Dass Firmen Stellen in der Industrie und Produktion ins billigere Ausland verlagern, ist ein bewährtes Mittel, um Geld zu sparen. Die neuste Entwicklung: Jetzt trifft es zunehmend Arbeitsplätze im Bereich Personalwesen, Buchhaltung, Immobilien und IT. Klassische KV-Berufe. Im digitalen Zeitalter spielt es keine Rolle mehr, von wo aus jemand Büroarbeit leistet.

Novartis hat heute den Abbau von insgesamt 2000 Stellen verkündet. 700 davon sind klassische Dienstleistungs-Jobs. Die Empörung ist gross: Verbände und Gewerkschaften werfen dem Basler Pharmakonzern vor, sich aus der Verantwortung gegenüber dem Standort Schweiz zu stehlen. Der Konzern füge der Schweizer Wirtschaft grossen Schaden zu, heisst es. «Wir lassen uns von Novartis nicht den Industriestandort in Basel zerstören», sagt Christof Burkard, Leiter Sozialpartnerschaft bei den Angestellten Schweiz

Dieser Abwendung vom Schweizer Standort durch ein Schweizer Unternehmen ist für Professor Norbert Thom, Organisationsexperte an der Universität Bern, längst Realität: «Die Novartis hat kein Heimatgefühl zur Schweiz.» Das Pharmaunternehmen sei ein international agierender Konzern, der einfach das Headquarter in der Schweiz habe, sagt Thom. Falsche Heimatverbundenheit sei fehl am Platz. 

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Druck nimmt zu

Ein Management wie das von Novartis denke sich andauernd neue Programme zur Effizienzsteigerung aus, sagt der Experte. Personalkosten seien dabei immer wieder ein Thema. «Der Druck auf die Schweiz nimmt wegen den brutalen Benchmarks der internationalen Firmen zu», so Thom.

Das betreffe nicht nur das hohe Lohnniveau in der Schweiz, sondern auch die ständig steigenden Nebenkosten. «Denken Sie nur an das zurzeit sehr aktuelle Thema Vaterschaftsurlaub», sagt Thom. Die Hochpreisinsel Schweiz benötige eine sehr hohe Produktivität. Supportarbeiten, standardisierte Prozesse und Serviceaufgaben könne man ins Ausland auslagern. 

Das Novartis-Management handle nach Kostenvorteilen, nicht nach örtlichen Arbeitnehmern. «Die Schweiz bietet Novartis einen Standortvorteil. Dabei liegt die Betonung vor allem im zweiten Teil des Wortes», sagt Thom. Auch für den Novartis-Chef Vas Narasimhan findet Thom klare Worte: «Er ist ein internationaler Manager, der die Schweiz schätzt, weil die Lebensqualität und die Gehälter der CEOs hoch sind. Aber er muss Kosten sparen – wie alle anderen Manager auch». Solche Entscheidungen seien von einem ständigen Kampf in der Geschäftsleitung getrieben, die Aktienkurse hochzutreiben. 

«KV-Jobs» wandern ins Ausland oder zur Maschine ab

Novartis baut fast jede sechste Stelle in der Schweiz ab: Es kommt zur Verlagerung in die fünf Servicezentren in Dublin (Irland), Hyderabad (Indien), Kuala Lumpur (Malaysia) Mexico City (Mexiko) und Prag (Tschechische Republik). Auch das Profil dieser Stellen ist relativ klar umrissen: Es sind Routinejobs, so genannte «White Collar»-Jobs, die in der Verwaltung und nicht wie die «Blue Collar»-Jobs in der Produktion angesiedelt sind. 

Für Luc Zobrist, Ökonom beim Beratungsunternehmen Deloitte, geht diese Entwicklung auch mit der Automatisierung solcher «White Collar-Jobs einher. «Die Jobs des Mittelstands geraten zunehmend unter Druck.» Da deren Abläufe häufig einfacher erfassbar und somit automatisierbar sind, kommt es zu einer zunehmenden Verlagerung von Routinejobs hin zu Spezialistenberufen. 

Das bestätigt auch Caroline Schubiger, Leiterin Sozialpartnerschaft beim Kaufmännischen Verband Schweiz. «Wir sind uns diesem Trend schon länger bewusst. Möglich geworden sind Verlagerungen wegen der neuen Technologie. Vor zehn Jahren war das noch weniger verbreitet.» 

Professor Norbert Thom, Direktor des Instituts fuer Organisation und Personal der Uni Bern, am Montag, 10. September 2001 in Bern beim Contex Interview.   (KEYSTONE/Edi Engeler)

Norbert Thom von der Universität Bern.

Quelle: Keystone .
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Firmenkultur leidet

Dass ein Konzern wie Novartis nun zu solchen Massnahmen greife, sei für sie nicht weiter verwunderlich: «Die Gefahr von Auslagerungen besteht besonders bei international ausgerichteten Grossfirmen, die bereits viele Standorte haben.» Als erstes hätten die Banken damit angefangen. «Teils haben sie jedoch etwa im HR-Bereich Stellen wieder angesiedelt, weil die im Ausland gefertigten Arbeitszeugnisse in der Schweiz nochmals überarbeitet werden mussten.»

Schubiger appelliert an die Veranwortung der Grosskonzerne: «Unternehmen sollten nicht nur auf die reinen Zahlen schauen, sondern eine Vollkosten-Rechnung erstellen. Dann würden sie sehen, dass durch Auslagerungen die Firmenkultur leidet.» Zudem hätten die Konzerne eine unternehmerische Verantwortung: Schliesslich profitierten sie von den guten Strukturen in der Schweiz.

Auch KMU fangen damit an

Walter Burkhalter, Teilhaber der Beratungs- und Outplacementfirma Grass & Partner AG, hat vor rund fünf Jahren erstmals davon gehört, dass Grossfirmen Stellen im kaufmännischen Bereich auslagern. «Möglich ist das etwa im Rechnungswesen, der Finanzbuchhaltung oder bei repetitiven Marketingtätigkeiten – bei Funktionen, in denen die Prozesse standardisiert sind. Sobald es komplexer wird und die Aufgaben abweichen, wird es schwieriger.» 

Mittlerweile ist der Kostendruck anscheinend aber so gross, auch für mittelständische Unternehmen werden ähnliche Auslagerungen wie bei Novartis eine Option. «Inzwischen sind die Systeme und Prozesse derart optimiert worden, dass Auslagerungen von kaufmännischen Stellen auch bei KMUs möglich sind.»