Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, autonomes Fah­ren: Für Investoren lohnt es sich zu analysieren, welche Zukunftstechnologien das meiste Potenzial haben – und welche Unternehmen die Innovationen geschickt zu nutzen wissen.

Der Technologiemarkt hat sich seit ­Anfang der Nullerjahre grundlegend gewandelt – und er wandelt sich nahezu ­täglich weiter: Während Firmen wie die Google-Mutter Alphabet, Amazon oder Facebook nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sind, stehen überall auf der Welt schon neue Unternehmen in den Start­löchern, die das Potenzial haben, die Welt ebenso zu verändern wie die Technologieriesen aus den USA.

Sie sind sogenannte Disruptoren.

Gleichzeitig arbeiten auch etablierte Unternehmen mit Hochdruck daran, neuartige Technologien für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmo­delle und Produkte zu nutzen.

Welche technologischen Entwicklungen das Potenzial haben, sich langfristig durchzusetzen und die Welt von morgen nachhaltig zu prägen, ist im Getümmel des Technologiemarkts nicht immer klar ersichtlich.

Von Zukunftstechnologien profitieren

Für Anleger kann es jedoch von entscheidender Bedeutung sein, wenn sie einerseits wissen, welche Zukunftstechnologien wirklich wichtig sind – und anderseits erkennen können, welche Unternehmen diese Technologien gewinnbringend nutzen. Wer gezielt in Zukunftstechno­logien investiert, kann von den nachfolgenden Entwicklungen profitieren.

Frédéric Brunier, Leiter der Business & Technology Strategy für die DACH-Region und Russland bei der internationalen Beratungsgesellschaft Accenture in Zürich, hat drei Technologie-Cluster ausgemacht, die die Welt von heute und morgen prägen werden: Cloud Services, Daten und datenspezifische Anwendungen sowie sogenannte intelligente Technologien.

Das Geschäft mit der Datenwolke

Cloud Computing umfasst sämtliche Anwendungen, mit der sich Daten und Informationen auf einer ­Online-Plattform ablegen und von überallher, von jedem mobilen Gerät aus, ­abrufen lassen. Zu Cloud-­Services zählen simple Datei-Ablageorte wie Dropbox oder Apples iCloud, über die sich zum Beispiel das Adressbuch auf dem iPhone synchronisieren lässt.

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Auch Unternehmen nutzen seit einiger Zeit verstärkt Cloud-Dienste, um Informationen sicher in der «Wolke» zu speichern. «Anbieter der entsprechenden Infrastruktur profitieren von der steigenden Nachfrage. Die Cloud hat mittlerweile einen festen Platz im Alltag von Firmen ebenso wie von Privatpersonen», sagt Accenture-Experte Brunier.

Porträt Frédéric Brunier, Leiter «Business & Technology Strategy» für die DACH-Region und Russland bei Accenture.

Frédéric Brunier, Leiter Business & Technology Strategy für die DACH-Region und Russland bei Accenture: «Cloud Services werden die Welt von morgen prägen.»

Quelle: HZ

Nicht nur grosse Unternehmen tummeln sich in der Wolke. Auch viele Startups konnten erst durch den kostengünstigen Zugriff auf Cloud Computing ihre neuen Konzepte in die Tat umsetzen.

Anbieter von Cloud-Plattformen gibt es viele. Die bekanntesten sind die US-­Technologieriesen Amazon, Microsoft und Google sowie Salesforce und Oracle, die ihren Sitz ebenfalls in den Vereinigten Staaten haben. Auch der deutsche Softwareriese SAP mischt im Cloud-Geschäft mit, in der Schweiz bietet unter anderem Swisscom entsprechende Services an.

Daten – das Öl der neuen Technologien

Weiterer zentraler Faktor für Zukunftstechnologien sind Daten. Sie sind quasi das neue Öl – und immer günstiger zu haben. «Big-Data-Analysen sind für viele Branchen und Unternehmen wichtig, um Arbeitsprozesse zu verbessern, effizienter und kundenrelevanter zu werden», sagt Brunier.

Konsumgüterhersteller zum Beispiel sammeln und nutzen Daten, um ihre Kunden und deren Bedürfnisse besser zu verstehen. Und auch in der Automobilbranche spielen Daten eine immer wichti­gere Rolle: Sogenannte Connected Cars sind ein Multimilliarden-Geschäft.

Auch die Schweizer Börse nutzt Blockchain

Nahezu alle Automobilhersteller investieren in Datenver­arbeitungstechnologien, um vernetzte Fahrzeuge zu entwickeln. Die Daten kommen zum Einsatz, um notwen­dige Reparaturen vorher­zusehen, per Navigations­system Staus zu umfahren oder um zu warnen, wenn die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten wird.

Auch die Blockchain ist eine datengetriebene Technologie. Blockchain ist, vereinfacht gesagt, eine öffentlich einsehbare digitale Datenbank. Die Schweizer Börse SIX arbeitet derzeit an einer Blockchain-Handelsplattform – sie soll Ende dieses Jahres an den Start gehen.

Intelligente Technologien treiben Wachstum an

Intelligente Technologien umfassen mehrere Innovationen, die als Techno­logien der Stunde als absolut zukunfts­tauglich gelten: zum Beispiel künstliche ­Intelligenz (KI). Selbstständig lernende Computer revolutionieren Fabriken, Kommunikation, Büroprozesse.

Und sie treiben das Wachstum an: Bis 2030 dürften Anwendungen auf Basis von KI einen zusätzlichen globalen Wertschöpfungsbeitrag in der Höhe von 13 Billionen Dollar generieren, prognostiziert eine Studie von McKinsey aus dem Jahr 2018.

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Dem Machine Learning sind keine Grenzen gesetzt

Auch das sogenannte Machine Learning, also ­maschinelles Lernen, dürfte in Zukunft immer wichtiger werden. Den Anwendungsfeldern sind kaum Grenzen gesetzt – mit maschinellem Lernen lassen sich etwa ­völlig neue Anti-Geld­wäscherei-Systeme für Banken entwickeln oder die ­Bestellungen von Online-­Händlern abwickeln.

Alles Wissen über die Technologien der Zukunft nutzt jedoch nichts, wenn Unternehmen nicht in der Lage sind, es richtig zu nutzen, sagt Accenture-Experte Brunier. «Topentscheider stecken heute enorme Summen in neue Technologien. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch den vollen Nutzen dieser Investitionen ausschöpfen.»

Neue Technologien miteinander verknüpfen

Das liegt unter anderem daran, dass viele Unternehmen in einzelnen Technologien denken – und nicht in Systemen. «Ein solches Silodenken erschwert es, das volle Potenzial neuartiger Technologien zu nutzen», sagt Brunier.

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Porträt François Rüf, Head Data  Analytics Bank Vontobel.

François Rüf, Head Data & Analytics Bank Vontobel: «Neue Technologien müssen verknüpft werden.»

Quelle: HZ

Anders gesagt: Unternehmen müssen neuartige Technologien miteinander verknüpfen, um damit wirklich erfolgreich zu sein. «Die Technologien lassen sich zwar klar voneinander abgrenzen.

Zusammen entfalten sie jedoch ihre ganze Kraft», betont François Rüf, Head Data & Analytics bei Vontobel. «Letztlich hängen die Entwicklungen alle miteinander zusammen und lassen immer neue ­Lösungen entstehen, um beispielsweise die Effizienz zu steigern.»

Algorithmen fällen Kaufentscheide

Beim autonomen Fahren etwa komme das Internet der Dinge, also die Vernetzung physischer und virtueller Gegenstände, ebenso zum Einsatz wie KI. Autos zum Beispiel lassen sich mittlerweile untereinander vernetzen und können miteinander kommunizieren.

«Auch im Finanzsektor arbeiten Mensch und Maschine zusammen: Asset Management findet zunehmend auf Basis von Algorithmen statt, wobei es besonders in Krisensituationen immer noch tiefes Wissen um die Finanzmärkte braucht», erklärt Rüf.

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Branchenübergreifende Zusammenarbeit

Grenzenloses Denken ist der Schlüssel zur Innova­tionsfähigkeit. Das gilt nicht nur im Technologiebereich, sondern auch für Grenzen zwischen Unternehmen. Partnerschaften können ebenso wichtig sein wie die clevere Kombination unterschiedlicher Technologien.

Der deutsche Autobauer Volkswagen etwa arbeitet gemeinsam mit Amazon Web Services an einer eigenen Industrial Cloud. Darin sollen künftig die Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus allen 122 Fabriken des Konzerns zusammenfliessen – und so dazu beitragen, die Produktivitätsziele zu erreichen.

Der britische Mobilfunkanbieter Vodafone wiederum nutzt neben Telefon und E-Mail ­inzwischen auch Whatsapp, einen Chatbot und den Apple Business Chat.

Schweizer Firmen zeigen sich zurückhaltend

In der Schweiz nutzen noch längst nicht alle Unternehmen das Potenzial neuer Technologien. Vor allem inhabergeführte Firmen agieren zurück­haltend, zeigt die Studie «European Pri­vate Business Survey 2019» von Price­waterhouse Coopers (PwC).

Demnach planen deutsche und österreichische ­Unternehmen 24 beziehungsweise 23 Prozent ihres Investitionsvolumens für die ­Digitalisierung ein. Nur 8 Prozent der hiesigen Firmen wollen mehr als 5 Prozent dafür ausgeben. Einer der Gründe: Vielen Unternehmen ist die Auswirkung von Zukunftstechnologien nicht bewusst. KI etwa halten lediglich 4 Prozent der befragten Schweizer Firmen für relevant.

Sich nach Aktien im Gesundheitssektor umsehen

Es gibt jedoch Positivbeispiele, die auch für Investoren interessant sind. Der Aromen- und Riechstoffhersteller Givaudan aus Vernier zum Beispiel hat vor ­einem Jahr eine Digitalfabrik in Paris eingeweiht, um dort digitale Möglichkeiten zu erproben und Entwicklungen zu beschleunigen.

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Porträt Patrick Kolb, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management.

Patrick Kolb, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management: «Mit Apps Krankheiten erkennen und behandeln.»

Quelle: HZ

Der nicht börsenkotierte Parfumhersteller Firmenich hat im August 2018 ein digitales Labor an der Eidge­nössischen Technischen Hochschule in Lausanne eröffnet, um mithilfe künst­licher Intelligenz Düfte zu kreieren. Und Pharmariese Roche hat im Rahmen seines hauseigenen App-Ökosystems Navify ein sogenanntes Tumorboard entwickelt – eine cloudbasierte Software, die die Behandlung von Krebspatienten effizienter machen soll.

Überhaupt, der Gesundheitssektor: Hier sollten sich Anleger in jedem Fall umsehen, wenn sie in Zukunftstechnologien investieren wollen, sagt Patrick Kolb, Fondsmanager bei der Credit Suisse Asset ­Management. «Im Gesundheitswesen gibt es viele Routinetätigkeiten, die grösstenteils noch manuell ausgeführt werden. Diese dürften in den kommenden Jahren nach und nach digitalisiert werden – Robotik und Automatisierung sind in der Branche auf dem Vormarsch», weiss Kolb.

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Er weiss auch, dass neue Technologien vor allem in der Gesundheitsbranche oft Ängste generieren: zum Beispiel die sogenannte Crispr-/Cas9-­Technologie, eine molekularbiologische Methode, um DNS gezielt zu schneiden und zu verändern. «Die ‹Genschere› ist kontrovers, da sich DNS damit manipulieren lässt. Die Technologie kann aber auch dazu beitragen, Krankheiten zu behandeln und auszumerzen», sagt Kolb.

Viele Möglichkeiten, in Zukunftstechnologien zu investieren

Bei der Krankheitserkennung und -behandlung kommen auch zunehmend Smartphone-Apps zum Einsatz. Sie ­nutzen die Sensoren in Smartphones als Diagnoseinstrumente. So kann die App CoughSense über das Handy-Mikrofon Tuberkulose erkennen, die Hema-App über den Smartphone-Blitz den Hämoglobinspiegel im Blut messen.

«Noch sind die meisten dieser Apps im Versuchsstadium. Aber in einigen Jahren könnten sie zum medizinischen Standard gehören. Science-Fiction sind sie jedenfalls schon lange nicht mehr», sagt Fondsmanager Kolb. Novartis bietet ­speziell für an der Lungenkrankheit COPD und Asthma Erkrankte schon jetzt eine App zum Aufbau und Erhalt der Lungenfähigkeit an.

Porträt Peter Camenzind, Head Platforms Bank Vontobel.

Peter Camenzind, Head Platforms bei der Bank Vontobel: «Mit Fonds und Zertifikaten die ganze Bandbreite abdecken.»

Quelle: HZ
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Die Möglichkeiten, in Zukunftstechnologien zu investieren, sind also so vielfältig wie die Technologien selbst. Wenn Privatanleger von den Chancen des digitalen Fortschritts profitieren wollen, sollten sie am besten auf die zeitintensive Auswahl von Einzeltiteln verzichten, rät Peter Camenzind, Head Platforms bei Vontobel: «Mit Fonds und Zertifikaten lässt sich die ganze Bandbreite der technischen Entwicklungen am besten abdecken.» Zumal längst nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen interessant sind.

In den vergangenen Jahren haben grosse US-Konzerne die Technologiebranche zwar klar dominiert. China entwickelt sich jedoch zunehmend zu einem neuen Innovationszentrum. Vor allem im Bereich der künstlichen Intelligenz und der 5G-Mobilfunknetze sind chinesische Unternehmen mittlerweile führend, ebenso im Online-Handel. Nirgendwo auf der Welt kaufen die Menschen so viel per Klick wie im Reich der Mitte. Entsprechend erfolgreich sind Online-Platt­formen wie Taobao, Alibaba und Wechat.

Im Sommer 2019 hat China seine eigene Technologiebörse Star Market eröffnet, nach dem Vorbild der US-Technologiebörse Nasdaq. Der technische Fortschritt ist eben global – das sollten Anleger beim Investieren beherzigen.

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