Und es kam, wie es kommen musste. Erst seit Anfang Januar ist die «Branchenvereinbarung Vermittler» in Kraft. Und bereits gibt es einen ersten handfesten Knatsch wegen möglicher Umgehungen.

Abgesehen von der Sanitas Gruppe, der Agrisano und sechs kleinen Kassen haben das Abkommen alle Krankenversicherer unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, auf unerwünschte Telefonate zur Anbahnung von Beratungsgesprächen zu verzichten, die Qualität der Beratung durch Vermittler zu steigern sowie deren Provisionen für die Gewinnung neuer Kunden zu beschränken.

Der Abschluss einer Grundversicherung darf höchstens mit 70 Franken vergütet werden. Die Provision für eine Zusatzversicherung wird auf zwölf Monatsprämien beschränkt. Bei Verstössen drohen Bussen bis zu einer halben Million Franken.

Kreative Helsana?

Wie Branchenkenner schildern, soll die Helsana-Gruppe kreative Lösungen gefunden haben, um administrative Aufwände zu vergüten, die nicht direkt der Akquise neuer Kunden zugerechnet werden können. Damit würden die Provisions-Höchstsätze ausgehebelt. Der Krankenversicherer ist einer der zwei Branchenleader mit rund 1,45 Millionen Grundversicherten. 

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Mitglieder des Verwaltungsrats des Krankenversicherungsverbands Santésuisse schrieben deswegen einen Brief an Helsana-Präsident Thomas D. Szucs und forderten ihn auf, die Branchenvereinbarung einzuhalten. Dazu bezieht Helsana-Pressesprecher Can Arikan keine Stellung.

Santésuisse-Sprecher Matthias Müller sagt, die der Branchenvereinbarung beigetretenen Krankenversicherer arbeiteten zusammen, um Umsetzungsfragen zu beantworten: «Dabei können selbstverständlich auch Briefwechsel zwischen den Markteilnehmern erfolgen.» Ein Dementi ist das nicht.

Gemäss Insidern hat Szucs die umstrittenen Vergütungen sistiert. Möglicherweise sollen diese der für die Beurteilung von Streitfragen rund um die Branchenvereinbarung zuständigen Aufsichtskommission vorgelegt werden. Ist deren Konstituierung erfolgt, müsste das Gremium prüfen, ob solche Zahlungen zulässig sind oder nicht.

Szucs griff ein, Schmutz ging

Dieser Knatsch hat gemäss gut unterrichteten Informanten dazu geführt, dass Helsana-Chef Daniel Schmutz und Jürg Stupp, Leiter Marketing und Vertrieb, ihren Rücktritt eingereicht haben. Die beiden sollen gemäss einer am 25. Januar kurz nach 18 Uhr versandten Mitteilung beschlossen haben, sich «beruflich neu zu orientieren». 

Dazu wollte Daniel Schmutz auf Anfrage der «Handelszeitung» keine Stellung beziehen. Helsana-Sprecher Arikan sagt dazu: «Aus Respekt gegenüber den persönlichen Entscheiden der Herren Schmutz und Stupp äussern wir uns nicht dazu.» Der Verwaltungsrat danke den beiden für ihr langjähriges Engagement und wünsche ihnen alles Gute für die Zukunft. Neuer Helsana-Chef ist der bisherige Finanzchef Roman Sonderegger

Roman Sonderegger

Der frühere Finanzchef rückt an die Helsana-Spitze vor: Roman Sonderegger.

Quelle: ZVG
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Der Knatsch beweist immerhin: Die Branchenvereinbarung zeigt Wirkung. Sie zwingt Krankenversicherer dazu, ihre Vertriebskanäle neu aufzustellen. Die Walliser Groupe Mutuel plant zur Vergrösserung des internen Vertriebs die Schaffung 200 neuer Stellen. 150 Mitarbeitende sind bereits angestellt. Sie stammen vom Maklerzentrum Schweiz. Der Basler Versicherungsbroker, dem Hunderte von Vermittlern angeschlossen sind, bleibt selbstständig. 

Übernommen haben die Walliser hingegen 51 Prozent der Neosana mit mehr als 100 Mitarbeitenden und einem Netzwerk von mehr als 1000 Beraterinnen und Beratern. Auch die Berner Visana-Gruppe passt ihr Agenturnetz an, um ihre lokale Präsenz schweizweit auszubauen. Zudem hat sie sich die Mehrheit an der Versicherungsagentur SSM Partner mit mehr als 70 Mitarbeitenden gesichert.

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Kassen bauen internen Vertrieb aus

Vermittler dieser Firmen dürften in Zukunft im Krankenversicherungsbereich weniger neue Kunden für Konkurrenten ihrer Eigner akquirieren. Auch deswegen dürften andere finanzkräftige Anbieter ebenfalls versuchen, entweder ihre internen Vertriebsstrukturen auszubauen, einen Broker zu übernehmen oder Kontakte zu neuen Vermittlerorganisationen zu knüpfen.  
 

Daher liegt auch die Versuchung nahe, sich über die Abgeltung von Pseudo-Dienstleistungen Vorteile zu verschaffen. Das kann beispielsweise eine Entschädigung dafür sein, einem potenziellen Versicherten das Kundenportal zu erklären, jemandem zu helfen, die hauseigene App runterzuladen oder die Anmeldung für ein Bonusprogramm auszufüllen. 

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Damit liesse sich der Einnahmenausfall zumindest teilweise kompensieren, den die Provisionsbeschränkungen für Vermittler zur Folge haben. Denn letztlich soll mit der Branchenvereinbarung das bisher jährlich ausgeschüttete Provisionsvolumen von mehr als 400 Millionen Franken schrumpfen. Laut Branchenkennern versuchen daher Vermittler, sich eine Art Abfindung von Krankenversicherern zu erschleichen. Sie würden deren Versicherte, die zu ihrem Portfolio zählen, zu einem Konkurrenten zügeln, drohen die Vermittler, falls sie kein Geld erhielten.

Politisch unkluge Umgehungen

Dennoch ist es auch politisch unklug, sich mittels Umgehungsversuchen der Branchenvereinbarung Vorteile zu verschaffen. Denn diese soll von der Politik per Gesetz für allgemeinverbindlich erklärt werden.

Dieses Vorhaben ist nach wie vor umstritten, wie die im Herbst abgeschlossene Vernehmlassung zeigt. Vereinfacht zusammengefasst, möchten linke Parteien und Organisationen insbesondere die Provisionen der Vermittler stärker einschränken. Bürgerlichen geht die Vereinbarung zu weit, unter anderem weil sie auch die privatrechtlich geregelten Zusatzversicherungen betrifft. 

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Die Versicherer befürchten, dass Gesundheitsminister Alain Berset mit diesem Gesetz nicht nur die von der Branchenvereinbarung tangierten externen Vertriebskanäle regulieren will, sondern gleich auch noch die internen. Wie das Gesetz schliesslich formuliert wird, dürfte noch vor dem kommenden Sommer bekannt werden. Geplant sei, dass der Bundesrat bis dann die entsprechende Botschaft ans Parlament überweist, bestätigt ein Sprecher des Innendepartements. 

Wird die Branchenvereinbarung für allgemeinverbindlich erklärt, gälte sie auch für die Anbieter, die sie bisher nicht unterzeichnet haben wie die Agrisano und die Sanitas Gruppe. «Kostentreibend, wettbewerbsverzerrend und ordnungspolitisch bedenklich» ist das geltende Abkommen laut einem Sprecher der Sanitas Gruppe. Es bevorzuge Krankenversicherer mit einem ausgebauten Eigenvertrieb. Über einen solchen verfügen weder die Sanitas Gruppe noch die Agrisano.

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