In der Schweiz dauert das Zeitalter des Verbrennungsmotors noch etwa 15 Jahre: 2035 dürfte erstmals eine Mehrheit aller Autos im Land mit Elektroantrieb fahren. Doch Vorsicht: Das ist nur eine Schätzung des bekannten deutschen Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer. Der Wendepunkt könnte auch früher kommen.

Werfen wir zuerst den Blick auf die Gegenwart: In diesem Jahr ist erstmals mehr als jeder zehnte Neuwagen ein Elektroauto oder ein Hybrid mit Stromanschluss. Zusammen mit anderen alternativen Antriebsarten beträgt der Marktanteil gar 25 Prozent.

 Bochum, Deutschland, 12.02.2020: Ferdinand Dudenhöffer beim Car Symposium. *** Bochum, Germany, 12 02 2020 Ferdinand Dudenhöffer at the Car Symposium

Ferdinand Dudenhöffer - der «Autopapst» gilt als profunder Kenner der Autoindustrie.

Quelle: imago images/Jürgen Schwarz

Das tönt nach viel, doch im Umkehrschluss entscheiden sich immer noch drei von vier Käuferinnen für einen «Benziner» – obwohl die meisten grossen Autohersteller ihre Produktion auf E-Autos umstellen und nicht mehr in den Verbrennungsmotor investieren.

Natürlich: Noch ist die Auswahl an attraktiven Stromfahrzeugen überschaubar – und für die starken Verkäufe in diesem Jahr ist in erster Linie ein Hersteller verantwortlich: Tesla. Aber das Angebot wird sehr rasch sehr viel besser. VW etwa hat etliche neue E-Modelle angekündigt.

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Aus Sicht vom Bund liegt die Schweiz im Fahrplan: Nach der «Roadmap Elektromobilität 2022» von alt Bundesrätin Doris Leuthard sollten Stromautos in zwei Jahren einen Anteil von 15 Prozent erreichen. Es ist eine Branchenvereinbarung mit vielen Organisationen und Unternehmen, die nicht bindend ist. Und konkrete Ziele für die Zeit danach gibt es noch nicht.

Grossbritannien prescht vor

Auch das aktuelle Ziel wirkt bescheiden mit Blick auf Grossbritannien: Dort will die Regierung von Premier Boris Johnson neue Benzin- und Dieselautos ab 2030 verbieten. Die Politik schreibt also vor, wie schnell sich die alternativen Technologien etablieren müssen. Ähnliche Gesetze erliess auch Kalifornien (Benziner-Verbot ab 2035) und die kanadischen Provinzen Quebec und British-Columbia (2040). 

Sollte auch der Bund in der Schweiz auf Verbote setzen? Der Ruf danach wird laut. Der Elektromobilitätsverband Swiss eMobility wird in Kürze konkrete Forderungen präsentieren. Das bestätigt sein Präsident, GLP-Nationalrat Jürg Grossen der HZ. Hinter der Organisation stehen Konzerne wie ABB, Alpiq, Zurich, AMAG oder die Post.

«Ehrgeizig, aber machbar»

Die Schweiz sollte sich an den Briten ein Vorbild nehmen, findet Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research in Duisburg. «Ich würde ein Verkaufsverbot ab 2030 wie in Grossbritannien begrüssen.» 2030 als Vorgabe sei «ehrgeizig, aber machbar». Und ein Verbot wäre hilfreich, weil es Planungssicherheit schaffe: Autohersteller, Stromversorger und alle anderen Akteure könnten ihre Investitionen danach ausrichten.

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«Die Schweiz eignet sich eigentlich sehr gut für Elektrofahrzeuge», betont Dudenhöffer. Das Land ist klein und die Wegstrecken meist kurz. Viele der Fahrzeuge liessen sich in Wohn- und Bürogebäuden laden, «es braucht keine grosse öffentliche Ladeinfrastruktur». «Für die Stromversorger werden Ladestationen in Gebäuden zu einer interessanten Geschäftsmöglichkeit. Manche werden die  'Wallboxen’ sogar verschenken.»

«In Europa hat der Verbrennungsmotor keine Zukunft.»

Ferdinand Dudenhöffer

«Verbote sind der falsche Weg»

Gegen Verkaufsverbote stellen sich hingegen die Autobranche. «Verbote sind der falsche Weg», sagt Andreas Burgener, der Präsident der Branchenorganisation Auto Schweiz. «Die Politik sollte die Importeure arbeiten lassen.» Burgener findet es auch falsch, den Verbrennungsmotor bereits abzuschreiben: Solche Fahrzeuge könnten mit synthetischen Treibstoffen durchaus wieder attraktiv werden.

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Seine Branche ist schon heute unter Druck der Politik. Seit diesem Jahr gelten strengere Grenzwerte für den CO2-Aussstoss von Neuwagen. Weil sich die Schweiz auch 2020 für zu dreckige neue Autos entscheidet, werden die Händler eine hohe Busse zahlen müssen, vermutlich ein dreistelliger Millionenbetrag.

Die Autoimporteure haben also ein Interesse am Erfolg der Elektroautos: «Stromer» stossen deutlich weniger CO2 aus als «Verbrenner», auch wenn die Herstellung mitberücksicht wird. Klimafreundlich sind E-Autos aber vor allem dann, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Quellen fahren – und das ist in der Schweiz mit ihren vielen Stauseen stärker der Fall als etwa in Deutschland.

Das Bundesamt für Energie sieht Elektroautos denn auch als wichtiges Instrument, um bis 2050 eine klimaneutrale Schweiz zu erreichen.

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«Peak» Benzinauto - 2030 sollen «Stromer» «Bezinzer» überholen

Im Jahr 2030 könnten laut einer Studie weltweit erstmals mehr Autos mit Elektro-Antrieben als mit Verbrennungsmotoren verkauft werden. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) rechnet dabei batteriebetriebene Wagen und Fahrzeuge mit Hybrid-Antrieben zusammen.

Treiber für die Entwicklung seien dabei unter anderem der Druck durch Vorgaben der Regulierer zum Schadstoffausstoss sowie sinkende Batteriekosten. So dürfte der Batteriepreis zwischen 2014 und 2030 um 80 Prozent fallen, prognostizierte BCG.

Der Anteil verschiedener Typen von Fahrzeugen mit Elektromotoren werde dabei von Region zu Region unterschiedlich sein, betonen die BCG-Experten. So werde in China und Europa zum Jahr 2030 gut jedes Vierte neue Fahrzeug nur mit Batterien betrieben werden, während der Anteil von Wagen mit Benzinmotoren auf rund ein Drittel sinken werde.

In den USA dürften dagegen nach der Prognose Benziner dann noch auf einen Anteil von 47 Prozent bei Neuwagen kommen - und reine Batterie-Antriebe auf gut ein Fünftel.

(awp/mbü)

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Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer empfiehlt den Autoverkäufern, sich nicht gegen Verbote zu wehren. Die Garagisten hätten es selber in der Hand, den Elektroautos zum Erfolg zu verhelfen, etwa indem sie für attraktive Preise sorgen.

«Keine Zukunft»

Von einer Renaissance des Verbrennungsmotors hält er zudem wenig. «In Europa hat der Verbrennungsmotor keine Zukunft. Synthetische Treibstoffe sind für Autos zu ineffizient und zu teuer.» Auch für Autos mit Wasserstoffantrieb sieht er in Europa keinen Markt: Es koste zuviel, dafür eine Infrastruktur zu schaffen, sagt der Branchenkenner.

2035 also werden Elektroautos auf Schweizer Strassen nach seiner Schätzung dominieren. Die Ära der E-Autos könnte aber auch einige Jahre früher anfangen. «Wenn wir es wie die Briten machen, sind wir schneller am Ziel.»

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