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Preisniveau
EU-Binnenmarkt: Keine Gefahr für die Hochpreisinsel Schweiz

Weihnachtseinkauf an der Zuercher Bahnhofstrasse, am Samstag, 23. Dezember 2017, in Zuerich. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Shopping: Schweizer Konsumenten lassen sich von den hohen Preisen nicht abschrecken.Quelle: © KEYSTONE / WALTER BIERI

Die Schweiz ist das zweitteuerste Land in Europa. Daran würde auch eine weitere Öffnung gegenüber der Europäischen Union nichts ändern.

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 18.12.2018

Die Schweizer Wirtschaft wird 2019 etwas an Dynamik verlieren – vor allem wegen der weltwirtschaftlichen Unsicherheiten: Laut Prognosen der Credit Suisse wird das Bruttoinlandsprodukt um 1,7 Prozent wachsen. In diesem Jahre waren es noch 2,5 Prozent. 2019 wird vor allem der private Konsum positiv wirken, so die Ökonomen. Trotz der hohen Preise bleibe dieser auch im kommenden Jahr unverändert stark. 

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Die CS-Ökonomen haben daher das Preisniveau genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass es nur teilweise eine Folge der Marktabschottung sei, wie häufig behauptet, sondern den Wohlstand im Land widerspiegele. Und daran, so ihre Überzeugung, würde auch eine weitere Öffnung zum EU-Binnenmarkt nichts ändern. 

Der private Konsum schwächelte zwar zuletzt aufgrund stagnierender Lohnkosten als auch rückläufiger Nettozuwanderung etwas und sorgte für ein schwächeres BIP-Wachstum im dritten Quartal. Doch die Ökonomen der Credit Suisse schätzen, dass sich die gute Lage am Arbeitsmarkt – die Arbeitslosigkeit soll gemäss CS-Prognose weiter sinken auf 2,3 Prozent – positiv auf die Stimmung der Konsumenten auswirkt.

Mit der steigenden Arbeitsplatzsicherheit steige auch die Kauflaufe der Schweizerinnen und Schweizer. Die niedrigere Zuwanderung drückt ihrer Meinung nach nicht den Privatkonsum – im Gegenteil: Für 2019 erwartet die CS ein stärkeres Konsumwachstum. Langfristig rechnen die CS-Experten damit, dass sich die Nettozuwanderung aus der EU bei 50'000 im Jahr einpendeln wird. 

Nur Island ist teurer

In Europa ist die Schweiz das zweitteuerste Land – nur Island ist noch teurer. Danach kommen Norwegen, Dänemark und Schweden. Auffällig ist, dass die teuersten drei – einschliesslich der Schweiz – keine EU-, aber EFTA-Mitglieder sind. Dänemark und Schweden sind in der EU, haben jedoch nicht den Euro als Währung. 

Der Vergleich zeigt, dass das Preisniveau in der Schweiz 50 Prozent über dem Durchschnitt der 28 EU-Staaten liegt. Doch warum unterscheiden sich die Preisniveaus innerhalb Europas so stark? Ein Grund ist laut CS etwa die Wirtschaftsleistung: Je höher das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, desto höher die Preise eines Landes. Das ist nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen europäischen Ländern teilweise so.

Eine weitere Erklärung sind die hohen Löhne hierzulande, die zu einem höheren Preisniveau führen. Denn standortgebundene Tätigkeiten wie etwa Friseure oder Lehrer müssen denselben hohen Lohn bekommen wie andere Arbeitskräfte, wodurch die Dienstleistung entsprechend teuer wird.

Allerdings sind auch handelbare Güter teurer in der Schweiz: Fleisch ist zum Beispiel über 140 Prozent teurer als in der EU, Brot kostet über 60 Prozent mehr und Kleidung rund 40 Prozent. Etwas günstiger als in der EU sind elektrische Geräte und Computer, Einrichtungsgegenstände und Teppiche. 

Geringe Wirkung des Binnenmarkts auf die Preise

Als Nicht-EU-Mitglied könne die Schweiz dieses Preisniveau scheinbar auch halten. Denn innerhalb des EU-Binnenmarkts haben sich die Preisniveaus der einzelnen Ländern in den vergangenen 20 Jahren angeglichen. Allerdings vor allem in den «ärmeren Ländern», in denen sich das Preisniveau teilweise fast verdoppelt hat – parallel zum gestiegenen BIP pro Kopf.

Dies sei sowohl auf die Marktöffnung als auch auf die allgemeine wirtschaftliche Angleichung zwischen den Ländern sowie der Wechselkurse zurückzuführen. Doch der Binnenmarkt allein wirke sich nicht auf das Preisniveau aus. Vielmehr sei der Preisanstieg auch eine Folge des höheren Wirtschaftswachstums. Daneben lassen sich die unterschiedlichen Preisniveaus den Ökonomen von der Credit Suisse zufolge aber teilweise gar nicht erklären.  

«Eine weitere Öffnung der Schweiz hin zum EU-Binnenmarkt hätte für Konsumenten grundsätzlich eine positive Wirkung, ein massiver Preisrutsch wäre aber nicht zu erwarten» sagt Oliver Adler, Chefökonom Credit Suisse für die Schweiz

Wohlstand durch wirtschaftliche Integration

Die Angst vor einer weiteren Öffnung gegenüber dem europäischen Binnenmarkt in einigen Teilen der Schweizer Wirtschaft und Öffentlichkeit halten die CS-Experten daher für unbegründet. Die hohen Preise in der Schweiz spiegeln den Wohlstand wider und seien zwar auch eine Folge der Marktabschottung, doch ein Abrutschen des Preisniveaus sei auch bei einer stärkeren Anbindung an die EU nicht zu erwarten.  

Inmitten der aktuellen Diskussion um das Rahmenabkommen mit der EU scheint vergessen zu gehen, wie sehr die Schweiz seit Jahrzehnten bereits in den EU-Binnenmarkt integriert ist. Im EU-Index der ökonomischen Integration ist die Schweiz an der Spitze hinter Belgien und Irland in punkto Binnenmarktverflechtung. «Ökonomisch sind wir eigentlich längst beigetreten – zu grossen Teilen sind wir Teil des EU-Binnenmarkts,» sagte Patrick Schellenbauer, Chefökonom der Denkfabrik Avenir Suisse vor einigen Monaten. Diese wirtschaftliche Vernetzung mit der EU und der Welt stellt daher den Wohlstand und letztendlich das hohe Preisniveau sicher.