Welchen Einfluss hat die Einwanderung auf die Einheimischen im Arbeitsmarkt? Im Hinblick auf die anstehende Abstimmung über die Initiative, die für die einen die Begrenzung der Einwanderung, für die anderen die Kündigung des bilateralen Weges bedeutet, streiten sich Gegner und Befürworter da­rüber.

Isabel Martínez arbeitet an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit liegt auf Verteilungsfragen. Die promovierte Ökonomin gehört dem internationalen Forschungsnetzwerk des Volkswirtschaftlers Thomas Piketty an, das eine Weltungleichheitsdatenbank aufbaut: WID.world.

Wissenschaftliche Studien werden beigezogen, um das emotionale Thema der Zuwanderung auf eine möglichst sachliche Ebene zu bringen. Wohl weil die existierenden Studien renommierter Ökonominnen und Ökonomen und des Bundes nicht das gewünschte Ergebnis der Initianten belegten – nämlich dass die Personenfreizügigkeit (PFZ) schlecht für die Schweiz sei – haben letztere die Sache selbst in die Hand genommen und eine entsprechende Studie Auftrag gegeben.

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Und siehe da, die Studie kam zum Schluss, dass die PFZ das Pro-Kopf-Einkommen geschmälert hat.

Gelungen ist dieses Kunststück dank «teilweise höchst fragwürdigen Annahmen der Studie», wie mein Kollege Andreas Beerli gegenüber dem «Blick» erläuterte. Am Ende können Befürworter und Gegner jeder Auftragsstudie politisch motivierte Absichten vorwerfen. Wissenschaft scheint zur Glaubenssache zu verkommen.

«Als die Unternehmen die benötigten Fachkräfte nicht ins Land holen durften, lagerten sie Arbeitsplätze für Hochqualifizierte teils einfach ins Ausland aus.»

Daher lohnt sich manchmal ein Blick über die Landesgrenzen oder über den grossen Teich, in diesem Fall in die USA. Wir sind schliesslich nicht das einzige Land, welches – je nach Betrachtungsweise – mit dem Fluch oder Segen der Einwanderung leben muss. Auch die Idee, die Einwanderung zu begrenzen, hatten vor uns schon andere. So reduzierten die USA ab 2004 die Kontingente für sogenannte H-1B Visa, die Arbeitsvisa für Fachkräfte. Weil die Firmennachfrage das Jahreskontingent in manchen Jahren um ein Vielfaches überstieg, wurden die Visa in einer Lotterie verlost. Welche Firmen den Zuschlag erhielten, war somit zufällig.

In einer neuen Studie zeigt Britta Glennon, Professorin an der University of Pennsylvania, nun, dass dies den unvorhergesehenen und unerwünschten Nebeneffekt hatte, dass multinationale Unternehmen Arbeitsplätze für Hochqualifizierte zum Teil einfach ins Ausland auslagerten, wenn sie die benötigten Fachkräfte nicht ins Land holen durften.

Was die Untersuchungen zu den Effekten der PFZ auf den Schweizer Arbeitsmarkt stets betonen, wird in dieser Studie greifbar: Arbeitsmärkte sind keine starren Gebilde mit einer fixen Anzahl Stellen. Es mag widersprüchlich klingen, aber stehen dank einer liberalen Einwanderungspolitik mehr qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung, schaffen Unternehmen  mehr Stellen. Auch inhaltlich sind die Resultate für die Schweiz relevant, denn gemäss Zahlen des BFS arbeitet wie in den USA rund jede vierte Beschäftigte in unserem Land bei einem multinationalen Unternehmen.

Für Ypsomed-CEO Simon Michel (seines Zeichens FDP-Politiker) ist der Fachkräftemangel bereits jetzt so einschneidend und die Unsicherheit für Unternehmen bezüglich der Fortführung der PFZ so hoch, dass Unternehmer wie er sich gezwungen sahen, Betriebsstätten im Ausland aufzubauen. Vor dem Hintergrund der US-Studie gewinnen solche Aussagen zumindest an Glaubwürdigkeit.

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