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Brainhacking

«Bei der Freiheit des Denkens mache ich null Kompromisse»

Miriam Meckel ist Professorin an der Universität St. Gallen und Herausgeberin der «Wirtschaftswoche». Quelle: Lea Meienberg / 13 Photo
Vernetzung von Körper und Technologie: Miriam Meckel warnt vor einem Neurokapitalismus, in dem das Gehirn zur ökonomischen Ressource wird.
von am

Das neuste Buch von HSG-Professorin Miriam Meckel befasst sich mit dem Thema Brainhacking – der Frage, wie sich die Leistung des menschlichen Hirns mit technischen Mitteln erweitern lässt. Dazu hat Meckel selbst zahlreiche Methoden ausprobiert. Teil­weise mit grenzwertigen Folgen, etwa bei der Arbeit mit Elektrostimulation. Letztlich fordert Meckel, dass jeder selber entscheiden soll, was er mit seinem Körper anstellen will. Oder mit seinem Gehirn.

Ihr Buch beginnt mit dem Satz «Immer schon war ich anfällig dafür, Dinge auszuprobieren, die mir nicht guttun.» Erklärt das die Selbstversuche?
Miriam Meckel: Eine bestimmte Form von Neugier oder Entdeckerdrang war bei mir schon immer ausgeprägt. Ich versuche, die Dinge nicht nur über die Theo­rie zu verstehen, sondern einzutauchen. Es geht darum, die Erfahrung zwischen den kognitiven, rationalen Verarbeitungsformen und dem, was man erfährt an Empfindungen und Gefühlen, mit­einander zu kombinieren. Darum geht es ja auch im Buch.

Welches Experiment war am schlimmsten?
Tatsächlich schockiert hat mich ein Gerät zur Stimulierung des Gehirns, um aktiver oder entspannter zu werden. Ich habe es ausprobiert: Per App steuert man niedrigschwelligen Strom über zwei Elektroden am Kopf ins Gehirn. Das hatte bei mir ganz gravierende Folgen: Mir wurde übel, ich konnte 36 Stunden lang nicht essen und schlafen. Schockierend finde ich, dass Thync in den USA ohne Zertifizierung durch die Gesundheitsbehörde FDA auf dem Markt frei verkäuflich war – als Lifestyle-Produkt. Derzeit ist das Gerät nicht mehr lieferbar.

«Ich würde eine Technologie, wie Facebook sie entwickelt, sofort ausprobieren, um meine E-Mails zu denken.»

Miriam Meckel

Ein Einzelfall?
Keinesfalls. Unternehmen, die solche Produkte anbieten, geben der Eroberung des Gehirns für den Massenmarkt einfach eine Lifestyle-Komponente. Ich halte das für gefährlich, denn beim Brainhacking wird in den Kern der menschlichen Persönlichkeit eingegriffen. Deshalb hat mich dieses Experiment in der Entstehung des Buchs sehr beeinflusst.

In einem weiteren Selbstversuch haben Sie sich 24 Stunden in einen dunklen, schalldichten Raum eingeschlossen. Wozu?
Ich wollte meinem Gehirn sozusagen beim Arbeiten zusehen – was natürlich nicht geht: Unser Gehirn ist ja unser Ich. Die Einheit zwischen Beobachterin und Beobachtetem lässt sich daher nie trennen. Dennoch ist es unter diesen Be­dingungen gelungen, zu spüren, was im Gehirn eigentlich passiert: Es fängt nach einer Weile an, den Reizentzug durch Halluzinationen zu kompensieren – eine sehr interessante Erfahrung, weil sie zeigt, dass das Gehirn nicht nur ein Verarbeitungs-, sondern ein Kreativitäts­organ ist. Ich hatte Sinneseindrücke, ohne dass sie in der äusseren Umgebung vorhanden gewesen wären. Genau das wollte ich ausprobieren und ich war überrascht, wie vehement das in nur 24 Stunden zu spüren ist.

Sie betrachten die Möglichkeiten des Brainhacking durch neue Technologien. Was überwiegt – Faszination oder Kritik?
Ich glaube, dass bei mir die Faszination überwiegt – ich würde mich durchaus als Techie bezeichnen. Denn ich probiere alles Mögliche aus und verfolge sehr nah neue technologische Entwicklungen. Ich bin überzeugt, dass Technologie positiv ist, weil sie uns das Leben erleichtert und in einigen Teilen der Welt sogar eine demokratisierende Wirkung hat.

Zum Beispiel?
In Afrika haben viele Länder über das ­mobile Internet sozial und wirtschaftlich einen riesigen Sprung gemacht – etwa durch mobile Payment-Systeme. Ein Land wie Nigeria hat beispielsweise im Fintech-Bereich richtig viel zu bieten. Allerdings bringt nicht alles, was technisch möglich ist, eine Verbesserung. Deshalb müssen wir genau hinschauen. Es gibt eine Menge Themen, die wir angehen müssen, wie ja auch der Datenskandal um Cambridge Analytica gezeigt hat.

Damit Gesellschaften vom technolo­gischen Wandel profitieren können, bedarf es einer gewissen Steuerung – vielleicht ­sogar durch die Politik?
Ganz ehrlich: Ich glaube, dass wir inzwischen an einem Wendepunkt unseres Gesellschaftsverständnisses angekommen sind. Die klassische Vorstellung eines ­Gesellschaftsvertrags, mit dem wir unser Leben organisieren und den die Politik ­überwacht, gilt an vielen Stellen nicht mehr. Das wird deutlich am Beispiel der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung, die gerade in Kraft getreten ist. Seit Jahren reden wir über Datenmissbrauch und mangelnden Datenschutz, aber über mehr als zehn Jahre hat es die Politik nicht geschafft, damit umzugehen – weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene.

Die neue EU-Verordnung bringt nichts?
Die EU-Verordnung ist ein ganz guter Anfang, wenngleich man sagen muss, dass sie gerade für kleinere Unternehmen eine Menge Probleme mit sich bringt. Aber es wird nachträglich reguliert, weil man den ganzen Prozess nicht von Anfang an verstanden oder mitbekommen hat. Gleichzeitig sind wir damit aber nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die technologische Entwicklung durch das Internet hat eine Dezentralisierung mit sich gebracht: Wir können uns weniger auf die Politik verlassen und müssen unsere Interessen selbst durchsetzen. Gerade beim Umgang mit Daten wird das ein Riesenthema sein. Ebenso bei der Frage: Was mache ich mit meinem Gehirn und lasse ich zu, dass es ans Internet angeschlossen wird?

Im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und Gehirnoptimierung sprechen Sie von Selbstbestimmung und Freiheit. Haben wir diese überhaupt noch im ­Wettbewerb, in dem wir anscheinend nur mithalten können, wenn wir unsere ­Gehirne manipulieren?
Erst mal geht es darum: Wie bewahren wir uns die Freiheit des Denkens? An der Stelle mache ich null Kompromisse. Wir brauchen eine Initiative, in der sich kluge Menschen darüber Gedanken machen, wie wir das Datenschutzthema im Hinblick auf das umsetzen, was mit unserem Kopf passiert. Wenn es nicht mehr möglich ist, zu denken, ohne dass jemand Zugriff auf ­unsere Gedanken hat, sie mitlesen oder möglicherweise sogar manipulieren kann, dann ist der Mensch am Ende. Wir sind Individuen, die unabhängig und frei denken können. Das darf man nicht gefährden. Ein Beispiel: Facebook entwickelt gerade eine Anwendung, um durch Denken zu schreiben: In einer Geschwindigkeit von hundert Wörtern pro Minute sollen unsere Gedanken in eine Sprachnachricht oder E-Mail verwandelt werden. Eine sehr interessante Technologie, aber es muss sichergestellt werden, dass jeder entscheiden kann, wann ein Gedanke veröffentlicht wird und vor allem wer darauf Zugriff hat.

«Der interessantere Aspekt dieser Geschäftsmodelle ist, dass das Gehirn zu einem neuen Markt wird.»

Miriam Meckel

Sie sind häufig im Silicon Valley: Was treibt Startups wie Neuralink von Elon Musk an, fremde Gehirne anzuzapfen?
Einerseits eine sehr positive, medizinisch dem Menschenwohl zugewandte Moti­vation: Wie können körperliche Einschränkungen gelindert werden – das ist etwas Tolles. Aber es gibt auch eine ganz klare Fokussierung auf einen potenziellen Markt, der zwar noch am Anfang, aber im Entstehungsprozess ist. Ich würde eine Technologie wie Facebook sie entwickelt sofort ausprobieren, um meine E-Mails zu denken. Wenn das nur ein Beispiel von dem ist, was möglich sein wird, entsteht ein unglaublich interessanter Markt. Und natürlich wird man dann diese Daten im Hinblick auf Konsumentenverhalten nutzen können. Der interessantere Aspekt dieser Geschäftsmodelle ist, dass das Gehirn zu einem neuen Markt wird – zu einer neuen Eroberungszone.

Sie nennen das Neurokapitalismus – ist es ein Zukunftsszenario oder bereits Realität?
Wenn es darum geht, das Gehirn als ­Produktivkraft eines am Denkwettbewerb orientierten Marktes zu sehen, sind wir noch nicht da. Doch betrachtet man die sozialen Unterschiede, die ganz stark von der Bildung abhängen, dann ist Denken heute schon ein Marktvorteil. Wer gut denken kann, findet leichter einen guten Job. Insofern ist das gar nicht so neu. Wenn es darum geht, das Gehirn zu optimieren, um einen Marktvorteil zu bekommen, glaube ich, sind wir längst in diesem Neurokapitalismus angekommen.

Wenn wir mit künstlicher Intelligenz ­konkurrenzieren, bleibt also nur noch, ­unsere Gehirne aufzupeppen?
Manche Warnungen wie «Der Wettbewerb um die künstliche Intelligenz wird uns in den dritten Weltkrieg führen» von Elon Musk sind sehr überzeichnet, das klingt eher wie ein Marketing-Coup für sein Unternehmen Neuralink. Aber wenn jemand wie Stephen Hawking sagt, die ­Erfindung der künstlichen Intelligenz könnte die letzte sein, die die Menschheit gemacht hat, bringt mich das zumindest zum Nachdenken. Noch können wir sehr gut entscheiden, was künstliche Intel­ligenz macht, aber ich weiss tatsächlich nicht, wie lange das der Fall sein wird. Heute schon gibt es Machine-Learning-Systeme oder neuronale Netzwerke, die so komplex sind, dass man nicht mehr richtig nachvollziehen kann, was da passiert.

Wird der Mensch irgendwann durch künstliche Intelligenz abgelöst?
Ich denke nicht. Aber man kann sicherlich sagen, die Komplementarität aus menschlicher und künstlicher Intelligenz wird ein Sprung für die Menschheit sein. Ich würde das durchaus als neue Evolutionsstufe betrachten. Warum sind wir allein auf unsere Biochemie reduziert, warum sollten wir die Krönung der Schöpfung sein? Wenn wir Hunderttausende von Evolutionsjahren zurückschauen, dann gibt es kein einziges Argument dafür, zu glauben, dass hier Schluss ist. Und die nächste Stufe kann natürlich etwas sein, das uns beziehungsweise unsere Körper mit der Technologie zusammenführt – unser Denken mit Software. Das halte ich für möglich.

Miriam Meckel: «Wie bewahren wir uns die Freiheit des Denkens? An der Stelle mache ich null Kompromisse.» Quelle: Lea Meienberg

Auch Medikamente wie Ritalin – ein Medikament für Menschen mit ADHS – oder ­Focalin steigern die Gehirnleistung. Novartis macht damit dank der gestiegenen Nachfrage einen Jahresumsatz von 600 Millionen Franken. Inwiefern ­unterstützt die Pharmaindustrie diese ­Entwicklung?
Wenn Menschen Ritalin nehmen, ohne dass sie an ADHS leiden, sondern um ihre Konzentrationsfähigkeit in einer Prüfungs- oder beruflichen Situation zu steigern, ist das ein Missbrauch. Im Rahmen der Leistungs- und Funktionsorientierung führt das dazu, dass ein Wettbewerb der Optimierung entsteht. Dafür ist die Pharmaindustrie mit dem Vermarktungsinte­resse dieser Medikamente auch ein Treiber. In meinem Buch habe ich über Modafinil geschrieben: Ein US-Unternehmen hatte das Medikament ohne Zustimmung der Arzneimittelbehörde als Lifestyle-­Produkt auf den Markt gebracht. Später wurde es kräftig dafür bestraft.

Wie sah diese Strafe aus?
2008 verurteilte die  FDA, die amerikanische Behörde für die Zulassung von Lebens- und Arzneimitteln, das US-Pharmazieunternehmen Cephalon (der Name steht altgriechisch für Kopf) zur Zahlung von 425 Millionen Dollar für zulassungswidriges Marketing. Das betraf unter anderem das Medikament Provigil, das den Arzneistoff Modafinil enthält und therapeutisch zur Behandlung der Folgen von Narkolepsie, also der Schlafkrankheit, eingesetzt wird. In seinem Werbematerial hatte Cephalon die Pillen als Heilmittel für «verminderte Aktivität» angepriesen – ein Zustand, der landläufig als Müdigkeit bekannt ist und zu den existenziellen Zuständen eines gesunden Menschen gehört. Wer nicht müde ist, kann nicht schlafen. Und wer nicht schlafen kann, kann auf Dauer nicht überleben.

China investiert am meisten in die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz. Auch in den USA gibt es führende Forschungseinrichtungen und Investitionen. Was sollte Europa tun, um nicht abgehängt zu werden?
China will bis 2030 Weltmarktführer in der Künstlichen Intelligenz werden. Das ist mal eine ambitionierte Ansage. Und der Punkt ist: In China gibt es viele demokratische Hürden nicht, mit denen wir in Europa und den USA aus guten Gründen umgehen müssen. 

Sie meinen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte? 
Vergessen Sie es. Die Chinesen gehen einfach voran, und wir gucken, wenn wir nicht aufpassen, in die analoge Röhre. Ich bin fest überzeugt: Wenn es Europa nicht gelingt, bei dem Thema an einem Strang zu ziehen, dann haben wir keine Chance. Das Traurige ist: Derzeit gelingt es der EU ja fast bei keinem Thema mehr, ihre Kräfte konsequent zu bündeln.

Spielen Sie mit dem Titel Ihres Buchs «Mein Kopf gehört mir» auf den Slogan der Frauenbewegung «Mein Bauch gehört mir» aus den 1970er Jahren an?
Ja, denn es war ein sehr prägender Satz für das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen. Daraus ist eine gesellschaftliche Bewegung entstanden. Nicht dass wir die heute nicht mehr bräuchten, bei der vollständigen Gleichstellung sind wir leider noch immer nicht angekommen. Aber wir sind an einem Punkt, an dem Selbstbestimmung und die Frage der Entscheidung über das eigene Leben immer noch ein Thema sind. Ob es im Bereich Feminismus ist oder bei der Vernetzung von Mensch und Maschine. Warum soll es nicht eine neue Bewegung für die Freiheit der Gedanken geben?

Sie bezeichnen sich als Feministin. Wieso ist das Wort im deutschen Sprachraum ­gegenüber dem englischen so verpönt?
Im deutschsprachigen Raum ist die ganze Diskussion ganz schön verklemmt. Feministin zu sein, heisst, ich setze mich für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ein. Punkt. Gibts da ein Problem?

Warum liegen die Schweiz und Deutschland bei der ökonomischen Gleichstellung und Frauen in Führungspositionen immer noch so weit zurück?
Inzwischen sehe ich das ziemlich radikal. Es gibt so viel empirische Evidenz dafür, was Diversity in Unternehmen bedeutet: gemischte Teams erzielen bessere Er­gebnisse, Unternehmen mit gemischten Boards haben eine bessere finanzielle Performance. Zudem gibt es weniger Kon­flikte und die Innovationskraft ist höher. Man muss sich einfach nur ansehen, was Sache ist, um zu verstehen, was passieren muss. Doch innerhalb der alten Netz­werke werden immer wieder dieselben eingestellt. Das liegt auch an den teilweise miserablen Rekrutierungssystemen.

Was sind die Folgen?
Für den Wirtschaftsstandort ist das schädlich und auch für die Attraktivität eines ­Arbeitgebers. Ich würde heute zu keinem Unternehmen gehen, das sich Diversity nicht entschieden auf die Fahnen schreibt. Und junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tun das erst recht nicht. Deshalb kämpfe ich auch dafür. An der Uni St. Gallen ebenso wie im Wirtschaftsjournalismus. Vor allem müssen wir wirklich aufpassen, dass wir nicht irgendwann «Good Old Europe» sind im Vergleich zu einer Welt, die anders tickt. In den USA sind die Unternehmen viel weiter, in Asien ist das Thema allein aus Arbeitsmarktentwicklungsgründen ein ganz anderes. Wir hängen hinterher, weil wir glauben, das sei noch normal. Aber nein, das ist es nicht. Was in Europa passiert, ist nicht normal. Und das müssen wir ändern.

Sie waren Chefredaktorin und sind heute Herausgeberin der «Wirtschaftswoche». Hatten Sie es als Frau schwerer?
Über die eigene Situation zu reflektieren, ist schwierig. Ich kenne ja nicht die Situa­tion, die ein Mann in meiner Position als Alternative gehabt hätte. Aber schon häufig in meinem Berufsleben war ich die erste und auch einzige Frau auf einer Stelle. Das hat mich geprägt. Insbesondere in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich mich unbewusst auf männliche Verhaltensmuster fokussiert, weil ich dachte, ich müsse mich durchsetzen. Inzwischen ist das anders: Mir ist es vollkommen egal, ob es jemand schlimm findet, dass ich in einer gewissen Position bin, oder ob ich Erwartungsmuster durchbreche.

Nutzen Sie Ihre Position, um Frauen zu fördern?
Ich denke schon. Deshalb habe ich manchmal das umgekehrte Problem und muss gezielt einen Mann finden, denn ­Diversität geht in jede Richtung. Aber es gibt einfach wahnsinnig gute Frauen, die ich fördere, wo ich kann. Und ich nerve auch unsere Geschäftsführung und die Redaktion mit dem Thema, wenn ich sehe, da ist etwas schief oder niemand hat daran gedacht, eine Geschichte mal an ­einer Frau zu erzählen – im Text oder in Bildern. Und im Wirtschaftsjournalismus ist das ein ganz besonderes Problem, weil es einfach weniger weibliche Führungskräfte gibt. Das ist ein sich negativ selbstverstärkender Prozess.

«Das Gehirn optimieren, um einen Marktvorteil zu bekommen, ist für mich Neurokapitalismus

Miriam Meckel

Sie waren 2014 als Chefredakteurin der Wirtschaftswoche angetreten, um das Magazin in die digitale Zukunft zu führen. Wie sah dieser Prozess aus?
Der Prozess ist nicht nicht zu Ende. Digitaler Wandel bedeutet dauerhafte Transformation. Zunächst geht es darum, Beispiele zu setzen, Ideen und gemeinsame Ziele zu entwickeln, denn die grösste Hürde der Digitalisierung steckt im Kopf. Bedroht die Technologie meinen Arbeitsplatz? Muss ich mehr arbeiten? Das sind die Fragen, mit denen sich auch Journalistinnen und Journalisten beschäftigen. Dieser Kulturwandel ist ein Generationenprojekt. Inzwischen haben wir einige kräftige Schritte voran gemacht. Wir arbeiten digital und integriert. Und wir wagen uns an wirklich zukunftsträchtige Themen heran, zum Beispiel an virtuelle Realität und einer «immersiven News Lounge», um mit unseren Leserinnen und Lesern noch ganz anders in Kontakt treten und kommunizieren zu können.

Eine völlig neue Form des Journalismus haben Sie mit dem Pop-Up-Magazin kürzlich ja auf die Bühne gebracht. Wieso in Zürich?
Zürich hat ein internationales, interessiertes Publikum. Wir haben mit dem Format ein Experiment gewagt: ein journalistisches Magazin zum Thema «Das Kapital von morgen» auf eine Theaterbühne zu bringen. Es gibt keine Aufzeichnungen, keine Videos, keine Tweets. Nur wer dort im Saal ist, kann das Erlebnis teilen. Unser Bewusstsein wandern in Zeiten der umfassenden Vernetzung permanent durch die Welt, da ist es eine schöne Erfahrung, einmal für 90 Minuten im Moment zu sein. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist das Kapital von morgen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Medien, speziell der Wirtschaftsmedien?
Positiv. Unsere Gesellschaft braucht unabhängige Medien. Die sozialen Medien haben sich teilweise zu asozialen Medien gewandelt, in der jedes Thema zu einem kurzfristigen, überzeichneten Hype gerät. So werden wir uns keine fundierte Meinung über die Zukunft bilden können. Medien müssen recherchieren, einordnen, abwägen, orientieren. Der Bedarf danach wird eher grösser als kleiner. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Ego mancher Journalisten proportional mitwachsen muss. Im Gegenteil: Orientierung an der Sache und die Fähigkeit zur Selbstreflexion sind Voraussetzung für den Erfolg.

Sehen Sie neue Technologien und künstliche Intelligenz als Gefahr oder Chance für den Journalismus?
Ich glaube an den Biojournalismus. Allerdings muss ich gestehen: Vor einigen Jahren hätte ich noch nicht gedacht, dass Algorithmen irgendwann lesbare Texte verfassen können. Das ist aber inzwischen so. Wenn man das zum Guten wendet, heisst das: Wir haben als Journalisten mehr Zeit für Recherche und das Gespräch mit unseren Lesern. Das kann ein Riesengewinn sein.

Miriam Meckel mit «Handelszeitung»-Redaktorin Melanie Loos. Quelle: Lea Meienberg