Dramatische Zahlen machen die Runde. Das Bruttoinlandprodukt soll gegen 7 Prozent schrumpfen, erwartet das Staatsekretariat für Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds rechnet derzeit mit einem Rückgang um 6 Prozent.

Thomas Lustgarten ist Chairman von Bain & Company in der Schweiz sowie weltweiter Leiter der Praxisgruppe Industriegüter.

Wir müssen uns aber im Klaren sein: Die Schweizer Wirtschaft und die hiesige Gesellschaft stehen auf solidem Fundament. Unser Land ist im internationalen Vergleich trotz Krise in guter Form und damit in bester Position, bei einer Erholung wieder an Schwung zu gewinnen. Das können auch die Unternehmen – wenn sie sich richtig darauf vorbereiten.

In gewisser Weise ist die Corona-Krise eine Art Wettlauf der Systeme. Entweder auf wenige Einschränkungen setzen wie in Schweden oder die Krankheitsraten kontrollieren wie in der Schweiz und in Deutschland. Geregelte Öffnung wie in Österreich oder totaler Lockdown wie in Italien oder Frankreich. Das Urteil steht noch aus.

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Pragmatisches System

Immerhin ist der erste Erfolg für die Schweiz das Erreichen der vorläufigen Pandemiespitze, ohne dass das Gesundheitssystem ans Limit gekommen ist. In den Spitälern gab es bis jetzt genügend Behandlungsplätze. Nun soll die Versorgungslage mit Masken gewährleistet werden.

Gut gelungen ist bislang die Steuerung der Liquidität. Die Schweiz hat es mit einem pragmatischen und effektiven System geschafft, betroffene Unternehmen sofort mit vielen Milliarden zu unterstützen. Selbst wenn es mancherorts Komplikationen gab und Nachbesserungsbedarf sichtbar wurde, kamen die Gelder unbürokratisch auf den Konten der Antragssteller an.

Staatsfinanzen in Ordnung

Auch die Staatsfinanzen sind in Ordnung. Zwar mussten sich in den letzten 20 Jahren Schweizer Finanzminister hämische Kommentare gefallen lassen, wenn sie wieder einen «völlig überraschenden» Einnahmenüberschuss präsentierten, der das Budget weit übertraf. Doch diese Überschüsse und das System der Schuldenbremse haben dazu geführt, dass die Verschuldung der Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern sehr niedrig war. Somit sind wir für ein Defizit von 40 Milliarden Franken und mehr, wie es Bundesrat Ueli Maurer verkündet hat, gut gerüstet.

Als weiterer Pluspunkt erweisen sich die erfolgreichen letzten Jahre. Seit dem Minus von 2,2 Prozent im Finanzkrisen-Folgejahr 2009 ist die Schweizer Wirtschaft über zehn Jahre hinweg jeweils um knapp 1 bis fast 3 Prozent gewachsen – und dies trotz dem «Frankenschock» von 2015. Damals hatte die Nationalbank die Euro-Untergrenze aufgehoben und dadurch die Exportindustrie und den Tourismussektor getroffen. Vielleicht war dieser Schock sogar etwas wie ein Trainingslager. Diese Schlüsselsektoren sind – trotz der grossen Schwierigkeiten – besser gerüstet für die harten Monate und Jahre, die zweifellos kommen werden, als die der ausländischen Konkurrenz.

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Instrument Kurzarbeit greift

Dass das Konzept Kurzarbeit zweckmässig ist, ist schon lange bekannt. Es hat immer wieder geholfen, konjunkturelle Dellen in einzelnen Branchen abzufedern. Dadurch konnte qualifiziertes Personal von den Unternehmen gehalten und wieder voll eingesetzt werden, sobald die Konjunktur anzog.

Allerdings hat wohl niemand erwartet, dass Kurzarbeit jemals in diesem Ausmass beantragt werden würde. Doch selbst in der Corona-Pandemie erweist sich dieses Instrument als wirksam, gerade mit Blick auf den Restart. Beim schrittweisen und alles andere als trivialen Hochfahren der Wirtschaft wird der hohe Bildungs- und Ausbildungsgrad der Belegschaft helfen, auf allen Unternehmensebenen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Qualität von Mitarbeitenden und Management sowie ad-hoc gebildeten Taskforces werden entscheidende Faktoren sein, um die Innovation, Entwicklung, Produktion, Vertrieb und andere betriebliche Funktionen wieder in Schwung zu bringen.

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«In kundennahen Bereichen wie bargeldloses Zahlen, Gesundheits-Apps oder Online-Einkauf werden wir jetzt aufholen müssen.»

Zudem haben viele Schweizer Unternehmen – vielleicht mit Ausnahme der Gastronomie – in den vergangenen zehn Jahren gut bis sehr profitabel gewirtschaftet und konnten Finanzreserven aufbauen, die jetzt eine Zeit lang wie ein stabilisierender Puffer wirken. Dennoch wird eine hohe Zahl an Insolvenzen wahrscheinlich nicht zu vermeiden sein. Gut aufgestellte Unternehmen haben indes alle Voraussetzungen, beim Neustart vorne mit dabei zu sein und die Zukunft aktiv zu gestalten.

Handeln und planen – und zwar jetzt

Nach einer kurzen Schockstarre agieren viele Unternehmen inzwischen mit Dynamik, Augenmass und Umsicht. «Act now, plan now» lautet jetzt die Devise. Mit anderen Worten: Die Firmen müssen sowohl im Krisenmodus funktionieren als auch Strategien für die Zeit nach Corona vorbereiten. Entscheidend ist jedoch, dass der Stillstand nicht zu lange dauert.

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Kurzfristig steht damit das Krisenmanagement im Vordergrund: Schutz der Mitarbeiter, Szenario-Planung, Massnahmen gegen wegbrechende Umsätze, Sicherung der Liquidität, gegebenenfalls Nutzung staatlicher Hilfen, Kosteneinsparungen, ohne die Substanz zu gefährden. Gleichzeitig müssen die Unternehmen wesentliche strukturelle und strategische Themen angehen. Es gilt zu überprüfen, ob das bisherige Businessmodell auch nach Corona gültig bleibt – oder ob es temporär, wenn nicht gar komplett neugestaltet werden muss.

Partielle De-Globalisierung

Die Lieferketten werden bei der zumindest partiell zu erwartenden De-Globalisierung auf regionalere Strukturen umgebaut. Anpassungen der Produktionsstandorte müssen überprüft werden – jedoch mit Augenmass und nur, wo es nötig und sinnvoll ist. Die Krise darf dabei nicht zu weniger nachhaltigem Handeln führen. Vielmehr soll das Bewusstsein für ressourcen-schonendes Wirken wachsen. Unser Reiseverhalten in Vor-Corona-Zeiten wird zu Recht teilweise hinterfragt.

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Wie ein Katalysator wirkt die Krise beim Thema Digitalisierung. Die Schweiz hinkt im Vergleich zu anderen Ländern, vor allem Asien, hinterher. Gerade in kundennahen Bereichen wie bargeldloses Zahlen, Gesundheits-Apps oder Online-Einkauf werden wir jetzt aufholen müssen. Unternehmen werden zudem bald nach strategischen M&A-Transaktionen Ausschau halten. Die bevorstehende Rezession wird zu Marktkonsolidierungen führen, da sinkende Bewertungen Kaufgelegenheiten schaffen. Strategisch denkende Firmen positionieren sich bereits in diesem Feld.

Solidarität bekommt eine neue Dimension. Viele Unternehmen üben grosse Umsicht, was das Wohlergehen ihrer Mitarbeitenden und Kunden in dieser schwierigen Lage angeht. Das festigt die Bindungen für die Zukunft.

Kreativität und Leistungsbereitschaft helfen

Die Corona-Krise wird die Schweizer Wirtschaft noch Jahre belasten. Und mancher Schaden wird irreparabel sein. Dennoch können uns die Kreativität, die Leistungsbereitschaft, das Unternehmertum und die Besonnenheit, die die meisten Menschen derzeit an den Tag legen, zuversichtlich stimmen. Denn damit können die bevorstehenden Aufgaben auch über das akute Krisenmanagement hinaus gemeistert werden.

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