Es war am Dienstagmorgen, dem 7. Mai 2002, als der damalige Wirtschaftsminister Pascal Couchepin vor die Medien trat. In gewohnt staatsmännischer Pose verkündete der eloquente Romand, was die Wirtschaftsauguren schon lange diagnostiziert hatten: «Wir müssen feststellen, dass wir heute ein Wachstumsproblem haben.» Couchepin präsentierte einen umfangreichen Wachstumsbericht, der bei den Wirtschaftsverbänden schlecht ankam. Und prompt die boshafte Reaktion provozierte, dass der Wirtschaftsminister einmal mehr nur Papier hervorgezaubert habe. In der Folge überliess Couchepin das wirtschaftspolitische Champ de Bataille seinem Nachfolger Joseph Deiss. Der Neue stellte im Februar 2004 das Wachstumspaket vor – unter heiligen Schwüren, jedes Jahr zur konkreten Umsetzung Bericht zu erstatten.

Die Bilanz im Sommer 2005 ist enttäuschend. Passiert ist bis dato praktisch nichts. Die Unternehmenssteuerreform ist auf halbem Wege stecken geblieben, der Binnenmarkt bleibt weiterhin abgeschottet, mangels Konkurrenz steigen die Krankenversicherungsprämien in rascher Kadenz, die administrativen Belastungen der Firmen haben eher zugenommen, und das neue Stromversorgungsgesetz hängt im Parlament durch wie eine Überlandleitung der Atel.

Nicht besonders erfreulich präsentieren sich auch die allgemeinen Wirtschaftsdaten. Die Arbeitslosigkeit ist anhaltend hoch und wird im Herbst gemäss Prognosen nochmals anziehen. Die Wirtschaftsleistung dümpelt, mehr als ein bis 1,5 Prozent Wachstum liegt in normalen Jahren für die Schweiz nicht drin. Gemäss OECD liegt sie mit diesen Werten unter ihren Mitgliedern derzeit am Schluss.

Auch die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft lässt zu wünschen übrig. In der internationalen Rangliste fällt die Schweiz immer mehr zurück. Gemäss dem renommierten Institute for Management Development (IMD) in Lausanne hat sie sich 2004 zwar vom 14. auf den 8. Platz vorgearbeitet. Früher jedoch war sie durchwegs weiter oben platziert. Die Bevölkerung verliert an Einkommen und Wohlstand und damit den Glauben an eine prosperierende Zukunft. Die Angestelltenlöhne stagnierten in den neunziger Jahren oder gingen zurück. Die Gewerkschaften sprachen gar von einem verlorenen Jahrzehnt. Doch auch im neuen Dezennium haben sich die Saläre nicht wirklich bewegt.

Der Befund am Krankenbett Helvetias könnte alarmierender nicht sein. Das Produktionspotenzial wächst derzeit noch mit schlappen 1,2 Prozent, wie eine Studie der Credit Suisse vom Juni beweist. Die Ökonomen der Grossbank untersuchten das Potenzialwachstum seit 1981. Das Arbeitsvolumen – die geleistete Arbeitszeit innert Jahresfrist – hat zwar seit 1998 wieder leicht zugenommen, das Wachstum der Arbeitsproduktivität dagegen ist im betrachteten Zeitraum markant gesunken: von 1,7 Prozent auf unter 1,1 Prozent. «Seit Untersuchungsbeginn», schreiben die CS-Ökonomen, «verminderte sich das Wachstum des Produkionspotenzials um 0,8 Prozent.» Immerhin erwartet die CS bis 2010 keinen weiteren Rückgang mehr – wenig Balsam auf eine tief klaffende Wunde.

Schrumpfende Wachstumschancen: Die Credit Suisse steht mit ihrer ernüchternden Analyse nicht allein. Die OECD kommt für das Jahr 2004 zum selben Resultat von 1,2 Prozent Potenzialwachstum für die Schweizer Wirtschaft, während die Nationalbank im Jahr 2001 einen Wert von 1,9 Prozent berechnete. Die Bank Julius Bär schätzt das Potenzialwachstum auf ein bis 1,5 Prozent. «Aber das kommt überwiegend von der Exportindustrie», sagt Chefökonom Janwillem Acket.

Woher diese anhaltende konjunkturelle Anämie stammt, darüber sind sich die Ökonomen bei weitem nicht einig. Aus dem Umfeld der Nationalbank werden beim Wirtschaftswachstum Messfehler moniert. In einer Studie hat Chefökonom Ulrich Kohli 1,2 Prozent der effektiven Wachstumsrate als nicht ausgewiesen dargestellt. Das reale BIP werde um 0,3 Prozent unterschätzt, die verbesserten Verhältnisse für den Austausch mit dem Ausland machten 0,4 Prozent Wachstum aus, und die Kapitaleinkommen aus dem Ausland trügen 0,5 Prozent zum Schweizer Reichtum bei. Die Schlussfolgerung aus Kohlis Analyse: Die Schweiz wächst stärker als angenommen.

«Wir wollen hier keine politischen Kommentare abgeben», sagt Martin Neff, Leiter Schweiz Research bei der Credit Suisse und Mitautor der CS-Wachstumsstudie. Aber Neff und sein Kollege Claudio Saputelli notieren im Bericht: «Offensichtlich fanden in der Schweiz seit Beginn der neunziger Jahre Veränderungen statt, die den Wachstumspfad beeinflusst haben.» In der Tat sprechen die Zahlen für sich. 1991 bis 2004 betrug das durchschnittliche Wachstum lediglich 0,75 Prozent, wenn man das Ausnahmejahr 2000 nicht berücksichtigt. Noch in den achtziger Jahren betrug es im Schnitt 2,3 Prozent pro Jahr. Die Perioden schwacher Wirtschaftsleistung haben seit den frühen Neunzigern auffallend zugenommen. «Acht rezessiven oder stagnierenden Phasen in den letzten 15 Jahren», so die Studie, «stehen lediglich sechs in den 25 Jahren zuvor gegenüber.» Die Autoren glauben, dass «das EWR-Nein und seine Folgen sowie das lange Zeit fehlende Bekenntnis zum Wettbewerb eine wichtige Rolle gespielt» haben.

Weitere Erklärungen sind vonnöten. Andere Länder haben ähnliche Probleme wie die Schweiz und wachsen dennoch. Frankreich und Spanien haben eine hohe Staatsquote und verfügen über schöne Wachstumsraten. Die nordischen Staaten besteuern ihre Bürger mit hohen Beträgen und wachsen ansehnlich. Irland und Portugal haben ihre Produktmärkte bis 2000 in keiner Weise liberalisiert und brillieren dennoch mit ihrer Wirtschaftsleistung.

Die Schweiz dagegen glänzt noch immer mit einer bescheidenen Staatsquote, moderaten Steuern und einer hervorragenden Infrastruktur, doch damit nicht genug. Auch bei der Innovation nimmt die Schweiz nach wie vor einen Spitzenplatz ein. Pro Million Einwohner generiert sie 460 Patente und steht damit zuoberst auf der Rangliste, noch vor den USA. Der Umsatzanteil, den Firmen für Innovationen ausgeben, beträgt hierzulande 3,5 Prozent, in Europa 2,15 Prozent. Und mit einem Anteil von 54,8 Prozent an innovativen Firmen ist die Schweiz ebenfalls Platzhirsch in Europa.

Und dennoch trägt sie innerhalb der OECD-Staaten permanent die rote Laterne. An den staatlichen Rahmenbedingungen allein kann es also nicht liegen. «Die Aussage ist nicht zu gewagt, dass die Schweizer Unternehmen mit Profitabilitäts- und Wachstumsproblemen zu kämpfen haben», sagt Fritz Kröger von A.T. Kearney. Die internationale Beratungsfirma hat die Länder weltweit nach Wert- und Umsatzwachstum der börsenkotierten Firmen kategorisiert. Dabei hat sie mehr als 30 000 Firmen in 54 Ländern über 15 Jahre hinweg analysiert. Mit Deutschland, Belgien, Österreich, Schweden, Japan, Argentinien, Thailand und den Philippinen schnitt die Schweiz zwischen 1998 und 2003 am schlechtesten ab: unterdurchschnittliches Wert- und Umsatzwachstum. Chinas Firmen beispielsweise wuchsen in diesem Zeitraum beim Wert mit über 20, beim Umsatz mit über 15 Prozent. Länder wie Spanien, Frankreich, Südafrika, Kanada oder Mexiko lassen die Schweiz weit abgehängt zurück.

Beim Blick auf die Entwicklung der einzelnen Branchen ergibt sich ein etwas differenzierteres Bild. Credit-Suisse-Ökonomen haben die Schweizer Branchen nach Produktiviät und Bruttowertschöpfung untersucht. Firmen, bei denen beide Werte überdurchschnittlich hoch sind, waren lange Jahre dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Es sind dies die Chemie- und Pharmaindustrie, die Uhren- und Präzisionsinstrumente-Hersteller, die Banken, die Beratungsbranche und die Nahrungsmittelindustrie.

«Unter den fünf technologieintensivsten Gütergruppen gemäss OECD-Klassifikation ist die Schweiz sehr gut vertreten, besonders bei der Pharma und den wissenschaftlichen Instrumenten», sagt Wachstumsexperte Heinz Hollenstein von der KOF ETH. Bei der Luft- und Raumfahrt, bei EDV und Computern sowie der Elektronik dagegen sei die Position der Schweiz schwach. «Insgesamt», so beruhigt Hollenstein jedoch die Gemüter, «belegt die Schweiz beim Export spitzentechnologischer Produkte hinter den USA, England und Finnland den vierten Rang.»

In einigen wichtigen Zukunftsindustrien glänzen die Schweizer Firmen durch Abwesenheit. Diesen Befund bestätigt eine weitere Untersuchung der Credit Suisse. Hohes Wachstum, verbunden mit einem tiefen Risiko, und damit eine starke internationale Konkurrenzfähigkeit weisen in hohem Mass nur vier Branchen auf: Chemie, Elektronik, Pharma und Präzisionsinstrumente, ein deplorables Fazit für eine Wirtschaft mit über 30 Hauptbranchen.

«Nicht ganz ins Schema», so CS-Ökonom Martin Neff, «passen die Banken.» Sie profitieren aber vom starken Finanzplatz, dem harten Franken und damit der Safe-Haven-Funktion der Schweiz. Ebenfalls eine Ausnahme bildet die Telekomindustrie, die noch immer in geschützten Märkten agiert. Der Immobilienbereich profitiert vom derzeit herrschenden Bauboom, der wiederum vom gegenwärtigen Anlagenotstand (Bondrenditen) und vom Liquiditätsüberhang getrieben ist. Bau und Telekom dürften sich längerfristig kaum im Topsegment halten können.

«Längerfristig haben die Hightechbereiche die günstigeren Wachstumsaussichten als weniger technologieintensive Industriegüter», sagt Hollenstein. Was mit den Letzteren geschieht, haben die Textil- und zum Teil die Maschinenindustrie schon durchexerziert. «Oft sind es ehemalige Paradepferde, denen die Möglichkeit fehlt, Wertschöpfung zu generieren», sagt Neff. Bei Textil, Leder und Bekleidung ist der Industriezyklus vorbei. Diese Industrien können sich allenfalls noch in Nischen behaupten. «Swiss made», so Neff, «zählt in diesen Branchen nicht mehr.»

Ins selbst verschuldete Abseits geraten ist die Maschinenindustrie. Vor fünf Jahren war sie noch bei den Top-Firmen, nun driftet sie unablässig in Richtung Flop. Viele Firmen wie ABB, Ascom, Georg Fischer, Saurer, SIG, Sulzer, Von Roll oder Unaxis (früher Oerlikon-Bührle) lebten jahrzehntelang von staatlichen Aufträgen wie die Made im Speck. ABB belieferte die staatlichen Stromkonzerne, Ascom die PTT mit Telefonzentralen, Georg Fischer goss das Stahlchassis des Panzers 68, und Saurer baute die Armeelastwagen. SIG lieferte die Sturmgewehre, Von Roll die Dolendeckel und Unaxis die Flabgeschütze. Das Ende aller Illusionen kam mit der Öffnung der Märkte Ende der achtziger Jahre.

Sie alle haben den Anschluss an die globalisierte Wirtschaft nur schwer gefunden (wie Saurer und GF), unter grossen Verlusten (wie ABB und Ascom) oder gar nicht (wie Von Roll). Die Weltmeister von damals, welche die besten Textilmaschinen, Turbinen und Lokomotiven herstellten, sind aufs Mittelmass zurückgefallen. Oft haben die Firmen die Marktchancen fahrlässig verpasst. «Wir haben Bentleys gebaut, als Volkswagen gefragt waren, und für einen Golf haben wir Mercedes-Preise verlangt», sagte ein hoher Rieter-Manager in den neunziger Jahren. Rieter hat dank dieser Erkenntnis überlebt.

Gerade weil es an der nötigen Luzidität mangelt, sieht es für gewisse Branchen düster aus. «Der Detailhandel, Food, Bau und Metall, das notorisch abgeschottete Gewerbe werden langfristig weiter Terrain einbüssen», sagt Daniel Kalt, Chef Swiss Research bei der UBS, die regelmässig einen Branchenspiegel veröffentlicht. Abschottung führe langfristig immer zum Verlust von Wettbewerbsfähigkeit, da «der Zwang zur Innovation» fehle.

Nicht wenige der Wachstumsprobleme der Schweizer Wirtschaft sind ohne Zweifel hausgemacht, zu vieles hat die Wirtschaft in den letzten Jahren vernachlässigt, verharmlost und heruntergespielt:

– Die Kapitalexporte sind fehlgeleitet. Die Schweiz ist in dieser Sparte Weltmeister pro Kopf der Bevölkerung. Doch die Unternehmen investieren vorab in die traditionellen Industrieländer. In die Wachstumsmärkte Asiens, Osteuropas und Lateinamerikas fliesst Schweizer Kapital nur in dünnen Rinnsalen. 2003 exportierte die Schweizer Wirtschaft in die USA sechs Milliarden Franken und nach England 422 Millionen. Nach Polen gingen gerade 118 Millionen, nach Südkorea 25, und aus China wurde gar Kapital abgezogen.

– Die Exportstruktur ändert sich wenig. Die Exportindustie schiebt seit Jahren gleich zwei Klumpenrisiken vor sich her, ein Länder- und ein Währungsrisiko. Nur 17 Prozent der Exporte gehen in die stark wachsenden Transformations- und Schwellenländer, knapp sieben Prozent in die Entwicklungsländer. Die künftigen Absatzchancen in diesen Ländern sind aber ungleich grösser als in den reifen Märkten Westeuropas. Nur wenige Branchen wie Chemie und Pharma haben eine einigermassen ausgeglichene Exportstruktur mit lediglich 30 Prozent EU-Anteil. Umgekehrt werden mindestens 80 Prozent der Schweizer Ausfuhren in Euro oder Dollars abgewickelt. Immer wieder mal brechen der ohnehin zyklischen Maschinenindustrie die Exporte weg, weil der Franken in Turbulenzen gerät und aufwertet.

– Die Deindustrialisierung schreitet voran. Die Schweizer Wirtschaft hat im Ausland 1,8 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. In den achtziger Jahren begannen sich die Werkhallen zu leeren, riesige Industriebrachen bedecken seither das Land. Die Industrie trägt noch gut 20 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. 1973 dagegen beschäftigten Industrie und Gewerbe 45 Prozent aller Arbeitskräfte, 2003 waren es noch 24 Prozent. Und der Auslagerungsprozess ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. In den Branchen mit schwacher Wertschöpfung werden weitere Outsourcing-Pläne geschmiedet, die das Wirtschaftswachstum beschneiden.

– Forschung und Entwicklung stagnieren. Die Schweiz verliert den Anschluss an die vordersten Ränge. «Bei den gesamten öffentlichen und privaten F&E-Aufwendungen ist die Schweiz hinter andere Länder zurückgefallen», schreibt die Avenir Suisse, der Think-Tank der Schweizer Wirtschaft, in weiser Selbsterkenntnis. Doch nicht genug. Forschung und Entwicklung finden mehr und mehr im Ausland statt, hierzulande geht der F&E-Anteil zurück. Im Jahr 2000 gaben die im Ausland tätigen Firmen in der Schweiz 7,9 Milliarden Franken für Forschung und Entwicklung aus, im Ausland dagegen 9,8 Milliarden.

– Bildung wird nicht favorisiert. Gemäss OECD spielt die Bildung eine Schlüsselrolle für die Produktivität der Arbeitskräfte. Zugleich sei sie Gradmesser für den technologischen Fortschritt. Doch seit zehn Jahren stagnieren die Bildungsausgaben, die Schweiz hat international gesehen die geringste Anzahl von Uni-Abgängern. Beim Anteil der Ausgaben für den tertiären Bildungssektor, die Hochschulen, rangiert die Schweiz an siebter Stelle, deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Zwar sind die Ausgaben von 1992 bis 2002 nominal von 19 auf 25 Milliarden Franken gestiegen, real entspricht dies aber einer Stagnation. Verglichen mit den Gesamtausgaben der öffentlichen Hand, sieht die Sachlage noch düsterer aus. Die Bildungsausgaben sanken von 18,8 auf 18,6 Prozent, bei den allgemein bildenden Schulen (Sekundarstufe II) nahmen die Aufwendungen real gar ab.

Für die Zukunft der Schweizer Wirtschaft sind diese Befunde ernüchternd. Mehr Jobs vermag die Wirtschaft nur zu schaffen, wenn das Wachstum auf über zwei Prozent steigt, dort liegt die so genannte Beschäftigungsschwelle. Nur neue Arbeitsplätze generieren zusätzliches Einkommen und Konsum – mithin weiteres Wachstum. Neue Beschäftigung entsteht indessen nur in spezifischen Wachstumsbranchen, in der Bio- und Medizinaltechnologie, der Elektronik und bei den Präzisionsinstrumenten. «Wir sollten endlich aufhören», sagt UBS-Ökonom Daniel Kalt, «die falschen Branchen zu hätscheln.»

Durchschnittliches jährliches Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität pro Arbeitsstunde in Prozent

Das Wachstumspotenzial der Schweizer Branchen