Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Christof Strässle:
Corona gehört aus Sicht der Finanzmärkte mittlerweile zum Alltag. Die Marktteilnehmenden scheinen sich in Anbetracht der stetig ändernden Tagesnachrichten auf die lange Frist auszurichten. Hier zeigen die Signale weiterhin auf Erholung. Dennoch sollte der Einfluss von Virus-Mutationen nicht verharmlost werden. Sie stellen einen erheblichen Unsicherheitsfaktor bezüglich der kurz- bis mittelfristigen Konjunkturentwicklung dar. Zudem sind die angespannte Corona-Situation in einigen asiatischen Ländern sowie die von China vorgelebte, rigorose Lockdown-Politik beim Auftreten neuer Infektionsherde latente Störfaktoren für die globalisierten Lieferketten.

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In den USA droht wieder einmal eine Krise über die Staatsfinanzierung – ein Shutdown scheint möglich. Die Ratingagentur Fitch hat darum ihre Bewertung für US Treasuries auf «Negativ» gesenkt. Was hätte eine erneute Abstufung für Folgen für die Börsen?
Ich erachte es als wenig wahrscheinlich, dass es zu einem Shutdown kommt. Die USA stehen immer wieder an diesem Punkt und finden jeweils kurz vor Schluss eine politische Einigung. Es ist offensichtlich, dass mit der vorliegenden Fiskalpolitik der USA der Schuldenberg kontinuierlich steigt. Folglich gilt es auch die technischen Begrenzungen anzupassen. Das formale Kreditrating spielt für mich im Falle der USA eine untergeordnete Rolle. US Treasuries sind ein so bedeutender Bestandteil im globalen Finanzsystem, dass eine Umgehung derselben heute nicht praktikabel ist und das Rating kein relevanter Treiber der Rendite darstellt.

Christof Strässle

Christof Strässle ist Gründungs- und Managing Partner der Strässle Schumacher AG in Luzern. Strässle Schumacher ist spezialisiert auf unabhängige Vermögensberatung und strategische Finanzplanung.

Quelle: ZVG

Die Lust auf Investitionen in China hat mit Blick auf die Interventionen der Regierung in die Wirtschaft stark nachgelassen. Was ist Ihre Haltung in dieser Frage?
Die jüngsten regulatorischen Ankündigungen haben sehr wohl aufgeschreckt und bei einzelnen Titeln zu erheblichen Kurskorrekturen geführt. Die chinesische Führung scheint gemäss meiner Beurteilung den politischen Fokus vermehrt auf die soziale Verteilung des Wachstums zu legen. Dies schliesst weitere Eingriffe in die Privatwirtschaft nicht aus. Die ökonomische Bedeutung von China wird systematisch zunehmen. Dies allein schon aufgrund der Wachstumsraten und geopolitischen Stellung. Darüber hinaus besteht für die chinesische Führung im relativen Vergleich zu westlichen Industrienationen ein grösserer Handlungsspielraum für fiskal- und geldpolitische Unterstützungsmassnahmen. Ein Engagement in China ist für mich daher stets als strategische, längerfristige Position zu betrachten.

Der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini zeichnet das Schreckgespenst einer Stagflation an die Wand – also eine Periode geprägt von steigenden Zinsen und schwachem Wirtschaftswachstum. Für wie realistisch halten Sie ein solches Szenario?
Stagflation umschreibt in erster Linie ein schwaches Wachstum gekoppelt mit hoher Inflation. Das aktuell hohe Wirtschaftswachstum ist eine Folge des coronabedingten Einbruchs vor einem Jahr. Ich teile die Meinung, dass künftig ein bescheidener Wachstumspfad realistisch ist, sehe jedoch den nachhaltigen Inflationsdruck vorerst nicht. Ob eine erhöhte Inflation tatsächlich in steigenden Zinsen resultiert, ist in Anbetracht der unterschiedlichen Lage der Notenbanken differenziert zu beurteilen. Während die Fed wohl die Zinsen anheben würde, ist der entsprechende Handlungsspielraum der EZB im Wissen um die immense Staatsverschuldung einzelner EU-Länder deutlich eingeschränkt. Seit der Finanzkrise wissen wir, dass die EZB im Bedarfsfall in der Lage ist, die Zinsen künstlich tief zu halten. Hohe Inflationsraten bei tiefen Zinsen hätten aber höhere soziale Ungleichgewichte zur Folge. Die EZB wird deshalb alles unternehmen, dieses Szenario zu vermeiden.

Seit gut einem halben Jahr ist der Brexit vollzogen und Grossbritannien ausserhalb der EU. Wie attraktiv ist die Inselnation für Investitionen – können Sie die britische Börse empfehlen?
Die Schwergewichte der britischen Börse sind globale Player aus den Bereichen Konsumgüter (Unilever, Diageo), Health Care (Astrazeneca, Glaxosmithkline) und Energie (BP, Royal Dutch Shell). Die britische Börse stellt somit einen mit der Schweizer Börse vergleichbaren, defensiven Branchenmix, bietet in der Gesamtheit jedoch eine Diversifikation zum mittlerweile technologielastigen US-Markt. Für value- und dividendenorientierte Anleger ist dieser Markt daher durchwegs eine Überlegung wert.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nach den deutlichen Kursgewinnen im laufenden Jahr ist die Wahrscheinlichkeit von Gewinnmitnahmen gestiegen. Dies kann sich jeweils im Vorfeld von Notenbanksitzungen akzentuieren. Die Schweizer Börse dürfte sich vorläufig seitwärts entwickeln. Dies, bis neue Erkenntnisse zum ökonomischen Umfeld 2022 vorliegen. Einen grösseren Einbruch erwarte ich zurzeit nicht.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft für die nächsten zwei bis drei Jahre sind positiv. Davon dürfte die Schweizer Börse profitieren. Jedoch gilt es, die Inflation im Auge zu behalten, insbesondere jene in den USA, in Deutschland und Frankreich. Die aktuell deutlich höheren Zahlen werden als temporär beurteilt. Sollte sich diese Einschätzung als falsch herausstellen, dürfte dies nicht ohne Folgen für die internationalen Börsen sein. Von einer solchen Entwicklung wäre auch die Schweizer Börse betroffen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.