Greta, Grünrutsch und Gesetzesrevision. An Energie- und Klimathemen kommt spätestens seit dem letzten Jahr niemand mehr vorbei. Das Pariser Klimaabkommen und damit verbunden das vom Bundesrat gesetzte Ziel «netto null bis 2050» stellt uns vor grosse Herausforderungen. Illusion oder Vision? Beschneidung der Lebensqualität oder Voraussetzung für eine umwelt- und lebensfähige Zukunft? Radikaler Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, subito und jetzt? Schränkt der Klimawandel die individuelle Freiheit, Kernstück des Liberalismus, ein?

«Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt», sagte Immanuel Kant. Ein hehrer Anspruch. Kennt doch das Klima keine Grenzen, welche die Freiheit des Einzelnen oder die Freiheit eines Staates definieren würden. Der Klimawandel ist ein kollektives Problem. Doch statt Klarheit herrscht eher Ratlosigkeit über den einzuschlagenden Weg. Was ist zu tun? Wer hat einen Plan, wie wir der Herausforderung mit verantwortungsbewusstem Geist begegnen können?

Genau vor einem Jahr begann ich meine Arbeit bei der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW). Ich entschied mich auch für den Job, weil die EnAW nicht über Klimawandel redet, sondern einen klaren Plan in der drängenden Klimafrage hin zu «netto null» hat und handelt. Eine Antwort auf die Frage, die alle Unternehmer beschäftigt: Wie bringe ich den CO2-Ausstoss des Unternehmens runter? Wo beginne ich? Welche Reihenfolge ist bei der Umsetzung von Massnahmen sinnvoll? Welche technischen Möglichkeiten gibt es, und welche kommen in absehbarer Zeit dazu? Woran muss ich heute schon denken, um für den übernächsten Schritt die richtige Grundlage zu legen?

«Netto null» ist für viele Firmen in Reichweite

Dekarbonisierung des Energieinputs ist ein Prozess, und genau diesen diskutieren und lösen unsere Fachexperten im Dialog mit den Unternehmen. Heute ist ungefähr die Hälfte des gesamten CO2-Ausstosses der Wirtschaft von Zielvereinbarungen mit der EnAW abgedeckt. Die rund 4000 Unternehmen, die mit uns arbeiten, reduzieren mit den seit 2001 umgesetzten Massnahmen um gut 2,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das Ziel «netto null» ist für viele unserer Firmen bereits Wirklichkeit und in Reichweite. Die vollständige Dekarbonisierung ist Teil ihrer Strategie, weil sie doppelt sinnvoll ist: ökologisch und ökonomisch. Investitionen in Effizienzverbesserungen und Prozessoptimierungen sind Unternehmensentwicklung. Sie stärken die Innovation, die Wettbewerbsfähigkeit und die Reputation.

«Netto null bis 2050» für die Wirtschaft ist dennoch ambitioniert. Um den steilen Absenkpfad zu realisieren, reichen die heute typischen Massnahmen nicht.

Umbau der Wärmeerzeugung und Wärmenutzung ist notwendig

Klimaneutralität erfordert das Ausschöpfen von Effizienzpotenzialen, die Wärmerückgewinnung und Abwärmenutzung über einzelne Produktionsstandorte hinaus inklusive der dafür notwendigen, langfristigen Planung von Wärmenetzen sowie die Umstellung von Prozessen und Produkten und die Substitution der Energieversorgung durch erneuerbare Energien. Kurz gesagt: Nötig ist ein massiver Umbau der Wärmeerzeugung und Wärmenutzung. Und es bleiben Emissionen, welche sich nur massgeblich reduzieren lassen, wenn ein extremer Aufwand getrieben wird oder gar gewisse Produkte nicht mehr hergestellt werden. Wollen wir das?

Dieser Prozess ist von den Rahmenbedingungen abhängig. Er kann mit verschiedenen Instrumenten beeinflusst werden. Sie reichen von der kommunalen Energieplanung über die Förderung von neuen Technologien und Pilotprojekten bis hin zur Beeinflussung der Energie- und CO2-Preise. Die Weichen dafür stellt die Politik.

«Netto null bis 2050» ist auf Zusammenarbeit, Erfahrung und Wille angewiesen. Der Weg dahin ist anspruchsvoll. Als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Politik und mit unserer breiten Vernetzung in Wissenschaft und Gesellschaft wollen wir den Weg gemeinsam Schritt für Schritt gehen, um das Ziel im anvisierten Zeitrahmen zu erreichen – auch wenn heute noch mancher Abzweig unbekannt und manches Hindernis vor uns sein mag. «Geht nicht» geht auf jeden Fall gar nicht!

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Die Autorin Jacqueline Jakob ist Geschäftsführerin der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW).