Saudi-Arabien will weg von der Öl-Abhängigkeit. Giga-Projekte und Coups wie die Verpflichtung von Fussballer Cristiano Ronaldo sollen dafür das schlechte Image des Wüstenstaats aufpolieren. Nichts scheint zu teuer: kein 170-Kilometer-Gebäude – und auch keine Winterspiele.

Saudi-Arabien ist Wachstums-Champion – auch bei der Zahl der Hinrichtungen. Mehr als doppelt so viele Menschen wie noch 2021 wurden im vergangenen Jahr geköpft, erhängt oder erschossen, insgesamt rund 150. An einem Tag im März gleich 81 auf einmal. Und in den Todeszellen sitzen sogar Kinder, die angeblich im Alter von 14 Verbrechen begangen haben, deretwegen sie von Staats wegen umgebracht werden sollen.

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Dieses Land will nun aber auch wirtschaftlicher Wachstums-Champion werden, und zwar unabhängig von den Öl-Exporten. Es setzt dazu auf Reformen und gigantische, teilweise abstrus anmutende Investitionsprojekte.

Sportveranstaltungen sollen gleichzeitig das globale Image aufpolieren – die asiatischen Winterspiele 2029 wurden dem Land bereits zugeschlagen, gerade hat es Fussballstar Cristiano Ronaldo verpflichtet, und man erwägt, sich für die Fussball-Weltmeisterschaft 2030 zu bewerben. Doch der ganze Plan steht auf wackeligen Beinen.

Bereits Mitte 2016 hatte der De-facto-Herrscher des Landes, Kronprinz Mohammed bin Salman, seine «Vision 2030» präsentiert. Ziel ist, das Land unabhängiger vom Öl zu machen, Bereiche wie Gesundheitsdienste, Bildung und Tourismus auszubauen und Saudi-Arabien zum wirtschaftlichen Zentrum der arabischen Welt zu machen – und das kommt bei einigen Investoren durchaus an.

Begeistert von den bisherigen Fortschritten zeigte sich gerade das Schwellenländerteam der Investmentgesellschaft Van Eck, das das Land besucht hat. «Aus unseren Gesprächen mit führenden Vertretern des Staatsfonds PIF und des Investitionsministeriums während der Reise geht eindeutig hervor, dass sich die Denkweise und die Einstellung ändern, um Saudi-Arabien von einem reinen Kapitalexporteur zu einem einladenden Kapitalstandort zu machen», schreiben die Besucher in ihrem Bericht.

Das Land versuche «nationale Champions» in der Bankensparte, bei erneuerbaren Energien und anderen Technologien zu schaffen, ermuntere und unterstütze private Investitionen, und es seien wirtschaftliche Sonderzonen mit besonders unternehmensfreundlichen Regularien geplant. Nachdem man das Öl «bis zum letzten Tropfen» fördern will, sollen gigantische Wasserstoffprojekte mit Strom aus Solarparks die Welt weiter abhängig von Energielieferungen vom Golf machen. Zudem sollen Beschränkungen für den ausländischen Besitz an Unternehmen gelockert werden.

Ein weiteres Ziel der «Vision 2030» ist, die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen. Dazu wurde 2018 das Autofahrverbot für Frauen aufgehoben, sie müssen zudem inzwischen nicht mehr die traditionelle Verhüllung tragen. Das dürfte ein entscheidender Schritt gewesen sein, denn seither ist die Erwerbsquote der Frauen tatsächlich bereits von 20 auf 33 Prozent gestiegen.

Saudi-Arabien will sein Image aufpolieren

Aber auch die Fesseln im Bereich Unterhaltung und Vergnügungsangeboten wurden gelockert – traditionell waren in Saudi-Arabien sogar Kinos verboten, um jedwede Möglichkeit auszuschliessen, dass sich Frauen und Männer ausserhalb der eigenen vier Wände treffen können. Nun gibt es sogar Musikkonzerte, Festivals und allerlei andere Veranstaltungen.

Gerade dieser Bereich ist der Regierung wichtig, um ihr internationales Image aufzupolieren. Nicht mehr das Bild des Steinzeit-Regimes, das Hände abhackt und Arbeiter versklavt, soll die Öffentlichkeit dominieren. Stattdessen soll das Land als bunt, weltoffen und erfolgreich präsentiert werden.

Die soeben erfolgte Verpflichtung von Cristiano Ronaldo für den Club al-Nasr in der Hauptstadt Riad ist ein Mosaikstein in dieser PR-Kampagne. Zweieinhalb Jahre soll er sich verpflichtet haben, 200 Millionen Dollar soll er pro Saison – inklusive Werbeeinnahmen – erhalten. Das macht insgesamt also wohl eine halbe Milliarde Dollar.

Doch Geld spielt für das Königreich keine Rolle. Der Staatsfonds PIF, der eine zentrale Rolle in den Investitionsplänen innehat, verfügt über rund 600 Milliarden Dollar.

Zudem sprudeln seit vergangenem Jahr die Einnahmen aus den Ölverkäufen wieder kräftig. Die Ölfördergesellschaft Saudi Aramco ist hinter Apple nach Börsenwert das zweitwertvollste Unternehmen der Welt. Das führte 2022 zu einem deutlichen Haushaltsüberschuss. Zuvor hatte das Budget des Landes jahrelang ein Defizit ausgewiesen.

In den kommenden Jahren sollen weitere Überschüsse erwirtschaftet werden, so der Plan, zwischen 150 und 200 Milliarden Dollar pro Jahr legt der Internationale Währungsfonds in seiner aktuellen Betrachtung der Wirtschaft des Landes zugrunde. Dieses Geld soll in den Staatsfonds fliessen, der dann wiederum die Mega-Bauprojekte rund um die «Vision 2030» finanziert. Insgesamt 3,3 Billionen Dollar sind über die nächsten Jahre dafür vorgesehen.

Retortenstadt Neom im Westen Saudi-Arabiens

Das gigantischste Projekt ist die Retortenstadt Neom, die im Westen des Landes, an der Grenze zu Jordanien geplant ist. Als zentrales Element ist dort ein Gebäude namens The Line vorgesehen, das 170 Kilometer (!) lang, 500 Meter hoch und nur 200 Meter breit sein soll. Neun Millionen Menschen könnten dort mal wohnen, die dann künftig an jedem Ort der «Stadt» in einem Umkreis von fünf Minuten zu Fuss alle wichtigen Einrichtungen vorfinden.

Einnahmen und Ausgaben von Saudi-Arabien

Haushalt soll Überschüsse erwirtschaften.

Quelle: welt.de

500 Milliarden Dollar werden allein für dieses Projekt veranschlagt, Teil davon ist eine grosse, weltweite Marketingkampagne. Doch bisher gibt es in der Gegend nur einen neu errichteten Flughafen, der auf Bildern reichlich unspektakulär wirkt. Der eigentliche Bau der Stadt wurde angeblich gerade begonnen, doch nach wie vor gibt es erhebliche Zweifel, ob die Umsetzung sinnvoll ist.

So soll zwar eine unterirdische Hochgeschwindigkeit-U-Bahn Menschen in The Line in 20 Minuten von einem Ende zum anderen bringen. Das entspräche einer Geschwindigkeit von über 500 km/h, also der des Transrapid.

Zwischenstopps können jedoch nicht vorgesehen sein, sonst wäre die Gesamtstrecke nicht in 20 Minuten zu überwinden. Wie Menschen längere Strecken innerhalb des Gebäuderiegels bewältigen sollen, bleibt daher unklar – zumal keine Autos dort vorgesehen sind.

Doch es ist nicht nur fraglich, ob eine solche Stadt funktional ist, sie könnte zudem zu einem Überwachungssystem ungekannten Ausmasses werden. Denn das ganze Gebäude soll durch künstliche Intelligenz gesteuert und überwacht werden – von einem Staat, in dem die Bürger komplett der Willkür der Justiz und der Herrscher ausgeliefert sind und keinerlei Rechtssicherheit geniessen. Ob sich darauf viele Menschen einlassen wollen, darf bezweifelt werden.

Saudi-Arabiens Winterspiele mit Kunstschnee

Der Internationale Währungsfonds lässt in seiner aktuellen Analyse daher auch verklausuliert Kritik anklingen. «Die Interventionen des PIF – auch bei Giga-Projekten – sollten weiterhin einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen werden», heisst es darin. Das kann sich auf The Line beziehen – oder auch auf Trojena, ein zweites Mega-Projekt in Neom.

Saudi-Arabien plant ein Ski-Resort mitten in der Wüste

Das jüngste der diversen touristischen Megaprojekte in Saudi-Arabien ist hoch umstritten. Die Rede ist von Trojena, dem Skigebiet in der Wüste. 

Entstehen soll es im Nordwesten des Landes, in der Region rund um Tabuk, einer Stadt mit gut 500’000 Einwohnern und Einwohnerinnen. Künftig soll zahlungskräftigen Kundinnen und Kunden in Saudi-Arabien von Tauchen im Roten Meer bis hin zu Carving-Schwüngen auf künstlichen Skipisten alles geboten werden. Mehr dazu hier

In den Bergen der Gegend, auf 1500 bis 2600 Metern Höhe, ist ein «kultiges und weltweit erstklassiges Reiseziel» geplant, wie es in der Projektbeschreibung heisst, also ein touristisches Zentrum.

2029 sollen hier auch die asiatischen Winterspiele stattfinden, die Saudi-Arabien im vergangenen Jahr zugeschlagen wurden, und tatsächlich gibt es auf den höchsten Gipfeln dort gelegentlich Schnee. Wintersport wird jedoch nur mit Kunstschnee möglich sein, und auch das nur zu gigantischen Kosten.

All diese Giga-Projekte werden am Geld ganz sicher nicht scheitern. Fraglich ist eher, ob sie auch ein wirtschaftlicher Erfolg werden. Und ob die Welt dem Land abnimmt, dass es in der Moderne angekommen ist. Gerade erst dieser Tage wurden zwei Männer aus dem Jemen hingerichtet – einem Land, das Saudi-Arabien seit Jahren mit Krieg überzieht, was innerhalb des Landes völlig tabuisiert wird.

Dieser Artikel erschien auf Deutsch bei Welt.de unter dem Titel: «Der trügerische Erfolg der Saudis».