Die Negativschlagzeilen wegen der Verzögerung bei der Auslieferung des neuen Tesla 3 häufen sich – ein Lichtblick wurde am Donnerstag von Tesla verkündet. Neben Mitarbeitern und bisherigen Tesla-Besitzern können nun auch weitere Personen das neue Modell vorbestellen. Die Wartezeiten sind aber nach wie vor lange.

Freudige Nachrichten gibt es für den Konzern aus Kalifornien auch für die Oberklasse-Limousine Tesla S zu vermelden: Tesla belegt mit dem Model S in Europa erstmals den Spitzenplatz bei der Anzahl verkaufter Fahrzeuge in der Oberklasse. Und zwar vor den deutschen Autobauern Mercedes und BMW. Ausser in deren Heimmarkt Deutschland nicht.

Die Kalifornier haben von ihrer Limousine Tesla S in Europa im letzten Jahr rund 16'000 Stück abgesetzt, wie das auf die Automobilindustrie spezialisierte Marktforschungsinstitut Jato Dynamics aus England in einem Bericht schreibt. Dabei liegt der Tesla S vor allen anderen in der Oberklasse, beispielsweise vor dem Mercedes S-Klasse, dem Audi A7 oder dem Porsche Panamera.

Ein Seitenhieb für die deutschen Autobauer

Mit diesen Zahlen hat Tesla beim Verkauf des Model S gegenüber dem Vorjahr nochmals um 30 Prozent zugelegt. In Europa konnte Mercedes von seiner S-Klasse 14'765 Fahrzeuge an den Mann bringen, BMW verlor im Verkauf seines BMW 7er rund 13 Prozent. Damit ist dem amerikanischen Elektroautohersteller ein weiterer Vosprung im Heimmarkt der deutschen Autobauer – in Europa – gelungen.

Es ist eine Ohrfeige für die grossen Autobauer und deren Flagschiffe: Die deutschen Autohersteller wähnten sich in Europa lange Zeit in Sicherheit vor den Amerikanern –  und dachten, die Konsumenten sprechen wegen der geringeren Reichweite und den Anschaffungskosten nicht auf Elektroautos an.

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Schweiz ist absolute Spitze

Tesla bietet wirtschaftliche Vorteile gegenüber den anderen Limousinen – etwa im Preis des Modells S, aber auch im Betrieb des Autos. Ein Elektroauto ist in der Regel günstiger, und das macht es für Firmenflotten attraktiv. In einigen Ländern profitieren die Käufer von Tesla von Subventionen für Elektroautos. In den nordischen Ländern kann man ein batteriebetriebenes Fahrzeug von den Steuern absetzen. 

Besonders in der Schweiz ist Tesla ganz vorne mit dabei – auch ohne Unterstützung des Staates: Hierzulande hat Tesla im vergangenen Jahr 1131 Fahrzeuge des Modell S verkauft. Tesla hat dabei mehr als doppelt so viele Autos auf dem Schweizer Markt abgesetzt, also Porsche mit dem Panamera, Mercedes mit der S-Klasse oder BMW mit dem 7er. Damit ist der Vorsprung vom amerikanischen Elektroautohersteller zu der deutschen Konkurrenz in der Schweiz noch weitaus grösser als in anderen Ländern Europas.

Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Automotive Research Centers an der Universität Duisburg-Essen, sagt: «Das Tesla Modell S deklassierte alle deutschen Premium-Limousinen innerhalb von Europa deutlich. Der Vorsprung ist eindeutig. Tesla ist in der Schweiz eine Klasse für sich.»

Rückgang beim Tesla S, mehr Absätze beim Tesla X

Trotz dieser überragenden Beliebtheit im Schweizer Premiumsegment verzeichnet das Modell S zwar immer noch gute Verkaufszahlen, aber nicht mehr so wie in den vergangenen Jahren seit der Lancierung der Luxus-Elektro-Limousine. 

Erstmals ist nämlich der Verkauf des Tesla S in der Schweiz im vergangenen Jahr um 12 Prozent zurückgegangen. Felipe Munoz, Analyst bei dem englischen Marktanalyst Jato und Mitautor der Studie, kann keine Gründe für den Verkaufsrückgang ausmachen und sagt: «Es hat nichts mit einer Sättigung des Shweizer Marktes oder der Grösse des Marktes zu tun.» In einem einkommensstarken Markt wie der Schweiz gebe es immer Platz für teure Autos, so Munoz. 

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Tesla erstmals mit über 2000 Fahrzeuge pro Jahr

Für Ferdinand Dudenhöffer vom Auomotive Research Center liegt der Grund für den Rückgang des Verkaufs des Tesla S in der Schweiz auf der Hand: Das neue SUV-Modell X von Tesla verkauft sich in der Schweiz – und auch im restlichen Europa – ebenfalls gut. «Tesla hat 2017 in der Schweiz 323 Fahrzeuge oder 19 Prozent mehr als alle anderen Hersteller, die Autos in der Oberklasse anbieten, verkauft». Erstmals kletterte der Verkauf der amerikanischen Elektroautos in der Schweiz über die Marke von 2000 verkauften Wagen pro Jahr.

Im ersten Verkaufsjahr des Tesla X hätten sich in der Schweiz viele Käufer auf das SUV-Modell von Tesla gesetzt. Damit hätte der Tesla X den Verkauf des älteren Modells, dem Tesla S, gebremst. Unter dem Strich haben die Amerikaner in der Schweiz aber mehr Elektroautos als im Vorjahr verkauft. Die breitere Produktepalette von Tesla wirke sich positiv auf den Verkauf aus, so Dudenhöffer. 

Laut dem Forscher finde eine Substitution zwischen den beiden Modellen Tesla S und X statt. Bei den Zielgruppen und dem Preis seien die beiden Fahrzeuge gleich positioniert, sagt der Autospezialist von der Universität Duisburg-Essen. Tesla hat 2017 immerhin schon 893 vom Model X in der Schweiz verkauft. 

Ferdinand Dudenhöffer, Automotive Research Center

Dr. Prof. Ferdinand Dudenhöffer vom Car Research Center der Universität Duisburg-Essen.

Quelle: ZVG
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In der Schweiz gibt es in der Oberklasse keinen «Auto-Patriotismus»

«Die Schweizer setzen Trends», sagt Dudenhöffer. In der Schweiz würden deutlich mehr Tesla als in anderen Ländern in Europa abgesetzt. Nur in den Norwegen mit 2,31 Prozent Marktanteil und den Niederlanden mit 0,5 Prozent Marktanteil sind mehr Teslas auf den Strassen unterwegs als in der Schweiz. Hierzulande beträgt der Marktanteil 0,36 Prozent am Gesamtmarkt. 

In Deutschland würden die Autobauer selbst ihre Luxusfahrzeuge fahren, so Dudenhöffer. Dadurch sei der Markt «verzerrt». «Um Wolfsburg herum sehen sie viele VW-Autos, rund um Ingolstadt zahlreiche Audis. So ist das in Deutschland mit den Premiummarken», sagt der Forscher. Die Schweiz sei als Marktforschungs-Land für Premiummarken hingegen «sehr interessant», weil die Zahlen aussagekräftiger seien, da sie nicht durch eine heimische Autoproduktion verzerrt werden, sagt der Forscher. «Die Schweizer sind beim Autokauf neutral», so Dudenhöffer. 

Deutschland - letzte Bastion?

Tesla hat alle anderen Premiumhersteller in Europa beim Verkauf 2017 überrundet – ausser in Deutschland: Wegen der Nähe der Deutschen zur Automobilindustrie wird der grosse Nachbar im oberen Segment nach wie vor von den deutschen Autoherstellern dominiert. Das Modell Tesla S kommt im Oberklassen-Ranking nur auf den fünften Platz, hinter den genannten Premium-Fahrzeuge der deutschen Hersteller. 

Das Model X – der SUV von Tesla – sei laut den Zahlen in Europa ziemlich passabel gestartet. Für den Spitzenplatz reicht es zwar noch nicht, doch mit rund 12'000 verkauften Einheiten hat Tesla fast so viele X-Modelle wie Porsche mit dem Modell Cayenne abgesetzt.

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Die ewige Frage, ob das Model S von Tesla tatsächlich als Oberklasse gilt und nicht nur «obere Mittelklasse» ist, hat sich vor vier Jahren erledigt: Damals stufte das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt die Elektrolimousine Tesla S als Oberklasse-Auto ein.