Americanas, der brasilianische Detailhandelsgigant, der den Schweizerisch-Brasilianischen Milliardär Jorge Paulo Lemann zu seinen wichtigsten Geldgebern zählt, sank nach dem Abgang seines neuen Konzernchefs Sergio Rial an der Börse um 77 Prozent. Zuvor waren in der Buchhaltung «Ungereimtheiten» in Milliardenhöhe festgestellt worden – der Konzern hatte die Probleme am Mittwochabend von sich aus bekannt gegeben.

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Banken wie Morgan Stanley, Itau BBA und Bradesco BBI beeilten sich, ihre Einschätzungen für das in Rio de Janeiro ansässige Unternehmen zu überprüfen. Zu den Ungereimtheiten gehörten Schulden bei Banken aus der Finanzierung von Zulieferern, die in den Jahresabschlüssen zum 30. September nicht angemessen berücksichtigt sind. «Wir haben nur einen begrenzten Einblick in das Ausmass der buchhalterischen Unstimmigkeiten», schrieben die Analysten von Morgan Stanley in einer Mitteilung.

Rial war als Sanierer geholt worden

Die Aktien fielen am Donnerstag im Handel um 38 Cents pro Dollar, wie aus den Preisdaten von Trace hervorgeht. Die Krise griff auf andere brasilianische Detailhandelskonzerne über, wobei die Aktien von Via vorübergehend um bis zu 16 Prozent fielen, bevor sie ihre Verluste ausgleichen konnten. Die Aktien der Magazine Luiza fielen im Tagesverlauf um 11 Prozent, schlossen aber am Ende der Sitzung um 5,3 Prozent höher.  

Der Bericht, in dem die Unstimmigkeiten in Höhe von 20 Milliarden Reais (3,9 Milliarden Dollar) geschätzt wurden, schockierte die Anleger. Sie hatten gerade damit begonnen, Americanas-Aktien als Zeichen des Vertrauens in die Fähigkeit von Sergio Rial zu kaufen. Rial war als Sanierer an die Konzernspitze geholt worden. Der Manager, der die brasilianische Einheit der Banco Santander von 2016 bis 2021 leitete, hielt am Donnerstagmorgen eine Telefonkonferenz mit den Anlegern ab. Darin sagte er, dass das Unternehmen mehr Schulden habe, als vom Markt angenommen, und dass es Kapital benötige. 

«Es ist schmerzhaft»

«Es ist schmerzhaft», sagte Rial. «Aber es ist eine Gelegenheit, mit schwierigen Gesprächen zu beginnen.»

Americanas hat mehr als 1700 Geschäfte in ganz Brasilien, die alles von Fernsehern bis hin zu Kühlschränken verkaufen, und verfügt auch über einen E-Commerce-Bereich. Das Unternehmen besitzt eine Finanzdienstleistungssparte, Kinderbekleidungsgeschäfte und hat kürzlich eine Kette von Obst-, Gemüse- und Lebensmittelmärkten übernommen.  

Im Jahr 2021 fusionierte Lojas Americanas mit seiner E-Commerce-Einheit B2W und wurde zu Americanas. In seinem letzten Geschäftsbericht gab das Unternehmen mehr als 40'000 Mitarbeiter und rund 53 Millionen aktive Nutzer an. 

Lemann ist seit Jahrzehnten investiert

Lemann und seine langjährigen Geschäftspartner von 3G, Marcel Telles und Carlos Alberto Sicupira, steckten 1982 erstmals Geld in den brasilianischen Detailhändler. Sie besitzen derzeit einen Anteil von etwa 31 Prozent und haben der Geschäftsleitung mitgeteilt, dass sie das Unternehmen weiterhin unterstützen wollen, wie aus den Unterlagen hervorgeht. Lemann gehört seit Jahren zu den reichsten Schweizern. Der Milliardär, der am Zürichsee residiert, ist vor allem für seine Beteiligungen am Biergigant AB InBev bekannt.

(bloomberg)

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