Trotz leichter Fortschritte, gibt es noch viel zu tun bis zur vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern. Das wirtschaftliche «Gender Gap» ist im vergangenen Jahr zwar etwas kleiner geworden – doch der Zugang von Frauen zu Gesundheitsversorgung und Bildung sowie die politische Teilhabe sind wieder rückläufig. In der Schweiz sieht das Bild anders aus: Während die politische Teilhabe steigt, geht die Schere in anderen Bereichen wieder weiter auseinander.

Das Tempo ist weltweit langsam: So stellt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in seinem jüngsten «World Gender Gap Report» fest, dass es im derzeitigen Tempo bis zur vollständigen Gleichstellung noch 108 Jahren dauert – zur wirtschaftlichen Gleichstellung sogar 202 Jahre.

Erstmals seit über zehn Jahren ist die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen wieder etwas gestiegen. Das «Gender Gap» sei zu 68 Prozent geschlossen, hat das WEF anhand von vier grossen Kriterien ausgerechnet: wirtschaftliche Chancen, politische Teilhabe, Bildungsniveau sowie Gesundheits- und Überlebenschancen. 

Nur im ersten Bereich gab es eine leichte Verbesserung: Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen liegen weltweit bei 51 Prozent und die Anzahl der Frauen in Führungspositionen im Vergleich zu Männern liegt bei 34 Prozent.

Wirtschaftliche Gleichstellung verschlechtert

Gleichzeitig arbeiten aber insgesamt wieder weniger Frauen als noch vor einigen Jahren – eine besorgniserregende Entwicklung, die laut WEF vor allem mit der Automatisierung der Arbeit zu tun hat. Frauen seien proportional häufiger davon betroffen als Männer, wenn Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt werden. Zudem seien Frauen seltener in den wachsenden MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) beschäftigt.

Bei der Bildung, Gesundheit und Politik hat sich die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in diesem Jahr ebenfalls verschlechtert. Allerdings bestehen grosse Unterschiede zwischen den westlichen Industrieländern und dem Rest der Welt was etwa die Anzahl von Frauen in Parlamenten und als Staatsoberhäupter angeht. 

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«Massnahmen zur Geschlechterparität und sozialen Inklusion sind für eine gesunde Weltwirtschaft und zum Wohle der Gesellschaft sind unabdingbar», sagt WEF-Chef Klaus Schwab. Noch gravierender als in den technischen Berufen ist der Unterschied in Berufen rund um künstliche Intelligenz, wo nur 22 Prozent Frauen arbeiten – dreimal weniger als im branchenübergreifenden Durchschnitt. Das WEF mahnt dringenden Handlungsbedarf an, Frauen aus- und weiterzubilden, wenn die künstliche Intelligenz in Zukunft immer wichtiger wird. 

Top 10 in Sachen Gleichberechtigung

Das gleichberechtigste Land der Welt ist Island. Anfang des Jahres hatte Island als erstes Land per Gesetz gleiche Löhne für Frauen und Männer eingeführt: Danach ist jede Firma mit mehr als 25 Mitarbeitenden verpflichtet, ihren Angestellten den gleichen Lohn zu zahlen – unabhängig von ihrem Geschlecht.

Die übrigen Top-Plätze im WEF-Ranking nehmen weitere nordische Länder ein sowie Nicaragua auf dem fünften Rang. Auch einige afrikanische Länder schneiden sehr gut ab: Ruanda gehört zu den führenden Ländern, was die Gleichstellung von Männern und Frauen angeht. Seit Jahren nimmt das zentralafrikanische Land das Thema ernst: Sowohl in der Politik als auch in Management-Positionen sind Frauen gut vertreten. Im Parlament sitzen rund 60 Prozent Frauen.

Neu unter die Top 10 hat es mit Namibia ein weiteres Land aus Afrika südlich der Sahara geschafft. Für diesen Aufstieg hat vor allem der hohe Frauenanteil im namibische Parlament gesorgt, wo fast die Hälfte Frauen sitzen. 

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Westeuropa ist weltweit die Region mit der grössten Geschlechterparität. Um die Lücke zu schliessen, braucht es zwar immer noch 61 Jahre. Frankreich kommt auf Rang 12, Deutschland auf 14, Grossbritannien auf 15. Weit abgeschlagen sind die USA auf Platz 51, China auf 103, Indien auf 108, Japan auf 110 und Südkorea auf 115. Zu den Schlusslichtern der insgesamt 149 untersuchten Ländern zählen die Türkei an 130. Stelle und Saudi-Arabien auf Platz 141. 

Schlechtere Chancen für Schweizer Frauen

Die Schweiz kommt dieses Jahr auf Platz 20. Das ist zwar eine leichte Verbesserung gegenüber dem letzten Ranking. Doch während die politische Teilhabe von Frauen gestiegen ist, haben sich die wirtschaftlichen Chancen für Schweizer Frauen verschlechtert. Hier verliert die Schweiz um drei Plätze und rangiert im internationalen Vergleich an 34. Stelle. Beim gleichen Lohn für die gleiche Arbeit sowie dem Anteil von Frauen in technischen oder Fachberufen sowie in Führungspositionen schneidet die Schweiz besonders schlecht ab

Vergangene Woche hat das Parlament ein neues Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Demnach müssen Firmen mit über 100 Angestellten Lohnanalysen erstellen. Wenn Männer mehr verdienen, muss dies begründet werden. Die Massnahme schafft vor allem mehr Transparenz und könnte dazu führen, die Lohnschere zu reduzieren.

Zudem plant der Bundesrat einen Richtwert für den Frauenanteil in der Führung börsenkotierter Unternehmen mit über 250 Angestellten: 30 Prozent im Verwaltungsrat und 20 Prozent in der Geschäftsleitung. 

Wenig Geld für Schweizer Familienpolitik

Ausserdem sei es für Frauen immer noch schwieriger, in den Job einzusteigen oder etwa nach einer Baby-Pause zurückzukehren. Der Hauptgrund sei die fehlende Infrastruktur. Davon können Frauen auch hierzulande ein Lied singen: Laut der Gewerkschaft Travail Suisse ist die Schweiz eines der Industrieländer, die gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) am wenigsten Geld für die Familienpolitik ausgeben. 

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Besonders wenig geben Bund, Kantone und Gemeinden für die Kleinkinderbetreuung aus, nämlich schätzungsweise 600 Millionen Franken pro Jahr. Das entspreche 0,1 Prozent des BIP – dreimal weniger als der Durchschnitt der OECD-Länder, wo immerhin 0,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aufgebracht werden.