Applaus, Applaus: Mit seinem Entscheid, die Negativzinsen nicht weiter zu erhöhen, hat «Big Thomas» Jordan einen Charakterzug offenbart, den man ihm bislang eher in bescheidener Dosis zusprach: Flexibilität. Dass der Abstand zum Eurozins stets hoch zu halten sei, war seine Grundmaxime der letzten Jahre – als Folge gönnte sich die Schweiz die tiefsten Zinsen der Welt. Doch gestern zeigte sich unser Chef-Notenbanker, bislang fest auf der Klippe zwischen Standfestigkeit und Starrsinn verankert, plötzlich erstaunlich geschmeidig. Und alle fragen sich: Was ist denn da los?

Gestählte SNB-Exegeten bieten drei Interpretationen. Erstens: Auch Jordan hat eingesehen, dass der Zinsabstand zum Euro für den Frankenkurs gar nicht so zentral ist, wie die Nationalbank immer glauben machen will. Die schönste Einschätzung gelang dazu unlängst den vifen Ökonomen von Wellershoff & Partners: «Empirische Studien können keinen Zusammenhang zwischen der Wechselkursentwicklung und der Zinsdifferenz finden», schrieben sie. «Nicht zuletzt aufgrund der kontinuierlichen Kommunikation der SNB glaubt der Markt daran, dass die Zinsdifferenz trotzdem eine Rolle spielt.»

Senkung einfach aufgeschoben

Zweitens: Jordan wollte sich den geballten Kritiksturm ersparen – weil die Senkung so lange in der Luft lag, hatten Banken, Pensionskassenverwalter und die üblichen Verdächtigen der Ökonomiezunft so viel Druck aufgebaut, dass der Negativzins zu einem bösen Wahlkampfthema zu werden drohte. Das brauchte Jordan nicht.

Und drittens: Er hat die Senkung einfach aufgeschoben.

Ich tendiere zu Variante drei, unter Einfluss von Variante zwei. Variante eins: Sehr unwahrscheinlich. An eine veritable Abkehr von der bisherigen Strategie glaube ich erst, wenn die Nationalbank die Zinsen anhebt. Doch das bleibt Wunschdenken. Aber angesichts der Ausgangslage kann man nur sagen: Well done!

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