Das Coronavirus verunsichert die Märkte und könnte das Wachstum in China treffen. Welche Folgen für die Wirtschaft erwarten Sie? 
Mario Geniale: Die Meldungen über eine Verlangsamung der Wirtschaft haben sich in der letzten Woche überschlagen. Im Hinblick auf die höhere Bedeutung des heutigen Konsums zum Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Sars-Ausbruch in 2003 und der schnelleren Ansteckung rückt der Konsumsektor in den Vordergrund.
Leere Einkaufscenter und Restaurants sowie eine schwache Nachfrage im Tourismus werden Auswirkungen auf ein bis zwei Quartale haben. Die Folgen geschlossener Fabrikhallen in China setzen der Produktion zu und breiten sich auf die chinesischen Handelspartner im Export aus. Da die chinesische Regierung mit diversen Mitteln in der Geld- und Fiskalpolitik eingreifen kann, gehe ich nicht von einer bleibenden Eintrübung der Wirtschaftsaussichten aus.

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Bridgewater-Gründer Ray Dalio beobachtet im Zuge des Coronavirus-Ausbruchs eine Flucht in Anleihen, Gold und den Dollar. Eine gute Strategie?
Ich finde Absicherungsstrategien in der Konzeption der Vermögensverwaltung immer sinnvoll. Gold-Opportunitätskosten sind durch die niedrigen Zinsen so tief wie nie und die Renditedifferenz der Hauptwährungen zum Dollar ist ein Argument für Dollar-Positionierungen. Der Coronavirus hat das Stimmungsbild unter den Investoren verschlechtert, die in den letzten zwei Wochen schon Umschichtungen in diese Anlagen getätigt haben. Ich bin davon überzeugt, dass hier schon vieles in Kriseninvestments geflossen ist und stehe der Strategie skeptisch gegenüber.

MarioGenialeCICBoerseninterview

Mario Geniale ist als Chief Investment Officer verantwortlich für die Anlagepolitik der Bank CIC. Der diplomierte Vermögensverwalter und Finanzexperte verfügt über langjährige Erfahrung im Portfolio Management und Advisory.

Quelle: Pablo Wunsch Blanco

Der Brexit ist Tatsache. Was müssen Anleger jetzt beachten?
Die Kuh ist vom Eis. Nun geht es um die Rahmengestaltung in der künftigen Partnerschaft mit der EU. Viele Schreckmomente gehören der Vergangenheit an, aber der EU wird daran gelegen sein, kein Präzedenzfall mit dem Ausscheiden Grossbritanniens zu schaffen. Das Tauziehen um den Status Quo der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in den nächsten Monaten bis Ende 2020 wird kräfteraubend sein und exportorientierte Unternehmen aus Grossbritannien tangieren. Die britische Finanzbranche könnte hingegen profitieren, wird ihr doch nach dem Brexit eine höhere Flexibilität eingeräumt.

Auch in dieser Woche präsentierten wieder viele Firmen ihre Quartals- und Jahreszahlen. Wie lautet Ihr Zwischenfazit zur Bilanzsaison?
Bisher fielen die Unternehmensresultate mehrheitlich über den Erwartungen aus. Sowohl auf der Umsatz- wie auf der Gewinnebene konnten die Firmen die tiefen Prognosen übertreffen. In den USA legten die Umsätze im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahr rund 2 Prozent zu, die Gewinne sogar um 5 Prozent. Positiv überraschen konnten hier vor allem Werte aus der Banken- und Technologiebranche. In Europa legten die Firmen bei Umsatz und Gewinn zwar nur um 2 Prozent zu, dies liegt jedoch deutlich über den Erwartungen. In der Schweiz publizierten die beiden Pharmafirmen Roche und Novartis überzeugende Resultate und erfreuten mit einer Prognoseerhöhung für das Gesamtjahr.

«Sollte der linksgerichtete Bernie Sanders zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gekürt werden, dürften Turbulenzen an den Börsen folgen.»

Mario Geniale

Was beschäftigt sonst noch die Finanzmärkte?
Die US-Vorwahlen geraten immer stärker in den Fokus der Finanzmärkte. Sollte der linksgerichtete Bernie Sanders zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gekürt werden, dürften Turbulenzen an den Börsen folgen. Vorlaufende Konjunkturindikatoren wie beispielsweise die Einkaufsmanagerumfragen werden die Märkte bewegen. Nachdem wir in den letzten Monaten eine Stabilisierung dieser Wirtschaftsdaten gesehen haben, dürften sie sich kurzfristig aufgrund des Coronavirus wieder abschwächen.  

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Ich sehe kurzfristig das Risiko einer Korrektur in der Grössenordnung von 5 bis 10 Prozent. Durch die Massnahmen rund um den Coronavirus werden die Wirtschaftsdaten in den nächsten Wochen schwächer ausfallen als erwartet. Insbesondere zyklische Aktien dürften durch die Prognosereduktionen der Analysten erneut unter Druck geraten, da die aktuellen Bewertungen dieser Titel eine baldige Konjunkturerholung vorwegnehmen. Wir empfehlen, allfällige Rücksetzer an den Börsen konsequent zum Kauf von konjunktursensitiven Aktien zu nutzen.   

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI dürfte zum Jahresende bei 11'500 Punkten liegen, was einer Avance von 8 Prozent entsprechen würde. Ich erwarte zunächst eine konjunkturelle Stabilisierung und in der zweiten Jahreshälfte ein Anziehen der Weltwirtschaft hin zu einem langfristigen Potentialwachstum. Vor diesem Hintergrund dürften die Zinsen tief bleiben und die Notenbanken an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten. Nach einer Stagnation der Unternehmensgewinne im letzten Jahr, sollten diese 2020 wieder im hohen einstelligen Bereich zulegen können. Von der politischen Seite her würden mich Konjunkturstützungsmassnahmen in Europa und China nicht überraschen. Der umstrittene aber wirtschaftsfreundliche US-Präsident Donald Trump wird am 3. November wahrscheinlich für eine zweite Amtsperiode gewählt.    

Moody's sagt: Donald Trump wird 2020 klar wiedergewählt

«It's the economy, stupid!»: Eines der solidesten Prognose-Modelle zu den US-Wahlen dürfte die Demokraten erschüttern. Mehr hier.

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