niedrigere Produktivität des Kapitals dürften das Trendwachstum in China in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 4,2 Prozent verlangsamen. Dennoch wird China in zehn Jahren wahrscheinlich die USA als grösste Volkswirtschaft der Welt ablösen und damit zum grössten Binnenmarkt der Welt werden. Von dieser Entwicklung werden zahlreiche Unternehmen profitieren können.    

Eines haben jedoch die letzten fünf Jahre deutlich gemacht: Dynamisches wirtschaftliches Wachstum korrespondiert nicht immer mit hohen Aktienerträgen. In China haben staatliche Regulierung, eine restriktivere Konjunkturpolitik und Fehlallokationen von Kapital vor allem die Aktien im Banken-, Kommunikations- und Immobiliensektor beeinträchtigt. Die Kurse der grossen Online-Riesen kamen jüngst durch die staatlichen Initiativen für mehr gemeinsamen Wohlstand und mehr Wettbewerb unter Druck.

Über den Autor

Tilmann Galler ist globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management              

Doch die aktuellen Schwierigkeiten von einigen Blue-Chip-Unternehmen und ehemaligen Börsenstars sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zukunftsaussichten in zahlreichen Branchen des Aktienmarktes weiterhin hervorragend sind.    

Aktien im Gesundheitssektor beispielsweise profitieren vom wachsenden Bedarf einer immer wohlhabenderen und älteren Bevölkerung an medizinischen Produkten und Leistungen. Die Ausgaben für Gesundheit sind in den Jahren von 2010 bis 2020 von knapp 2 Billionen auf über 7 Billionen Yuan gestiegen. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (BIP) bedeutet das einen Anstieg von 4,9 Prozent auf 7 Prozent. Für die kommenden fünf Jahre wird immerhin noch ein jährliches Wachstum von knapp 9 Prozent erwartet.    

China, als weltweit grösster Emittent von CO2, hat sich verpflichtet, bis 2060 CO2-Neutralität zu erreichen. Der Bedarf an erneuerbarer Energieerzeugung und elektrischen Fahrzeugen wird deshalb in den kommenden Jahren rapide zunehmen. 2021 wurden in China, dem mit Abstand grössten Automobilmarkt der Welt, 3,5 Millionen Elektrofahrzeuge verkauft. Das ist ein Marktanteil von 13 Prozent und eine Steigerung zum Vorjahr von 157 Prozent. McKinsey erwartet, dass bis 2030 jährlich über 9 Millionen Elektroautos verkauft werden können. Nicht nur chinesische Automobilhersteller dürften von dieser Entwicklung profitieren, sondern auch die Zulieferindustrie. Vier der zehn weltweit grössten Batteriehersteller kommen inzwischen aus dem Reich der Mitte.    

Die Digitalisierung und Automatisierung bleiben nach unserer Einschätzung langfristige Wachstumstrends. In der Robotik hat China seinen Weltmarktanteil in den letzten zehn Jahren bereits auf 44 Prozent im Jahr 2020 steigern können und ist damit bestens positioniert, um am zukünftigen Wachstum zu partizipieren. Bei Software- und Halbleiterunternehmen ist das Streben nach Unabhängigkeit von ausländischem Know-how ein Wachstumstreiber in den kommenden Jahren. Staatliche Regulierung dürfte in diesen beiden strategischen Branchen wohl eher fördernd als einschränkend eingreifen.    

Trotz diesen vielversprechenden langfristigen Aussichten wird aktuell das Sentiment an den Aktienmärkten durch negative Einflüsse überlagert. Die Zero-Covid-Strategie und die Sanierung bzw. Abwicklung angeschlagener Unternehmen auf dem Immobilienmarkt beeinträchtigen die Investitionstätigkeit und damit das Wachstum. Doch die Entscheidungsträger in Peking haben bereits begonnen, den Hebel von Konsolidierung auf Unterstützung umzulegen. Eine expansivere Fiskal- und Geldpolitik sollte helfen, die Wachstumsdynamik in China im Jahr des Tigers wiederzubeleben.    

Das KGV chinesischer Aktien befindet sich nach der schwachen Wertentwicklung der letzten zwölf Monate wieder unter dem langjährigen Durchschnitt. Investoren bietet sich damit die Chance, mittelfristig von den oben beschriebenen Wachstumstrends in China zu profitieren. Bei der aktuell schlechten Nachrichtenlage bedarf es aber sicherlich der beiden Eigenschaften, die dem Tiger im chinesischen Horoskop zugeordnet werden: (mentaler) Stärke und Tapferkeit.

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