Herr Platzer, was halten Sie vom gestrigen Entscheid des Bundesrates?
Ich kann nicht verstehen, wie man eine Branche mit gegen 30‘000 Betrieben und rund 260'000 Mitarbeitenden einfach im Ungewissen lassen kann. Man lässt nicht nur die Gastro-Unternehmer, sondern auch die Hunderttausenden von Mitarbeitern völlig im Dunkeln. Dafür habe ich wenig Verständnis.

Wenig Verständnis oder verärgert?
Der Bundesrat lässt eine der grössten Branchen des Landes im Ungewissen. Damit nimmt er vielen Gastronomen die letzte Hoffnung und Perspektive. Kein verbindliches Wort zur Gastronomie. Das ist falsch.

Haben Sie sich nicht schon vorgängig gewehrt?
Gastrosuisse hat gemeinsam mit HotellerieSuisse vor Ostern ein Konzept eingereicht. Wir haben bisher nichts nie etwas vom Bund gehört. Kein Wort.

Im Vergleich zum Detailhandel, dessen Konzepte in den Entscheid des Bundesrats miteingeflossen ist.Wir haben unser Konzept an das Seco und an die Departemente von den Bundesräten Parmelin und Berset eingereicht. Von gewissen Stellen haben wir nicht mal eine Eingangsbestätigung erhalten. Das finde ich mutlos und auch respektlos gegenüber einem so wichtigen Wirtschaftszweig.

A closed bar terrace is pictured in Lausanne, Switzerland, March, Tuesday 17, 2020.The Swiss authorities proclaimed on 16 March a state of emergency in an effort to halt the spread of the coronavirus and (Covid-19) disease. The state of emergency will last until 19 April. The government declared that all entertainment and leisure businesses will shut down. Grocery stores, and hospitals will remain open and new border controls will be put in place. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Soll noch länger so bleiben: Geschlossene Restaurant-Terrasse in Lausanne.

Quelle: Keystone
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Hören Sie im Podcast «HZ Insights» das Thema: «Ferien 2020: Reisen oder annullieren?»

 

Haben sie kein Verständnis dafür, dass der Bundesrat zur Gastronomie noch nichts sagen kann?
Mit unserem Konzept haben wir klar aufgezeigt, dass man strenge Schutzmassnahmen in Bezug auf Hygiene und Abstand einhalten kann. Für Bars und Clubs ist eine Öffnung in der Tat etwas schwieriger. Aber für Restaurants gibt es Möglichkeiten.

Und die wären?
Man kann anhand der Tische gut kontrollieren, dass der Mindestabstand eingehalten wird. Dann stellt man weniger Stühle und Tische bereit. Wir können auch die Nachverfolgbarkeit nachprüfen, indem wir von den Gästen die Kontaktdaten aufnehmen.

Glauben Sie, dass die Gäste da mitmachen?
Ich bin überzeugt, dass sie ihre Daten im Angesicht der Lage preisgeben würden. Wenn es dann zu einem Corona-Fall kommen würde, kann man genau nachschauen, wer im Lokal war und diese Personen informieren.

«Bei einer kompletten Schliessung von Restaurants und Bars bis im Juni gehen jedoch viel mehr Betriebe pleite als wenn sie bei einer Teilöffnung einen kleinen Umsatz generieren können.»

Was denken Sie: Warum fanden Sie kein Gehör beim Bundesrat?
Ich vermute, dass Herr Berset gestern in der Bundesratssitzung etwas vorgeschlagen hat zum Gastgewerbe, aber keine Mehrheit fand. Am Mittwoch zirkulierten ja auch Informationen dazu. Der Bundesrat konnte aber wohl bis zur Medienkonferenz keine Lösung.

Kann eine Beiz im Halbbetrieb überhaupt wirtschaftlich funktionieren?
Das Gastgewerbe ist eine Branche mit einer kleinen Marge. Das ist uns bewusst. Auch bei einer Teilöffnung gibt es Fixkosten. Aber wenn ich nur 50 Prozent der Kapazität benötige, dann muss ich nicht alle Mitarbeiter einsetzen. Dann werden einige Mitarbeiter weiterhin in Kurzarbeit bleiben. Bei einer kompletten Schliessung von Restaurants und Bars bis im Juni gehen jedoch viel mehr Betriebe pleite als wenn sie bei einer Teilöffnung einen kleinen Umsatz generieren können. Es braucht jetzt eine Perspektive und die Chance, sukzessiv hochzufahren.  

Wie viele Konkurse erwarten Sie?
Je länger es geht, desto weniger Betriebe kommen zurück. Wenn es erst eine Teilöffnung im Juni gibt, dann gehen wir davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Betriebe nicht mehr öffnen werden.

Fürchten sich die Gastronomen nicht vor einem zweiten Lockdown?
Diese jetzigen Massnahmen hat man beschlossen, um sicherzustellen, dass unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht. Damit wurden die Massnahmen begründet. Jetzt sind die Spitäler nicht ganz ausgelastet, Pflegekräfte in Kurzarbeit. Dann kann man den Entscheid nicht mehr damit begründen. Die Gastrobetriebe können die Sicherheit der Gäste gewähren. In der Migros geht es ja auch.

«Der Getränkelieferant, der Elektriker, der Metzger, der Bäcker. Alle diese Zulieferer hängen vom Gastgewerbe ab.»

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Können die Restaurants sicherstellen, dass Hygienevorschriften beachtet werden?
Wenn der Betrieb die Mindestdistanz nicht einhalten kann, dann müssen die Mitarbeiter Schutzmasken tragen. Aber es gibt auch weitere Schutzmassnahmen, beispielsweise nur über die Theke servieren, eine gewisse Anzahl Gäste, Beistelltische...

Fehlt dem Bundesrat die Kreativität, dass man vor allem auch in Hinblick auf den Sommer gewisse Öffnungen vornehmen könnte?
Ich werfe dem Bundesrat vor, dass er eine grosse Branche diskriminiert. Und nicht zu vergessen: Es sind auch andere Branchen von der Gastronomie abhängig. Der Getränkelieferant, der Elektriker, der Metzger, der Bäcker. Alle diese Zulieferer hängen vom Gastgewerbe ab und stehen wegen des Lockdowns auch vor grossen Herausforderungen.

Unabhängig von diesen Massnahmen. Haben Sie das Gefühl, dass die Leute überhaupt noch Lust haben, in eine Bar oder ein Restaurant zu gehen?
Ich stelle eine Gegenfrage: Haben Sie jetzt bei diesem sommerlichen Wetter Lust, ihr Bier ständig auf dem eigenen Balkon zu trinken? Es wird Menschen geben, die vorsichtig sind. Oder auch die Risikogruppen. Aber viele Leute haben das Bedürfnis auf ein gastronomisches Angebot. Bars und Restaurants haben eine soziale Bedeutung.

Was raten Sie den Gastronomen?
Ich kann versichern, dass wir alles daransetzen, dass uns der Bundesrat so bald wie möglich informiert und wir so früh wie möglich eine Teilöffnung anstreben. Ich hoffe schwer, dass der Bund in zehn Tagen, übernächste Woche mit guten Nachrichten auf die Gastrobranche zukommt.