Das erste Quartal scheint zwar längst vergangen, aber die Publikation des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) in dieser Phase führte zu einer Abwärtskorrektur unserer Gesamtjahresprognose 2020. Das reale BIP schrumpfte gegenüber dem vierten Quartal 2019 um 2,6 Prozent – mehr als die erwarteten 2,1 Prozent.

Die Details zeigen, dass wir primär die Bautätigkeit falsch einschätzten. Aber gemäss Baumeisterverband bleiben die Auftragsbücher voll – und der Anteil der ­Angestellten in Kurzarbeit ging im Mai auf 5 Prozent ­zurück, von 10 Prozent im April.

Konjunktur rasch angezogen

Die Wirtschaft wurde seit Mai in drei Hauptphasen wieder hochgefahren, weshalb die Binnenkonjunktur rasch wieder anzog. Laut hochfrequenten Daten der Konjunkturforschungsstelle (KOF) kehrte die Mobilität der Schweizer auf das Vorkrisenniveau zurück.

Im Vergleich zu anderen Prognosen sind wir bezüglich der Konjunktur im zweiten Halbjahr optimistisch. In der Tourismusbilanz dürfte die Schweiz ein Nettoempfänger sein, weil europäische Touristinnen und Touristen in den Sommerferien nur beschränkt reisen können.

Sinkende Verbraucherpreise bedeuten für die meisten Haushalte steigende Real­löhne. Dies stabilisierte die Binnennachfrage schon im Nachfeld des Währungsschocks 2015 und dürfte auch dieses Jahr die Konjunktur stützen.

Dennoch wird die diesjährige Rezession Spuren in den Wirtschaftsdaten hinterlassen: Die Arbeitslosigkeit und die Konkursfälle werden in den am stärksten von der Krise betroffenen Sektoren in den kommenden ­Monaten zunehmen.

Die Jahresinflation dürfte bis Anfang 2021 negativ bleiben. Die jährliche Veränderungsrate im Landesindex der Konsumentenpreise erreichte im Mai 2020 mit minus 1,3 Prozent ihr zyklisches Tief. Unsere positivere Sicht auf die Konjunkturerholung 2020 könnte erklären, weshalb unsere Prognose von 0,6 Prozent durchschnittlicher Jahresinflation 2021 deutlich über der des Consensus Forecast der KOF liegt.

Marc Brütsch ist seit 2000 Chefökonom von Swiss Life. Für ihre präzisen Prognosen gewannen er und sein Team bereits dreimal den «Forecast Accuracy Award Switzerland» des britischen Research-Unternehmens Consensus Economics.

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Unsicherheit: Kommt die zweite Welle oder nicht?

Europa erholt sich von Sizilien bis Finnland von seiner grössten Rezession seit Jahrzehnten. Konjunktur­indikatoren stabilisieren oder verbessern sich. In jenen europäischen Ländern, die vergleichsweise wenig unter Covid-19 litten, zeichnet sich eine U-förmige Erholung im zweiten Halbjahr ab.

Aber trotzdem dürften Arbeitslosigkeit und Firmenkonkurse auch 2021 und womöglich darüber hinaus zunehmen. Unsere Prognose zum Verlust des realen BIP für 2020 bleibt optimistischer als jene unserer Mitbewerber.

«Damit unser Basisszenario eintritt, dürfen sich neue Lockdowns nur auf lokale Hotspots beschränken.»

Marc Brütsch, Chefökonom Swiss Life

Von den 29 Instituten der Consensus-Umfrage dieses Monats gaben nur zwei eine leicht optimistischere Prognose ab. Offenbar ist der ­Unterschied zwischen den verfügbaren Prognosen im Hinblick auf den Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal klein, aber gross im Hinblick auf die erwartete Konjunkturerholung im dritten Quartal.

Damit unser Basisszenario eintritt, dürfen sich neue Lockdowns nur auf lokale Hotspots beschränken. Im alternativen Szenario mit einer zweiten Ansteckungswelle, die Europas Gesundheitssystem überfordert, wäre eine Stagnation über mehrere Quartale die Folge.

Die einzelnen Staaten waren zwar für die Bekämpfung der Pandemie zuständig, die wirtschaftlichen Folgen werden aber Europas multilaterale Institutionen zu bewältigen haben. Am Treffen des EU-Rates von Mitte Juli muss eine Einigung zum vorgeschlagenen Hilfsplan erzielt werden.

Die Inflationstrends in der Euro-Zone während der Krise einzuschätzen, ist schwierig. Die vorläufigen Junizahlen überraschten positiv wie negativ: In Deutschland unterschätzten wir die Inflation, in Frankreich lagen die Werte dagegen weit unter den Erwartungen. Diverse Statistikämter melden seit März Probleme bei der Erhebung der Preise von Gütern und besonders von Dienstleistungen, die zeitweise gar nicht angeboten wurden.