Corona wird in diesen Tagen zwei Jahre alt. Die Krankheit ist weder besiegt, noch haben wir eine tragfähige Strategie, wie wir mit ihr leben wollen. Ganz allmählich beginnt eine Mehrheit der Menschen zu verstehen, dass Impfen zwar schützt, der Schutz aber weder vollkommen ist, noch dafür sorgt, dass die Krankheit einfach so verschwindet.    

Damit es niemand falsch versteht: Impfen schützt und hilft die Auswirkungen der Krankheit auf die Gesellschaft zu verringern. Dass der Schutz nicht absolut ist, kann aber doch niemanden ernsthaft überrascht haben. Es gibt keinen Impfschutz zu 100 Prozent. Und Mutation von Viren sind ganz normal. Genauso wenig kann uns überraschen, dass ein erheblicher Anteil der Menschen sich nicht impfen lässt. Impfskepsis ist nicht ein Thema seit Corona, sondern viel älter. Offensichtlich verstehen diejenigen, die uns das Impfen als den Königsweg aus der Pandemie beschrieben haben, nicht viel von der Realität unserer Gesellschaft.    

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Fehlende Wertschöpfung durch Staatsverschuldung ersetzt

Solche Fehleinschätzungen gibt es nicht nur in der Gesundheits-, sondern auch in der Wirtschaftspolitik. Die Reaktion auf Corona war am Anfang gewaltig. Die Lock-Down-Massnahmen, die wir in einigen Ländern gesehen haben, waren extrem. Teile der Wirtschaft wurden auch bei uns ganz einfach geschlossen. Fehlende Wertschöpfung wurde letztlich durch Staatsverschuldung ersetzt. Das hat zwar nicht ausgereicht, die tiefste globale Rezession aller Zeiten zu verhindern. Aber immerhin wurden so wohl noch schlimmere wirtschaftliche Folgen der gewählten Politikmassnahmen vermieden.    

Irgendwie herrschte bei den meisten Experten die Vorstellung vor, dass wir uns das ja leisten könnten. Der Staat als Vollkasko-Versicherung. Nur wenige haben sich getraut die Frage zu stellen: Wie oft können wir uns das leisten?    
 

Über den Autor

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und leitet das von ihm gegründete Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Er war Chefökonom der UBS und unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Politikmassnahmen waren beeindruckend. Die privaten Haushalte haben den teils unmöglich gemachten Konsum von Dienstleistungen durch Güterkonsum ersetzt. In den USA konsumieren die Menschen heute über 20 Prozent mehr Güter als vor der Krise. Weltweite Lieferkettenengpässen sind das Resultat. Da gleichzeitig die Notenbanken fleissig das Mehr an Staatsanleihen mit zusätzlich gedrucktem Geld finanziert haben, ist die Inflation deutlich angestiegen. In den USA verliert das Geld aktuell jährlich 6 Prozent seiner Kaufkraft, in Europa 4.

Inflationszahlen binden Geldpolitik zurück

Tatsächlich sind wir dank der enormen staatlichen Unterstützungsmassnahmen am Anfang eines Aufschwungs. Dieser ist aber alles andere als nachhaltig finanziert. Angesichts der zu hohen Inflationszahlen kann die Geldpolitik nicht mehr viel länger so viel Geld drucken, wie in den letzten anderthalb Jahren. Sonst steigen die Inflationserwartungen auf breiter Front und die Inflation würde uns davonlaufen. Steigende Inflation würde ohne Eingriffe der Politik steigende Zinsen nach sich ziehen. Steigende Zinsen wären aber ein Desaster für Aktien- und Immobilienmärkte, würden damit unsere Altersvorsorge in Frage stellen, die Finanzstabilität gefährden und eine Finanzierung der gewaltig gewachsenen Verschuldung kaum möglich erscheinen lassen.

Auch die enormen Budgetdefizite der Staaten müssten aus Stabilitätsgründen in den kommenden Jahren zurückgeführt werden. Die heutigen mehr als 15 Prozent Budgetdefizit in den USA und 7 Prozent in Europa würden sonst zu einem explosionsartigen Anstieg der Staatsverschuldung führen. Ein Rückführen der Defizite wird aber genauso Nachfrage kosten wie der Aufbau der Neuverschuldung Mehrnachfrage erzeugt hat.

«Worauf wir hoffen können? Dass wir Menschen lernfähig sind.»

Nimmt man weiter die Rückführung der Güterkonjunktur auf ein Normalmass als Teil einer normalisierten Wirtschaftsentwicklung an, erhalten unsere Volkswirtschaften nochmals Gegenwind. Ob die Dienstleistungsnachfrage angesichts der vierten Corona-Welle all das auffangen kann, ist aktuell sehr fraglich. Nie zuvor war ein Aufschwung von so grossen Rezessionsrisiken begleitet. Die Vorstellung der einfachen Steuerbarkeit der wirtschaftlichen Entwicklung durch die Wirtschaftspolitik kommt an ihre absolut erwartbaren Grenzen.

Gefordert sind Augenmass und Vernunft 

Worauf wir hoffen können? Dass wir Menschen lernfähig sind. Dass wir angesichts der jüngsten massiven Fehlprognosen unserer Experten bescheidener mit der Vorstellung umgehen, dass wir die Zukunft wissen können. Und dass wir lernen, dass eine Gesundheitskrise nicht eindimensional unsere Gesellschaft am Thema Gesundheit bedroht. Der Staat ist dabei sich zu übernehmen. Ein Kollaps des Staates würde uns aber in eine Situation bringen, in der wir nicht nur kein funktionierendes Gesundheitssystem hätten, sondern auch keine freiheitliche Gesellschaft mehr.    

Was das bedeutet? Wir müssen mit Corona leben lernen. Mit Augenmass und Vernunft.

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