Was ist ein gerechter Lohn? Man muss nicht gerade zur Bibel greifen, um aufzuzeigen, wie alt diese Frage ist. Und wie schwierig es ist, sie zu beantworten. Und doch gibt es Löhne, bei denen man einfach weiss, dass etwas nicht mehr stimmt.

Muss ein einzelner Mensch pro Jahr zweihundertmal so viel verdienen wie ein durchschnittlicher Schweizer, eine durchschnittliche Schweizerin? Nein. Darf er es? Vielleicht. Aber dann muss er sich schon Fragen dazu gefallen lassen. Die 1:12-Initiative wurde zwar relativ klar abgelehnt. Aber wäre das auch so gewesen, wenn sie 1:50-Initiative geheissen hätte?

Überrissene Löhne als falsche Signale

Löhne haben viel mit Symbolik zu tun. Keiner kann behaupten, dass sich sein Leben noch gross verändert, je nachdem, ob er ein hohes einstelliges oder ein zweistelliges Millionengehalt bezieht. Hier geht es nur noch um die Rangliste. Und um das relative Verhältnis zu anderen Spitzenlohnbezügern im gleichen Konzern. Jeder Manager betont, dass er seine Arbeit nicht wegen des Geldes mache. Aber wenn sich die Gelegenheit bietet, sagt keiner Nein.

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Dabei gibt es durchaus positive Beispiele. Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen verdiente weniger als 1 Million Franken. Auch er leitet ein grosses Unternehmen – die Migros beschäftigt etwa gleich viele Leute wie die UBS. Oder ist Swiss-Life-Chef Patrick Frost auf dem Absprung, weil er «nur» 4 Millionen Franken verdiente? Wohl kaum. Er weiss, dass es ihm gut geht.

Man mag die Kritik an solchen Löhnen als Klassenkampf abtun. Doch die Diskussion muss weiter gehen. Ökonominnen und Arbeitspsychologen werden nicht müde, negative Effekte aufzuzählen, die auch nüchtern kalkulierende Geschäftsleute überzeugen müssten.

Wer bei der Motivation der Mitarbeitenden vor allem aufs Geld setzt, zieht Leute an, die sich nur über Geld motivieren lassen und einen kurzfristigen Horizont haben. Meist sind das nicht die kreativsten. Und wer oben hohe Löhne bezahlt, generiert auch beim mittleren Management Ansprüche. Und da, in der Breite, wird das dann schnell teuer.

Auch Genossenschaften sollten Cheflöhne offenlegen

Unser Vergleich hat leider auch etwas anderes wieder gezeigt: Zwar werden börsenkotierte Unternehmen mittlerweile zu Transparenz gezwungen. Ja, sie publizieren viele Zahlen in ihren Geschäftsberichten.

Doch wer sich davon ein Bild machen will, hat harte Arbeit vor sich. Überall stehen die Zahlen woanders, vieles ist nicht standardisiert. Und zu welchem Wert werden die Bonusprogramme – die längst niemand mehr versteht – bewertet? Das geht noch besser.

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Gänzlich unverständlich ist, dass es noch immer grosse Unternehmen gibt, die nicht sagen, was ihre Chefs verdienen. Gerade wenn es Volksgenossenschaften sind wie Coop. Wem, wenn nicht seinen Kunden und Mitarbeiterinnen wäre Chef Joos Sutter Rechenschaft schuldig? Beim Versicherer Mobiliar hat Michèle Rodoni jüngst Markus Hongler an der Spitze abgelöst, dessen Lohn ebenfalls geheim ist. Ein guter Moment für einen Schritt nach vorne.