Ein kurzer Blick aufs Handy zeigt, das nächste Auto steht gleich eine Strasse weiter. Der Nutzer kann einsteigen, zum Ziel fahren und es dort stehen lassen. Das sogenannte Freefloating-Carsharing ohne fixe Parkplätze bietet Vorteile für Kurzentschlossene. Das Unternehmen Catch a Car aus Rotkreuz im Kanton Zug setzt auf dieses Modell. Es lancierte 2014 in Basel das erste Freefloating-Carsharing der Schweiz, als Alternative zu Mobility. Zwei Jahre später expandierte man nach Genf

An Zürich biss sich die Mobility-Tochter bislang aber die Zähne aus. Im Sommer zeigte sich der Stadtrat skeptisch gegenüber einer Einführung des Modells. Derzeit berät der Gemeinderat das Thema – bald soll eine Entscheidung gefällt werden. Warum sich der Einstieg in Zürich schwierig gestaltet und wie er sich einen modernen urbanen Verkehr vorstellt, berichtet Catch-a-Car-Chef René Maeder im Gespräch:

Haben Sie ein eigenes Auto
René Maeder: Mittlerweile versuche ich seit über einem Jahr, mein Auto loszuwerden. Allerdings ist es in diesen Tagen nicht gerade einfach, einen Diesel an den Mann zu bringen. (lacht)

Welches Modell? 
Einen Ford Fokus. 

Hand aufs Herz: Nutzen Sie selbst Carsharing? 
Ja klar, allerdings benutze ich natürlich auch den öffentlichen Verkehr. Der ist ja in der Schweiz hervorragend ausgebaut. 

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Bei welchen Gelegenheiten nutzen Sie Catch a Car? 
Genau wie alle anderen auch: Um schnell zu einem Termin zu kommen, wo es mit Bus oder Tram länger dauern würde. Oder um zum Flughafen zu gelangen. Da ist die ÖV-Verbindung hier in Basel leider eher schlecht. 

In vielen Grosstädten ist Freefloating-Carsharing fester Bestandteil im Strassenverkehr. Warum geht die Entwicklung in der Schweiz nur schleppend voran?  
Wir selbst sind sehr zufrieden mit unserer Entwicklung. Als wir 2014 starteten, kannten wir die Hürden. Der Mentalitätswandel, den es für ein Freefloating-Modell braucht, ist ein Prozess, der andauert. Die Jüngeren machen da schneller mit. Die meisten unserer Kunden sind jünger als 38 Jahre. 

Ist die fehlende Bereitschaft, auf sein eigenes Auto zu verzichten, der Stolperstein in der Schweiz
Wir haben 10’000 Mitglieder in unseren kleinen Zonen in Genf und Basel, das läuft soweit wie geplant. Ich sehe in dem Sinne keine Stolpersteine, es ist einfach ein langsamer Prozess. 

Trotzdem erweist sich Zürich als schwieriges Pflaster. Was ist in Basel einfacher?
Zürich wäre eine wunderbare Stadt für unser Angebot. Ich bin überzeugt, die Leute würden es sehr gut aufnehmen. Was uns hindert, sind die regulatorischen Aspekte. Basel hat uns von Anfang an willkommen geheissen. Man hat sich auf eine innovative Lösung gefreut, die den öffentlichen Verkehr hier ergänzt, die Stadt attraktiver macht und zudem Gründe liefert, auf das Privatauto zu verzichten. Daher ging es hier sehr schnell. 

Zürich hat Sie also nicht mit offenen Armen empfangen? 
Zürich ist der grösste Markt in der Schweiz. Wenn dort das Freefloating-Prinzip bewilligt wird, muss man damit rechnen, dass schnell auch ausländische Anbieter anklopfen werden. Ich verstehe zu einem gewissen Grad, dass die Stadt es sich noch einmal gut überlegen will, in welcher Form und mit welchen Auflagen sie so ein Angebot einführen möchte. 

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Was macht Sie zuversichtlich?
Sie hat ja bereits gezeigt, dass sie es möchte. Der Stadtrat hat im Sommer eine allgemeine Bereitschaft für ein Freefloating-Carsharing signalisiert, allerdings unter Auflagen. Diese stehen im Parlament jetzt noch zur Diskussion. 

Was ist der Zankapfel? 
Es geht vor allem um die Parkplätze. Die grosse Frage ist, ob unsere Autos neben der blauen auch die weisse Zone beim Parken benutzen dürfen. Zürich ist der grösste urbane Raum. Der Druck auf die Parkplätze ist dort grösser als anderswo. 

Genau das ist die allgemeine Sorge: Freefloating-Autos stellen die Stadt zu und verknappen das Angebot an Parkmöglichkeiten noch weiter. 
Wir sprechen hier über ein Carsharing-Angebot. Ein Angebot, bei dem sich unsere Mitglieder Autos teilen, anstatt ein eigenes zu besitzen. Dadurch reduzieren wir die Anzahl Autos im Strassenverkehr. Das muss bei den Leuten ankommen. 

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Stimmt das überhaupt? Reduzieren Sie wirklich die Anzahl an Autos? 
Eine neue ETH-Studie vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme belegt, dass wir circa vier Privatautos mit einem Catch a Car ersetzen können. Demnach hat der Einsatz von 150 Catch a Car-Autos in Basel eine Reduktion von 500 Privatautos zur Folge. Die Angst ist also unbegründet. Noch mal: Wir reduzieren die Anzahl Fahrzeuge und damit den Verkehr und die Nachfrage nach Parkplätzen.

Sobald die Parkplatz-Frage geklärt ist, kann es in Zürich also losgehen? 
Ein weiterer Streitpunkt ist der Preis für eine Carsharing-Erlaubnis. Wahrscheinlich wird Zürich überdies Mindestflottengrössen fordern. Vor allem nach dem Debakel mit dem Bikesharing-Anbieter OBike will die Stadt Sicherheiten, dass ein Anbieter tatsächlich dazu in der Lage ist, den Service in guter Qualität anzubieten. 

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Wann werden die ersten Catch a Cars auf Zürcher Strassen fahren? Können Sie ein Versprechen abgeben?  
Tja, schön wäre es. Es kann Monate dauern, vielleicht auch Jahre. Das kann niemand genau sagen. Das letzte Mal, als an der Parkverordnung in Zürich was verändert wurde, ich glaube es war eine Preiserhöhung, hat es zwei Jahre gedauert. 

Wo wollen Sie es noch versuchen? 
Wir sind in Gesprächen mit Lausanne. Aber uns ist wichtiger, dass wir nachhaltig wachsen. Wir gehen vernünftig mit den Finanzen um, die uns zur Verfügung stehen und wollen nicht auf Teufel komm raus versuchen, die Schweiz zu erobern. 

Schreiben Sie schwarze Zahlen? 
Wir sind so unterwegs, wie wir es geplant haben. Wir sind 2014 gestartet und haben 2016 weitere Investoren gefunden, um eine Expansion in weitere Städte vorantreiben zu können. Darunter AMAG und die Allianz sowie SBB und das Bundesamt für Energie als strategischer Partner. Die Entwicklung in Basel ist sehr gut, es braucht mehrere Jahre bis man so einen Service rentabel betreiben kann. In Genf sind wir erst 2016 gestartet, hier müssen wir uns noch entwickeln. 

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Das heisst, in Basel wirft Ihr Geschäft Gewinne ab?  
Sagen wir so, wir sind auf einem sehr guten Weg dahin. Es braucht einfach Zeit, wir haben aber einen langen Atem. Unsere Investoren sind übrigens auch sehr zufrieden. 

In Basel haben Sie gerade Ihre Flotte an E-Cars ausgebaut. Warum? 
Wir wollen die Lebensqualität in Schweizer Städten verbessern, indem wir für weniger Verkehr sorgen. Emissionsfreie Fahrzeuge ohne Lärm und Abgase tragen noch mehr dazu bei. Dafür nehmen wir den Mehraufwand in Kauf, den der Betrieb von E-Cars mit sich bringt. Denken Sie z.B. an das zeitaufwändigere Tanken.  

Thema Datenschutz: OBike soll Nutzerdaten an Dritte verkauft haben. Was machen Sie mit den Daten? 
Die Kundendaten sind bei uns sicher. Wir haben uns dazu entschlossen, Nutzerdaten nur für eigene Zwecke einzusetzen, um unseren Service zu verbessern. Das ist selbstverständlich nötig. Aber wir geben Nutzerdaten niemals weiter. 

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Wie stellen Sie sich einen modernen urbanen Verkehr vor? 
Wir müssen die Entwicklungen ernst nehmen, die in letzter Zeit passieren. Wir fühlen uns als Teil einer neuen Zukunft, in der man Autos teilt und nicht mehr besitzt; in der man den Öffentlichen Verkehr ausbaut und auch nach Möglichkeit nutzt, weil es die effizienteste Art des Transports ist. Ich bin überzeugt, dass man Städte entlasten muss vom Verkehr und die Anzahl Privatautos reduzieren muss... 

…auch mit einem Verbot von Privatautos in der Innenstadt? 
Warum nicht? Es braucht ein gutes Zusammenspiel aus öffentlichem Verkehr sowie Velo- und Carsharing-Angeboten. Der Punkt ist: Wenn es genügend Alternativen zum Privatauto gibt, werden die Leute diese Entwicklung mittragen.

René Maeder

Seit Dezember 2017 leitet René Maeder die Geschicke von Catch a Car. Zuletzt war er zwei Jahre Geschäftsführer von Xing Schweiz, davor u.a. vier Jahre in gleicher Position für JobScout24 tätig.

Quelle: © ANDREA MONICA HUG
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