HZ Insurance Reihe «Captives»: Teil 8

Der traditionelle Versicherungsmarkt ist ein volkswirtschaftlich bedeutender Sektor und bietet Unternehmen für primär operationelle Risiken vielseitige Absicherungsmöglichkeiten, mit dem Ziel eines Liquiditäts- bzw. Bilanzschutzes. Die tatsächliche Verletzbarkeit eines Unternehmens ist allerdings bedeutend vielfältiger und zeigt die Grenzen der Versicherbarkeit auf. Virtualisierung, Industrie 4.0, Digitalisierung, sich wandelnde politische Kräfteverhältnisse oder neu entstehende Märkte bringen neue Risiken mit sich, die teilweise kaum transferierbar sind. Dies führt zum Auseinanderdriften des Angebots von Versicherungsmärkten und der Nachfrage nach Absicherungsmöglichkeiten durch die einzelnen Unternehmen, da die Prinzipien zur Versicherbarkeit nicht erfüllt sind. Als Beispiel kann hier die Diskussion der Versicherbarkeit des Pandemierisikos angeführt werden. Ferner manifestieren sich auch die Grenzen der traditionellen Versicherbarkeit im Hinblick auf die jeweilige Markt- und Schadensituation. In einem weichen, nachfragebezogenen Versicherungsmarkt wird der Abschluss einer Versicherung nicht nur günstiger (sinkende Prämiensätze), sondern es werden auch zusätzliche Deckungen gewährt. In einem sich verhärtenden, angebotsbezogenen Markt, wie wir ihn gegenwärtig feststellen, steigen die Prämiensätze und Deckungen werden tendenziell eingeschränkt.

Risikofinanzierungs-Vehikel zur Optimierung der Risikokosten

Hier greifen unternehmenseigene Versicherungslösungen, sogenannte Captives. Diese sind längst keine exotischen Gebilde mehr. Weltweit existieren mehr als 7000 Captives, womit sie ein echtes Bedürfnis nach Risikofinanzierung widerspiegeln. Captives erlauben Unternehmen, im Rahmen der Risikoeigenfinanzierung die Versicherbarkeit ihrer Risikoexponierung auszudehnen und Prämienschwankungen abzufedern. Sie sind flexible, relativ massgeschneiderte Risikofinanzierungslösungen, stehen jedoch nicht losgelöst vom Versicherungsmarkt und sind wie andere Versicherungsgesellschaften reguliert. Aufgrund der Berücksichtigung der unternehmensspezifischen Risiko- und Schadensituation generieren sie für ein Unternehmen grossen Mehrwert, wenngleich durch die Eigenfinanzierung eine höhere Volatilität in den Finanzresultaten einhergeht. Dieser Mehrwert ergibt sich im Rahmen einer umfassenderen Risikoabdeckung, einer besseren Kontrolle über die eigene Risiko- bzw. Schadensituation, der Cashflow-Optimierung und insbesondere durch die Senkung der Gesamtrisikokosten. Nicht zu unterschätzen ist zudem die gestärkte Verhandlungsposition gegenüber den Versicherungsgesellschaften.  

Simon Künzler ist Geschäftsführer und Alex Nydegger ist Risk Consultant & Aktuar SAV von Kessler Consulting AG, Zürich.

Ausdehnung des Captive-Risikoportfolios

Das Portfolio-Denken gewinnt an Bedeutung. Nebst klassisch versicherbaren Risiken wie Feuer-, Transport- oder Haftpflichtrisiken kann das Risikoportfolio um neuere, grundsätzlich versicherbare Risiken wie Cyber und Employee Benefits ergänzt werden. Zudem kann die Captive, wie bereits erwähnt, auch dazu genutzt werden, schwer versicherbare Risiken wie Supply-Chain-Risiken oder Finanz- und Marktrisiken zu übernehmen. Des Weiteren kann eine eigene Versicherungsgesellschaft auch zur Zeichnung von Drittrisiken eingesetzt werden, zum Beispiel um Kunden oder Partnern spezielle Deckungen zur Verfügung zu stellen. 

Professionelles Captive Advisory und Management

Für eine langfristig solide und kosteneffiziente Captive-Performance ist ein professionelles Management vonnöten. Spezialisierte Beratungsunternehmen setzen nebst anspruchsvollen Analysemethoden (Risk Analytics) auch Benchmark-Tools ein, damit Trends und Entwicklungen am Markt frühzeitig erkannt und zur Performancesteigerung einer Captive eingebracht werden können. Je unkonventioneller die Risiken sind, die über eine Captive versichert werden, desto grösser ist der Bedarf an spezialisiertem Wissen. 

Captive: Innovative Risikofinanzierungslösungen

Der Captive-Markt ist noch nicht gesättigt. Während sich bis anhin vor allem grosse Unternehmen für diese Absicherungsmöglichkeit entschieden haben, interessieren sich vermehrt auch mittelgrosse Unternehmen für Eigenfinanzierungslösungen. Die Bemühungen einzelner Länder und Regionen, sich Captive-freundlich zu positionieren, zeigen, dass der Markt sein Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat. Wer nicht gleich den Schritt zu einer eigenen voll kapitalisierten Captive-Gesellschaft wagen will oder kann, dem stehen auch andere Risikofinanzierungsinstrumente wie zum Beispiel Cell-Captive-Lösungen im Sinne einer Rent-a-Captive-Lösung zur Verfügung. 

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Captives fordern den traditionellen Versicherungsmarkt heraus und erlauben Unternehmen, die Grenzen der Versicherbarkeit auszuloten. Der sich verhärtende Versicherungsmarkt wird diese Entwicklung wohl noch beschleunigen.


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