Es ist der ewige Zweikampf auf dem Börsenparkett: Bulle gegen Bär. Der Bulle steht für Hausse, der Bär für Baisse. Der eine symbolisiert steigende Kurse, der andere sinkende. Aber was ist die Geschichte dahinter? Was ist der Ursprung des Sinnbildes? Wie kamen der Bulle und der Bär auf das Parkett?

Sicher ist: Das Begriffspaar hat eine lange Historie. Sie geht möglicherweise bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals schrieb der spanische Autor Don Joseph de la Vega ein Buch über die Börsenverhältnisse in Amsterdam. Die Erstauflage datiert auf 1688 und gilt als Standardwerk der Börsenliteratur, als ältestes Buch über die Börse. Der Titel: «Die Verwirrung der Verwirrungen: Vier Dialoge über die Börse in Amsterdam».

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De la Vegas Werk beruht grösstenteils auf eigenen Erfahrungen. Er wurde um 1650 im spanischen Espejo geboren und kam in jungen Jahren in die Niederlande, nachdem sein Vater im Kerker der Inquisition gelobt hatte, zum Glauben seiner Väter zurückzukehren. An der Amsterdamer Börse soll de la Verga fünfmal ein Vermögen gewonnen und fünfmal verloren haben.

Börse als Ort der Schrecken

Seine Dialoge wimmeln von Wortspielen, dunklen Anspielungen und absurden Wundergeschichten. Und de la Vegas Schrift ist durchsetzt von einem moralisierenden Standpunkt. Der Exil-Spanier sieht die Börse als «Schrecken der Schrecken», als Ort der Spekulation, an dem sich Baissespekulanten und Haussespekulanten gegenüberstanden. Eben eine «Verwirrung der Verwirrungen». 

De la Vega beschreibt die Börse als in zwei feindliche Lager geschieden. An einer Stelle fühlt er sich an südamerikanische Stierkämpfe erinnert, wo teilweise auch Bullen gegen Bären gekämpft haben. In diesem Sinne steht der Stier am Anfang des ungleichen Duells auf dem Parkett.

Für die Erklärung spricht, dass viele Begriffe aus der heutigen Zeit auf die Amsterdamer Börse zurückgehen. Noch heute geht es im Börsenjargon um Limiten, Liquidationen, Courtagen und Prolongationen. Die auffallende Übereinstimmung erkläre sich historisch dadurch, dass es Niederländer waren, die überall, sowohl in London wie auch an den deutschen Plätzen, die heimische Börsentechnik und die entsprechenden Kunstausdrücke eingeführt hätten, heisst es denn auch im Vorwort zu de la Vegas Buch.

Der Bär und die Londoner Ur-Börse

Eine andere Erklärung stellt den Bären und die Sprachtradition der Briten und Amerikaner in den Vordergrund. Gemäss dem US-Wörterbuch Merriam-Webster soll das Maskottchen des Börsenausverkaufs zuerst aufgetaucht sein. Der Begriff leitet sich demnach von «Bärenfell» ab, das im 18. Jahrhundert als Metapher für spekulative Aktienkäufe verwendet wurde, die heute als Leerverkäufe bekannt sind – auch bekannt als Wetten, dass eine Aktie fallen wird.

Der Bär geht demnach auf das Sprichwort zurück, das davor warnt, das Fell eines Bären zu verteilen, bevor man den Bären erlegt hat. Die Redewendung war zur damaligen Zeit durchaus gebräuchlich in ganz Europa. Eine alte deutsche Version lautet: «Man soll die Bärenhaut nicht verkaufen, ehe der Bär gestochen ist.»

Arturo di Modica

Arturo di Modica: Künstler hinter der Bronze-Bullen-Skulptur an der Wall Street. 

Quelle: Youtube

Vom Bärenfall ist es dann nur noch ein gedanklicher Katzensprung zum Bären. Historisch belegt sind auch die Bären- und Bullenkämpfe am Themse-Ufer, nicht weit von der Londoner Ur-Börse. Spekulanten wetteten auf den Ausgang dieser Kämpfe. So also geriet der Bulle zum natürlichen Widersacher des Bären.

Krimkrieg und die Dichter

Ob der Bulle oder der Bär zuerst war, bleibt im Dunkeln. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der Zweikampf der beiden Tiere mitten im 19. Jahrhundert eine dichterische Blüte erlebte – und sie so zum ewigen Zweikampf verurteilt wurden. Seinerzeit kämpfte Grossbritannien als Verbündeter des Osmanischen Reichs gegen Russland. John Bull agierte dabei auf britischer Seite als Identifikationsfigur – analog zur fiktiven Uncle-Sam-Figur in den USA. Der Bär symbolisierte Russland.

In einer Ballade aus der Anfangszeit des Krimkrieges von 1853 heisst es denn auch: «So bad luck to the Russian bear. / We are combined to cook his goose, / all he can do will be no use, / he’ll get hard knocks and sore abuse, / John Bull will make him humble.»

Oder zu Deutsch: «Also Pech für den russischen Bären. Wir haben uns zusammengetan, um seine Gans zu kochen, alles, was er tun kann, wird ihm nichts nützen, er wird Schläge und Beschimpfungen einstecken müssen, John Bull wird ihn demütig machen.»