Der legendäre Finanzier des 19. Jahrhunderts, J. P. Morgan, sagte einmal: «Ein Mann hat im Allgemeinen zwei gute Gründe, etwas zu tun – einen, der gut klingt, und einen wahren.»

Fachleute ­zitieren gerade eine ganze Menge scheinbar guter Gründe, weshalb man die Rally der schweizerischen und globalen Aktien seit März ausblenden sollte. Was ist der wahre Grund dafür?

Würden diese Fachleute den Aufschwung als wahr anerkennen, müssten sie auch ihren Irrtum zugeben. Das fällt den meisten von uns schwer. Deswegen greifen sie nach allem, was ihre vorherige, negative Haltung stützt.

Der Bestätigungsfehler

Verhaltenspsychologen bezeichnen das als Teil des «Confirmation Bias», des Bestätigungsfehlers. Dieser weit verbreitete Fehler ist der Antrieb für den Pessimismus des Unglaubens – und die Grundlage für jeden neuen Bullenmarkt.

Wer dem Bestätigungsfehler zum Opfer fällt, riskiert, sich an eine kostspielige Mär zu klammern, die schlicht auf Verhaltensfehlern beruht.

Nach dem steilen, panikartigen Absturz in einem späten Bärenmarkt werden die getroffenen Anleger kurzsichtig. Sie sind auf schlechte Nachrichten fixiert und drehen alles Gute ins Negative – selbst jetzt, wo sich der SPI wieder dem Vor-Covid-19-Hoch nähert.

Das ist der Pessimismus des Unglaubens. Durch ihn werden die Erwartungen so gering, dass fast jeder Zufall die Aktien steigen lässt und einen neuen Bullenmarkt auslöst.

Der Mensch neigt dazu, nur zu sehen, was ihn in seiner Meinung bestärkt.

Doch der Pessimismus des Unglaubens hält sich hartnäckig. Aber warum hält er sich auch, während die Aktien steigen, Zyklus ein, Zyklus aus? Ganz einfach: wegen des Bestätigungsfehlers, also der Neigung der Menschen, nur das zu sehen, was sie in ihrer Meinung bestärkt, während gegenläufige Fakten ausgeblendet werden.

Wenn sie eine steigende Aktie kaufen, denken die meisten, sie seien schlau. Wenn sie fällt, schieben sie es auf Ablenkung, Krankheit, ihren Ehepartner – auf ­alles, nur nicht auf sich selbst. Das machen die Menschen halt so.

Erinnern Sie sich an die Angst vor dem «Double Dip» nach der Finanzkrise?

Daher streiten gerade die meisten Experten und ­Anleger ab, dass sie seit Ende März falsch liegen. Diese Rally ist nicht echt, sagen sie, bloss ein «stimulierter» Optimismus, der die Bewertungen ungerechtfertigt in die Höhe treibt und einen weiteren Absturz vorbereitet.

Anzeige

Sie sprechen von der Erwartung, das schweizerische BIP würde in diesem Jahr um historische 5,9 Prozent fallen. Sie blenden aus, dass diese Schätzungen zeigen, dass das Schlimmste vorbei ist – mit einem BIP, das im dritten und vierten Quartal gegenüber den Vorquartalen um 6,3 Prozent respektive 4,9 Prozent wachsen soll.

Mehr zum Thema

Bärenmarktrallys haben in der Baisse Tradition. Auf solche Erholungsphasen folgt der nächste Ausverkauf. Rückschläge sind dann wahrscheinlich, neue Tiefstände nicht. Mehr hier.

Zu ihrer Verteidigung betonen sie jede erneute Minikor­rektur, wie jene von Mitte Juni. Oder sie argumentieren, ­euphorische Anleger würden eine mögliche zweite ­Covid-19-Welle ignorieren. Oder sie behaupten, der Tourismus hätte sich für immer verändert und würde Volkswirtschaften wie die der Schweiz lähmen.

Oder, oder, oder. Das kann überhaupt kein nachhaltiger neuer Aufschwung sein, murren sie. Je höher die Aktien klettern, desto vehementer tun sie den Aufschwung ab.

Angst vor einer erneuten Rezession

Das passiert immer so. Denken Sie nur an den letzten globalen Bullenmarkt. Von seinem Tief im März 2009 schoss der SPI nach oben, inmitten zahlreicher Ängste – massenhafte Abschreibungen und Entlassungen im ­Finanzsektor, Exporteinbruch bei den Luxus­gütern, Steuerskandal um die UBS und beabsichtigte neue Regulierungen als Bedrohung für die Vorherrschaft der schweizerischen Banken, ein weltweites «neues Normal» mit geringeren Renditen über Jahrzehnte.

Jahre nach dem Tiefststand schrien die Pessimisten immer noch «Sucker’s Rally»! Erinnern Sie sich an diese Angst vor einer erneuten Rezession, einem sogenannten Double Dip? Die Befürchtung, dass der Anstieg des Frankens sich negativ auf die schweizerischen Exporteure auswirken oder dass die Reaktion der SNB einen Währungskrieg auslösen würde?

Die Märkte halten sich nicht im Heute auf – sie schauen nach vorn, etwa drei bis dreissig Monate.

Für Ungläubige waren das keine Argumente, die ein neuer Bullenmarkt beenden würde. Es waren Argumente, weshalb er nie hätte ­einsetzen sollen. Durch dieses Beharren haben sie die Börse doppelt falsch verstanden: Zwei Jahre nach dem Tiefststand war der SPI um 61,7 Prozent gestiegen.

Die Ungläubigen übersehen, dass sich Märkte nicht in der Gegenwart aufhalten

Aufgrund des Bestätigungsfehlers übersehen die Ungläubigen eine einfache Wahrheit: Die Märkte halten sich nicht im Heute auf – sie schauen nach vorn, etwa drei bis dreissig Monate.

Wie weit, das verändert sich und ist nicht vorhersehbar, aber sobald die Wirtschaft schrumpft und das Negative die Nachrichten beherrscht – so wie gerade jetzt – preisen die Aktien normalerweise eine freundlichere, ferne Zukunft ein. Sie verlagern ihren Fokus weiter in diesen Zeitraum von drei bis dreissig Monaten hinein.

Die bekannten, von den Pessimisten propagierten negativen Aspekte sind bereits eingepreist und können keinen weiteren grossen Abschwung auslösen. Dazu bräuchte es schwerwiegende, noch nicht berücksich­tigte Probleme. Da die Pessimisten die Risiken stets eingehend erörtern, sehe ich nichts, was die Aktien nicht bereits bewertet hätten.

Ken Fisher ist Gründer und Präsident von Fisher Investments, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs Ländern, die rund 100 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zählt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.

In Abwesenheit neuer Probleme ist diese Rally für mich wie aus dem Bilderbuch, wie in jedem frühen ­Bullenmarkt. Gehen Sie von einer kurzfristigen Volati­lität aus. Bei einer Erholung geht es immer wild auf und ab, das Vertrauen der Anleger wird getestet und die Schwachen werden abgeschüttelt. Aber das Märztief testen? Das hätte historischen Seltenheitswert.

Sehen wir uns wegen seiner langen Geschichte den S&P 500 an. Vom 19. Februar bis 23. März fiel der Index in Dollar um 34 Prozent. Während ich das hier schreibe, hat er bereits über 75 Prozent dieses Rückgangs auf­geholt.

Seit 1928 gewannen nur zwei Rallys in fallenden Märkten oder während einer Korrektur so viel an ­Boden, bevor es wieder abwärts ging, um den Tiefstand zu testen – 1957 und 2000.

Wer den Aufschwung für eine Täuschung hält, kennt die Geschichte nicht

Diese Rallys setzten ein, bevor der Rückgang den Schwellenwert von minus 20 Prozent für einen Bärenmarkt erreicht hatte, sodass sie in absoluten Zahlen sehr viel kleiner waren als die aktuelle Rally.

Im Jahr 1957 fielen die Aktien um 14,8 Prozent, holten 91 Prozent des Rückgangs wieder auf und sackten dann in eine Rezession ab. Im Jahr 2000 fielen sie um 11,2 Prozent, holten 96 Prozent wieder auf und schleppten sich dann langsam bis zu ihrem Tiefpunkt 2002.

Keine der Situationen war wie heute. Also: Wer den aktuellen Aufschwung für eine Täuschung hält, prognostiziert etwas nie Dagewesenes. Nicht etwas Unmögliches, sondern etwas Unwahrscheinliches.

Der aktuelle Abschwung setzte ohne Vorwarnung ein. Es scheint, als wäre er im März ebenso zu Ende ­gegangen. Wenn Sie die Rally bislang verpasst haben, verstärken Sie Ihren Fehler nicht. Schauen Sie auf die freundlichere, ferne Zukunft – genau wie die Aktien.

Social Media

Besuchen Sie uns bei Facebook, Linkedin & Co.