In seinem neuen Buch wirbt WEF-Gründer Klaus Schwab für eine Form des Kapitalismus, die er für die beste Antwort auf die sozialen und ökologischen Probleme unserer Zeit hält. 

«Stakeholder Capitalism: A Global Economy that Works for Progress, People and Planet», so der Titel, erscheint pünktlich zum Start des WEF-Gipfels. Die Veranstaltung findet dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt in Davos statt, sondern virtuell und im Mai dann physisch in Singapur

In drei Kapiteln betrachten Schwab und sein Co-Autor Peter Vanham die Weltlage. Im ersten folgt ein historischer Rückblick seit dem Zweiten Weltkrieg: Wachstum und Entwicklung der Weltwirtschaft, der Aufstieg Asiens und die Spaltung der Gesellschaft. Im zweiten Kapitel analysieren die Autoren die Globalisierung, den technologischen Fortschritt sowie gesellschaftliche Probleme und das Klima.

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Im dritten und letzten Teil des Buches legt Schwab sein Konzept des «Stakeholder-Kapitalismus» dar – also wie Unternehmen und Menschen in diesem Wirtschaftsmodell miteinander leben und arbeiten sollten.

Der Begriff des Stakeholder-Kapitalismus ist nicht neu: In den 1960er Jahren entwickelten Forscher am Stanford Research Institute das Konzept, wonach alle wichtigen Anspruchsgruppen eingebunden werden sollten. Auch Schwab griff es bereits vor einigen Jahrzehnten auf, zuletzt in seinem Buch «The Great Reset», in dem er anlässlich der Corona-Krise zu einer Reform des kapitalistischen Systems aufruft. 

Corona-Pandemie als Wendepunkt

Die Covid-19-Pandemie zeige, wie dringlich der Wandel sei. Zwischen der Welt vor Corona (BC) und der Welt nach Corona (AC) habe sich bereits eines geändert: Schwab glaubt, es gebe in der Bevölkerung, unter Wirtschaftsführern und den Regierenden heute ein grösseres Verständnis dafür, dass alle zusammenarbeiten müssen, um eine bessere Welt zu schaffen. 

Wie das konkret gehen soll? Die Argumente legt Schwab in seinem neuen Buch vor: «Wir können nicht weitermachen mit einem Wirtschaftssystem, das von egoistischen Werten, kurzfristiger Gewinnmaximierung, Steuervermeidung und dem Umgehen von Regeln oder der Externalisierung von Umweltschäden getrieben ist.»

Stattdessen müssten sich Gesellschaft, Wirtschaft und internationale Gemeinschaft darauf ausrichten, für alle Menschen und den Planeten zu sorgen. Konkret heisse das: Weg vom Shareholder-Kapitalismus der vergangenen 50 Jahre hin zu Stakeholder-Kapitalismus. 

Schwabs zugrunde liegende Sicht auf die Welt: Die besten Ergebnisse für Gesellschaft und Wirtschaft entstehen aus Zusammenarbeit – zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor oder zwischen Menschen und Nationen. 

Der Autor vergleicht die Pandemie mit dem Zweiten Weltkrieg als einen einschneidenden Moment, aus dem etwas Neues entstehen soll: nämlich ein inklusives, nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftssystem. 

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Ungleichheit wächst in der Welt

Zunächst betrachten die Autoren die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte: Seit den 1980er Jahren habe sich das Prinzip des freien Marktes durchgesetzt, vor allem in den USA habe sich ein Shareholder-Kapitalismus etabliert: Unternehmen streben darin einzig und allein danach, ihren Gewinn zu steigern, um den Aktionären möglichst hohe Dividenden auszuzahlen. Das Ergebnis sei unausgewogenes Wachstum, von dem immer weniger Menschen profitierten und das zulasten der Umwelt gehe. 

Eine Folge: zunehmende Ungleichheit. Während 1971 die obersten 10 Prozent auf der Einkommensskala einen Drittel des nationalen Einkommens verdienten, war es Anfang der 2010er Jahre die Hälfte. Die andere Hälfte des Wohlstands teilen sich 90 Prozent der Bevölkerung. Betrachtet man das reichste 1 Prozent, dann ist die Ungleichheit noch gravierender: In dreissig Jahren habe sich deren Anteil am Einkommen verdoppelt.

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Besonders gravierend ist diese Ungleichheit in den USA. Ende 2019 besass das reichste 1 Prozent der Amerikaner 56 Prozent aller US-Aktien mit einem Wert von mehr als 21 Billionen Dollar. Gerade in Asien habe sich die Ungleichheit parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg massiv verschärft, besonders augenscheinlich in China und Indien

Das Vermögen der Reichsten wächst

Die Corona-Krise bringe diese Ungleichheit nun besonders krass zum Vorschein: Untere Einkommensgruppen sind wesentlich stärker von deren Folgen betroffen, sowohl finanziell durch Jobverluste als auch gesundheitlich. Dass die Reichen noch reicher geworden sind, lassen die Autoren allerdings unerwähnt. 

Der erste Teil des Buches ist eine eindrückliche, wenngleich nicht ganz umfassende Analyse der Auswüchse des Kapitalismus und der daraus entstandenen Ungleichheit. Dabei verfällt Schwab allzu oft in etwas nostalgisch anmutende Vergleiche zur Nachkriegszeit in Deutschland, in der er aufwuchs, speziell zu seiner Heimatstadt Ravensburg

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Ausser Kontrolle, Spaltung der Gesellschaft

Nun sei das globale Wirtschaftssystem ausser Kontrolle geraten, diagnostizieren die Autoren. Das Ergebnis: Wir leben in gespaltenen Gesellschaften. Ausdruck davon waren die Wahl Donald Trumps oder der Brexit sowie der Aufstieg EU-kritischer, nationalistischer Parteien in Italien, Polen oder Ungarn.

Dies bedrohe nun nicht nur die soziale Stabilität vieler Länder, sondern auch die Demokratie. Bis zur Finanzkrise 2008 seien diese gesellschaftlichen Risse noch durch den Wohlstand einer Mehrheit der Bevölkerung ausgeglichen worden. 

Finanzkrise 2008 war ein Wendepunkt

Die Finanzkrise und die darauffolgende Wirtschaftskrise waren ein Wendepunkt: Die Unzufriedenheit in der Gesellschaft gegen das System, die Eliten und Einwanderer verwandelte sich in eine «unaufhaltbare Lawine» aus Protesten – wie Occupy Wallstreet, die Indignados und später in Frankreich die Gelbwesten oder die Klimajugend, angeführt von Greta Thunberg.

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Mit der Corona-Pandemie entstand eine neue Bewegung: die der Querdenker und Verschwörungstheoretiker, in deren Strudel Schwab zuletzt mit «The Great Reset» geraten war.

Zwei Drittel des Buches sind eine reine Bestandsaufnahme beziehungsweise Analyse der Probleme unserer Zeit und deren Ursachen. Erst im dritten und letzten Kapitel kommen die Autoren zum Punkt und erklären, was Stakeholder-Kapitalismus eigentlich ist.

Was ist Stakeholder-Kapitalismus?

In diesem Modell müssen Einzelne und Unternehmen frei und innovativ sein und miteinander konkurrenzieren können, schreiben Schwab und Vanham. Doch müssen sie so gesteuert werden, dass die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert und nicht einzelne Wirtschaftsteilnehmer übermässig dominant werden. Sowohl der Staat als auch Unternehmen haben ein höheres Ziel als Gewinne: Gesundheit und Wohlstand der Gesellschaft, die Umwelt und künftige Generationen.

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Bereits in den 1970er Jahren sei das Modell in Skandinavien und einigen westeuropäischen Ländern übernommen worden: Finnland, Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Und zwar durch die Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmen, Gewerkschaften und Regierungen; ein Wohlfahrtsstaat, in dem Unternehmen und Beschäftigte ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen, um Bildung, Gesundheit und Sozialversicherung zu finanzieren.

Doch im Laufe der Zeit wurde das System in einigen dieser Länder im Zuge der Globalisierung durch den Shareholder-Kapitalismus verdrängt. 

Zeit für ein «Comeback»

Es sei nun Zeit für ein «Comeback» des Stakeholder-Kapitalismus, in dessen Mittelpunkt heute die Menschen und die Umwelt stehen müssten. Die wichtigsten Stakeholder sind Unternehmen, Staaten, die Zivilgesellschaft und die internationale Gemeinschaft. 

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Doch wie lässt sich dieses Modell umsetzen? Erst einmal müssten alle Stakeholder an einen Tisch gebracht werden. Hier nennen die Autoren etwa die Gewerkschaften als Vertreter von Arbeitnehmerinteressen und NGO als Vertreter der Zivilgesellschaft. Zweitens müsse das einseitige Unternehmensziel der Gewinnmaximierung durch einen holistischeren Ansatz ersetzt werden: Es gehe letztlich um Wertschöpfung.

Ebenso würden Länder, die auf reines Wirtschaftswachstum setzen, früher oder später «gegen die Wand fahren», wenn sie nicht in Bildung, Ausbildung und Umweltschutz investieren. Diese Wirtschaftspolitik sei ein «grundlegender Fehler». 

Das Kuriose: Seit 50 Jahren bringt Klaus Schwab die wichtigsten Akteure aus Wirtschaft und Politik in Davos zum alljährlichen Weltwirtschaftsforum zusammen. Doch seine Agenda vermochte der 82-Jährige offenbar nicht durchzusetzen. So schreibt er an einer Stelle etwas selbstkritisch: Alternative Modelle wie der Stakeholder-Kapitalismus seien bei den wirtschaftlichen und politischen Eliten weitgehend auf taube Ohren gestossen. Dass er sich nicht früher bereits stärker dafür eingesetzt habe, bereut der WEF-Gründer nun offenbar.

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Konkrete Vorschläge: Fehlanzeige

«Stakeholder Capitalism» ist vor allem eine Analyse des Ist-Zustandes. Konkrete Vorschläge, wie ein neues Wirtschaftsmodell umgesetzt werden kann, liefert das Buch nicht. Auch die Auswüchse der Wirtschaft des Kapitalismus in seiner heutigen Form nehmen die Autoren nicht genauer oder gar kritisch unter die Lupe. Einziges Negativbeispiel ist der Fall Enron – ein texanischer Konzern, der nur auf seine Aktionäre ausgerichtet war und sich dabei am Ende in Bilanzbetrügereien verstrickte. Er ging 2001 pleite.

Immerhin nennen die Autoren auf den letzten Seiten noch ein paar Beispiele für Länder, die mit alternativen Wirtschaftsmodellen vorangehen. Etwa Singapur: Der asiatische Stadtstaat habe eines der besten Bildungssysteme der Welt und ein erstklassiges Gesundheitssystem für alle Bürger. Oder Neuseeland: Das Land hat unter Premierministerin Jacinda Ardern den kollektiven Wohlstand in den Vordergrund gerückt und sich vom Bruttoinlandprodukt als oberster Zielgrösse für Wirtschaftswachstum distanziert. 

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Dass Neuseeland durch gezieltes und frühes Handeln die Corona-Pandemie rasch in den Griff bekam, indem die Politik die kurzfristigen ökonomischen Kosten in Kauf nahm, erscheint den Autoren daher auch als kein Zufall. 

Das Jahr des «Great Reset»

Ingesamt bleibt das Buch zu sehr auf einer theoretischen, akademischen Ebene, als dass es wirkliche Kritik äussert und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Man weiss auch nicht recht, ob die Autoren eher an die Unternehmenslenker oder an die Politik appellieren.

Schliesslich beschreibt sich Schwab am Ende des Buches als Optimisten – nach dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und vielleicht gibt die Corona-Pandemie tatsächlich Anstoss, etwa Neues nicht nur zu denken, sondern auch zum Handeln – eine Art «Jahr Null» sozusagen, das Jahr des «Great Reset». 

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