Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren fordert «Medicare for all»: eine soziale Krankenversicherung nach europäischem Muster, die dafür sorgt, dass alle Bürger unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten abgesichert sind. Und dass die Risiken zwischen jung und alt, gesund und krank, Mann und Frau ausgeglichen werden.

Ob die ehemalige Professorin der Harvard Law School damit genügend Stimmen gewinnt, um als erste Frau ins Weisse Haus einzuziehen, werden wir spätestens am 3. November 2020 wissen.

Die Sympathien vieler Europäer hat die vife 70-Jährige damit jedenfalls auf sicher. Dass in einem reichen Land wie den USA noch immer jeder Sechste nicht gegen Krankheit versichert sind, löst in Europa Kopfschütteln aus. 

Der mangelhafte Versicherungsschutz ist die grosse Schwachstelle der US-Gesundheitssystems. Im September 2019 waren 27,5 Millionen Amerikaner – die ältere Bevölkerung ausgenommen – nicht versichert. Das entspricht 8,5 Prozent der Bevölkerung, 0,6 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Unversicherten steigt wieder, seit Donald Trump regiert. Zuvor war sie während zehn Jahren dank Barack Obamas «Affordable Care Act» stetig zurückgegangen.

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Mehr noch: Selbst versichere Amerikaner stossen im Krankheitsfall vor allem bei den Medikamenten immer häufiger an Grenzen. Denn hier sind die Selbstbehalte höher als bei anderen Behandlungen. Das führt zur absurden Situation, dass die Pharmaindustrie selbst immer häufiger in die Bresche springt, um finanziell überforderten Amerikanern unter die Arme zu greifen – damit sich diese ihre Produkte überhaupt leisten können. Innovative Konzerne wie Roche und Novartis pumpen mittlerweile Milliarden in gemeinnützige Stiftungen, die Geld an bedürftige Patienten verteilen.

In einem Punkt aber ist das amerikanische Gesundheitssystem unschlagbar: Es honoriert wie kein anderes Investitionen in die Innovation und fördert damit wie kaum ein anderes den medizinischen Fortschritt. Die US-Patienten kommen für 70 Prozent der Profite auf, welche die Pharmaindustrie weltweit mit patentierten Produkten macht. Dies, obwohl der amerikanische Medikamentenmarkt «nur» rund 50 Prozent des globalen Geschäfts ausmacht. 

90 Prozent bleiben auf der Strecke

Die Entwicklung neuer Therapien ist mittlerweile extrem teuer geworden. 90 Prozent aller Wirkstoffe bleiben irgendwann in der Phase, in der sie an Menschen getestet werden, auf der Strecke. Die Kosten für die Entwicklung einer neuen Therapie werden mittlerweile mit 2,6 Milliarden Dollar beziffert. Das Congressional Budget Office in Washington kam letztes Jahr zum Schluss, dass Pharmaunternehmen auf ihren erfolgreichen Produkten eine Marge von 62,2 Prozent haben müssen, um profitabel arbeiten zu können.

«Eine soziale Krankenversicherung nach europäischen Vorbild würde die Nachfragemacht des Staates in den Preisverhandlungen mit der Industrie zwangsläufig stärken.»

Das Problem dabei: Zahlreiche europäische Märkte geben diese Margen nicht her – allen voran Deutschland. Der deutsche Gesetzgeber honoriert Innovation in der Pharmaindustrie nur noch, wenn sie gegenüber dem bisherigen Behandlungsstandard einen Vorteil bringt. Das führt dazu, dass in Deutschland mittlerweile 72 Prozent der Arzneimittel günstiger sind als im Durchschnitt der Nachbarländer liegen. Der Preisdruck geht mittlerweile so weit, dass sich der deutsche Pharmaverband besorgt festhält: «Mit den Einnahmen von heute finanzieren wir die Therapieerfolge von morgen. Wo sonst sollten die milliardenschweren Forschungs- und Entwicklungskosten für neue Therapien gegen Krebs, Alzheimer, Diabetes oder Rheuma herkommen?»

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Doping für die Innovation

Hohe Medikamentenpreise, mehr Innovation: Kaum ein anderer Zusammenhang ist ökonomisch so gut belegt. In den USA entsprechen die Ausgaben für Pharma-Forschung und -Entwicklung mehr als 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. In Europa sind es nur gut 0,1 Prozent, als dreimal tiefer, und in den andern OECD-Ländern liegt der Betrag nur zwischen mickrigen 0,02 und 0,03 Prozent.

Mit anderen Worten: Die Europäer profitieren erheblich davon, dass das amerikanische Gesundheitssystem derart hohe Medikamentenpreise «produziert». Die hohen Medikamentenpreise in den USA, für die viele Europäer nur ein Lächeln übrig haben, sind wie Doping für eine Innovation, die auch ihnen zu Gute kommt. Was die Amerikaner drauflegen, bezahlen die Europäer zu wenig.

Mit einer «Medicare for all» könnten die Tage dieses unfreiwilligen Geldtransfers über den Atlantik gezählt sein. So sehr den Amerikanern eine vernünftige Krankenversicherung zu wünschen ist: Diesseits des Atlantiks könnte sie dazu führen, dass sich die Europäer deutlich tiefer in die Tasche greifen müssten, wenn sie an den Errungenschaften der Medizin auch weiterhin teilhaben wollen. Das nennt man dann Kostenwahrheit.

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«Bitte halten Sie die Preise tief»

Bei einem Dinner am Wef in Davos kam es zu einem kurzen Austausch zwischen Donald Trump und Novartis-Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt. Hier der Wortlaut gemäss Protokoll:

DR. REINHARDT: Guten Abend, Herr Präsident. Mein Name ist Jörg Reinhardt. Ich bin der Präsident von Novartis. Wir sind in über 100 Ländern der Welt aktiv, aber unser grösster Fussabdruck ist in den USA. Wir haben etwa 15'000 Beschäftigte in den USA und eine Reihe von Produktionsstätten.

Erst kürzlich haben wir eine Reihe von Akquisitionen getätigt. Und wir sind wahrscheinlich eines der innovativeren Unternehmen im pharmazeutischen Bereich. Und es freut mich zu sagen, dass die Gentherapie und die Zelltherapie – zwei wirklich neue Technologien – zuerst in den USA zugelassen wurden. Und wir freuen uns, den Amerikanern weiterhin echte Innovationen bringen zu können.

PRÄSIDENT TRUMP: Es werden viele grosse Fortschritte gemacht, ich weiss. Ich danke Ihnen sehr.

DR. REINHARDT: Ich danke Ihnen.

PRÄSIDENT TRUMP: Bitte halten Sie die Preise tief. (Gelächter.)

DR. REINHARDT:  Good evening, Mr. President.  My name is Joerg Reinhardt.  I’m the chairman of Novartis. We are active in more than 100 countries in the world, but our biggest footprint is in the U.S.  We have around 15,000 people in the U.S. and a number of production plants.

We made, just recently, a number of acquisitions. And we are probably one of the more innovative companies in the pharmaceutical field. And we are happy to say that gene therapy and cell therapy — two really new technologies — were first approved in the U.S., and we are happy to continue to bring real innovation to American people.

PRESIDENT TRUMP:  A lot of great progress being made, I know that.  Thank you very much.

DR. REINHARDT:  Thank you.

PRESIDENT TRUMP:  Keep those prices down, please.  (Laughter.)

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