Donald Trump liegt in den Wähler­umfragen hinter Biden zurück. Ist das Rennen schon gelaufen?
Martin Naville: Überhaupt nicht. Wir wissen von der letzten Wahl, dass die Umfragen mit Vorsicht zu geniessen sind. Jetzt, in Zeiten von Corona, ist es noch viel schwieriger, verlässliche Umfragewerte zu generieren. Auch sind wir noch weit von den Wahlen entfernt. Die Chancen stehen meiner Ansicht nach fünfzig zu fünfzig.

Trump fiel mit Deregulierungen und ­Steuersenkungen auf. War er ein Segen für die amerikanische Wirtschaft?
Nach der achtjährigen Amtszeit von ­Barack Obama mit dem langsamsten Wiederaufbau nach einer Krise war die Entwicklung unter der Administration Trump in der Tat sehr positiv. Der Steuersatz für Unternehmen ist von einem Rekordwert unter den OECD-Staaten auf ein mittleres Mass reduziert worden. Zudem hat die Administration Trump einen Teil der unglaublichen Regulierungs­welle unter Obama wieder zurück­genommen. Darum lief es der amerika­nischen Wirtschaft unter Trump sehr ­ gut – bis zur Corona-­Krise.

Joe Biden ist Demokrat und er will die Unternehmenssteuern erhöhen. Trotzdem scheint das die amerikanische Wirtschaft bis jetzt nicht allzu stark zu bekümmern. Warum nicht?
Für die Wirtschaft sind die Wahlen noch sehr weit weg. In der verbleibenden Zeit wird wichtig sein, wie sich die Covid-19-­Krise, die Beziehung zu China und die ­sozialen Unruhen entwickeln.
 

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Biden oder Trump?

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Joe Biden muss jetzt aus seinem Keller steigen und sich der Konfrontation stellen. Seine Kandidatin für das Vizepräsidium, Kamala Harris, ist mitnichten moderat; sie war in der vergangenen Amtszeit sogar die drittlinkste Senatorin.

Die Börse setzt sich noch nicht mit dem Ausgang der Wahlen auseinander. Darum – und auch mangels fehlender Investmentmöglichkeiten – entwickeln sich die Kurse derzeit positiv.

Spielt es eine Rolle, ob der neue Präsident durchregieren kann, also auch das Parlament auf seiner Seite hat? Oder bietet eine zwischen den Parteien geteilte Macht Vorteile?
Die Situation in Washington ist partei­politisch ja meist blockiert. Es gab in den letzten Jahrzehnten nur kurze Phasen, in denen eine Partei wirklich das Sagen ­hatte.

Das wirtschaftliche Risiko einer ungeteilten Macht ist eigentlich grösser, weil dann die extremeren Kräfte in der jewei­ligen Partei das Sagen haben. Eine ge­teilte Macht wäre für die wirtschaftspoli­tische Balance darum besser.

Martin Naville ist Chef der schweizerisch- amerikanischen Handelskammer.

Wie könnten die Aktienmärkte von einer Präsidentschaft Bidens oder Trumps profitieren?
Auch für die Experten ist es wahnsinnig schwierig zu wissen, was passieren wird. Vor vier Jahren sass ich morgens um sieben Uhr im Fernsehstudio, um zu kommentieren.

Der SRF-Börsenspezialist Jens Korte sprach von Blut am Boden der Wall Street. Zwei Stunden später standen die Kurse 5 Prozent im Plus.

Welchen Präsidenten wünscht man sich, wenn man an möglichst guten Handels­beziehungen zwischen Amerika und der Schweiz interessiert ist?
Mit den Exporten der Schweiz in die USA geht es seit der Administration von ­ Ronald Reagan aufwärts, in den letzten 15 Jahren sogar mit jährlich immer mindestens 10 Prozent. Für das wirtschaftliche Verhältnis mit den USA ist es also ziemlich ­irrelevant, welcher Prä­sident und welche Partei dort an der Macht sind.

Die Stärke der schweizerisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehung hat ein breites Fundament, weit über die jeweilige Administration in Washington hinaus. Wir könnten darum mit Trump wie auch mit Biden sehr gut leben.

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