An diesem Freitag ist es soweit: In der ganzen Schweiz legen Frauen die Arbeit nieder – sofern sie dem Aufruf der Initiatorinnen und Initiatoren des Frauenstreiks folgen. 

Denn im Jahr 2019 – satte 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreik – ist die Schweiz noch weit von der vollständigen Gleichstellung von Frauen entfernt. Frauen verdienen im Durchschnitt 18 Prozent weniger als Männer. Das ist viel, auch wenn diese Lücke nur teilweise auf reine Lohndiskriminierung zurückgeht. In den Chefetagen sind Frauen ganz und gar unterrepräsentiert: Nur 9 Prozent Frauen arbeiten in den Geschäftsleitungen der grössten Schweizer Unternehmen, in den Verwaltungsräten liegt der Frauenanteil bei 21 Prozent – damit gehört die Schweiz international zu den Schlusslichtern

Lohngleichheit sowie das Ende von Diskriminierungen und sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen sind wichtige Ziele. Doch lassen sich diese Missstände mit einem eintägigen Streik verändern? Die Antwort ist nein. 

Das Problem beginnt schon damit, dass Streik per Definition eine Kampfmassnahme der Arbeitnehmer für bessere Arbeitsbedingungen ist. Allerdings werden Schweizer Arbeitnehmerinnen wohl kaum solange streiken, bis beispielsweise das Ziel der Lohngleichheit erreicht ist.

Unklar ist auch, wie viele Frauen die Arbeit tatsächlich niederlegen. Denn die meisten dürfen es ja noch nicht einmal. Es gibt zwar das verfassungsmässige Recht zu streiken, doch de facto gilt für die meisten Arbeitnehmenden per Gesamtarbeitsvertrag (GAV) die Friedenspflicht. 

Rechtliche Grauzone

Der Frauenstreik ist daher in eine rechtliche Grauzone. Um rechtmässig zu sein, müssen mit einem Streik Ziele verfolgt werden, die durch den GAV geregelt werden können. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund stellt zwar arbeitsrechtliche Forderungen wie Lohnanalysen mit Kontrollen und Sanktionen sowie existenzsichernde AHV-Renten oder flächendeckende Mindestlöhne. 

Doch viele der Vorschläge sind sehr allgemein. Und ein Streik zur Durchsetzung rein politischer Ziele ist unzulässig. Dass einige Unternehmen ihren Mitarbeitenden raten, sich frei zu nehmen, um am Frauenstreik teilzunehmen, darunter Grossunternehmen wie Migros, UBS oder ABB, ist geradezu grotesk. 

In einem Kampf erteilt der Gegner dem Angreifer keine Ratschläge. Wenn sich nun auch Männer und Arbeitgeber solidarisieren und ihre Kolleginnen und Mitarbeiterinnen zum Streik ermuntern, dann mutet das an wie ein kollektives Reinwaschen von der Schuld der weiblichen Diskriminierung in unserer Gesellschaft. 

Kulturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft

Sinnvoller wäre eine landesweite Demo, besser eine ganze Protestbewegung, die regelmässig und über einen längeren Zeitraum auf die Strasse geht. Die Klimabewegung «Fridays for Future» macht es vor. Gerade in Hinblick auf die Wahlen im Herbst wäre nun die Gelegenheit. 

Was es vor allem braucht, ist ein Kulturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Frauen müssen mit positiven Aktionen ihre Leistungen in den Vordergrund stellen und sich eine Bühne schaffen, auf der sie gesehen und wertgeschätzt werden. Das können sie am besten in der Arbeitswelt.

In Unternehmen müssen veraltete, männliche Strukturen aufgebrochen werden. Dafür braucht es mehr Frauen in Führungspositionen. An der Qualifikation mangelt es nicht: Mehr als die Hälfte der Studierenden sind mittlerweile Frauen.

Wirtschaftlicher Schaden nicht ausreichend

Der wirtschaftliche Schaden eines einmaligen Streiktags, an dem die meisten Arbeitnehmerinnen ohnehin nicht teilnehmen dürfen, reicht nicht aus, um die Interessen der Frauen wirklich umzusetzen. Er schafft vielleicht Sichtbarkeit, aber nicht den nötigen Druck auf Unternehmen, um einen wirklichen Wandel herbeizuführen.

Dennoch kostet die Aktion viel Geld. Dieses wäre besser in konkrete Massnahmen zur Förderung und Gleichstellung von Frauen angelegt – etwa Investitionen in den Ausbau von Angeboten zur Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitsformen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

So aber läuft der Frauenstreik Gefahr, als einmalige, wenn auch kollektive Solidaritätsbekundung à la «me too» oder «Je suis Paris» in die Geschichte einzugehen. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht noch einmal 28 Jahre bis zum nächsten Protest vergehen.

Anzeige