Corona scheint uns alle zu überfordern. Schonungslos legt der Verlauf der Pandemie unsere mangelnde Fähigkeit offen, mit Unsicherheit umzugehen. Dafür bezahlen wir menschlich und auch ökonomisch einen hohen Preis.

Es wird Zeit, dass wir uns eingestehen, dass die Sicherheit, mit der führende Exponenten von Politik und Wissenschaft, aber auch derjenigen, die sich der Corona-Entwicklung verweigern, fehl am Platze ist. Und sie führt zu einer falschen Corona-Politik.

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Wir wissen weniger über die Zukunft als uns lieb ist. Das sollten unsere Massnahmen reflektieren.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und leitet das von ihm gegründete Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Er war Chefökonom der UBS und unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Was damit gemeint ist? Dass wir ständig so tun, als wüssten wir Dinge, die wir gar nicht wissen können.

Beispiele aus dem Themenbereich Pandemieverlauf erübrigen sich. Wir alle mussten uns in den vergangenen Monaten tausende von falschen Prognosen über die Zukunft anhören. Ob es diejenigen waren, die anfänglich Corona als eine etwas schwerere Form der Grippe eingestuft haben, oder diejenigen, die uns ständig mit dem Kollaps des Gesundheitssystems konfrontiert sahen. Nichts von all dem ist eingetroffen.

Da hilft auch nicht der an sich korrekte Verweis darauf, dass eine öffentlich diskutierte Prognose eines sozialen Systems dieses verändert und sozusagen dazu führt, dass die Prognose nicht eintrifft.

Dieser Zusammenhang ist uns Sozialwissenschaftlern seit langem bekannt und sollte doch wohl Bestandteil unseres Werkzeugkastens sein.

«Als Ökonom kommen mir diese Ausflüchte nach falschen Prognosen bekannt vor.»

Als Ökonom kommen mir diese Ausflüchte bekannt vor. Meine Zunft ist voll von Kollegen, die im Herbst Prognosen für das kommende Jahr machen und uns dann im neuen Jahr erklären, warum ihre Prognose vom letzten Jahr nicht eingetroffen ist.

Einziger Unterschied: Aufgrund solcher Prognosen greift niemand in Freiheitsrechte der Gesellschaft ein, die Staatsfinanzen werden nicht ruiniert und auch die Geldmenge wird nicht ins Unermessliche aufgebläht. Genau das aber ist in vielen Industrienationen aufgrund von Corona-Prognosen passiert.

Der Spielraum ist klein geworden

Seltsam eigentlich, wenn man sich überlegt, dass wir im Zeitalter der Nachhaltigkeit leben. Wir predigen zwar Resilienz als das neue Mantra der Politik. Tatsächlich ist an der Wirtschaftspolitik wenig Nachhaltiges feststellbar. Tatsächlich ist der Spielraum für eine erneute Reaktion auf die vierte oder eine etwaige fünfte oder sechste Welle der Krankheit unglaublich klein geworden.

Während wir in der Schweiz zumindest fiskalisch prudent gehandelt haben und noch Pulver für eine weitere Runde an Unterstützungsmassnahmen haben, sieht das rings um uns herum ganz anders aus.

«Die aktuelle Corona-Politik droht die Grundfesten unserer offenen, marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften zu zerstören.»

Schlimmer noch ist der Blick auf die Geldpolitik. Mittlerweile liegt die Verzinsung von Staatsschulden nach Abzug der Inflation überall – auch bei uns - deutlich im negativen Bereich und dass obwohl das Risiko von Staatsanleihen durch die gestiegene Verschuldung und den unklaren Wachstumsausblick doch wohl deutlich zugenommen hat. Folge davon sind die enormen Preisanstiege bei Aktien und Immobilien.

Anders ausgedrückt: Die aktuelle Corona-Politik droht die Grundfesten unserer offenen, marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften zu zerstören.

Die Vermögensungleichheit nimmt zu und gleichzeitig sinkt die Fähigkeit der Staaten für sozialen Ausgleich in der Gesellschaft zu sorgen. Freiheitsrechte werden ausser Kraft gesetzt und negative Realverzinsung und wohl auch steigende Steuern drohen das Privateigentum zu erodieren.

Vielleicht sollten wir noch einmal bedenken, ob wir das alles angesichts unserer bescheidenen Prognosefähigkeit rechtfertigen können. Corona lässt sich auch anders bekämpfen.