Hat bei Fahrzeugen H₂ eine Chance gegen den Akku?
David Hart: Wasserstoff und Batterien ergänzen einander gut. Wasserstoff kann über einen langen Zeitraum gespeichert und in Situationen eingesetzt werden, in denen Batterien nicht so gut funktionieren. Dafür haben Batterien derzeit den Vorteil, dass das Stromnetz zum Aufladen oft dort zur Verfügung steht, wo Wasserstoff nicht vorhanden ist.
 

Nur die Fahrzeuge fehlen noch?
Es gibt bereits Wasserstofffahrzeuge mit einer Reichweite von gut 750 Kilometern, die in weniger als fünf Minuten betankt werden können und weniger wiegen als ein rein batteriebetriebenes Fahrzeug. Bei Langstrecken- oder Schwerlastbetrieb bedeutet die Verwendung von Wasserstoff, dass weniger Energie als für den Transport der Batterie verbraucht wird. So steht mehr Nutzlast zur Verfügung. Aus diesem Grund wird Wasserstoff für den Einsatz in LKW, Zügen und sogar Schiffen entwickelt.


LKW, Züge und Schiffe, aber noch keine PKW?
Toyota und Hyundai sind bei PKW sowohl vom Wasserstoff als auch von Hybriden und Batterien überzeugt. VW entwickelt auch Brennstoffzellen, nicht nur Batterien. Bei schwereren Fahrzeugen sind Wasserstoff und Brennstoffzellen leistungsfähiger als Batterien. Für Kleinfahrzeuge könnten Batterien die beste Lösung sein. Wir werden in Zukunft eine Mischung sehen, so wie wir heute Benzin und Diesel haben.
 

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Wie rasch wird es gehen? Und wer macht was?
In Europa dürften schwere Nutzfahrzeuge den Anfang machen, allen voran Daimler im Joint Venture mit ­Volvo. In Nordamerika hat der US-Motorenbauer Cummins das Brennstoffzellen-Unternehmen Hydrogenics gekauft. Die italienische Iveco hat in das US-Startup ­Nikola investiert. Bosch sowie das Joint Venture zwischen ­Michelin und Faurecia entwickeln ebenfalls Brennstoffzellen für schwere Nutzfahrzeuge.


Und die Schweiz? Ist Wasserstoff die Lösung für Zulieferer, die durch die Umstellung auf Akku-Antriebe leiden?
Möglicherweise, ja. Spezialisierte Schweizer Firmen, zum Beispiel im Bereich der Luftkompressoren oder der Leistungselektronik, beschäftigen sich bereits mit Wasserstoff und Brennstoffzellen und auch andere Bereiche der Schweizer Feinmechanik könnten eine Rolle spielen. Die Wasserstofftechnologie wird von vielen als eine Möglichkeit gesehen, ihre Position für die Zukunft zu sichern.

 

David Hart ist ein Direktor von E4Tech. Das Beratungsunternehmen unterstützt Firmen und Regierungen darin, Energieversorgung nachhaltig zu gestalten.

Braucht ein Wasserstoffantrieb nicht überproportional viel Strom, um Gas in Wasserstoff umzuwandeln?
Aus Effizienz-Sicht ist es immer besser, eine Batterie zu laden, als Strom in Wasserstoff und wieder zurück in Strom umzuwandeln. Aus einer Systemperspektive ist das aber anders. Batterien entladen sich mit der Zeit, wobei Wasserstoff viel länger gespeichert werden kann. Wasserstoff kann den Aggregatszustand wechseln und zum Beispiel als chemischer Rohstoff verwendet werden und ermöglicht eine schnelle Betankung und grosse Reichweite. Die Verwendung sowohl von Batterien als auch von Wasserstoff bieten die beste Gesamt­effizienz des Systems und die beste Möglichkeit zur ­Reduzierung von CO₂- und Schadstoffemissionen.


Klimaziele sind politisch geprägt, deren Erreichung dauert lange. Soll das den Firmen überlassen werden?
Mehrere Länder entwickeln Wasserstoffstrategien. Die Schweiz ist in einer hervorragenden Position, um aus den Wasserstofftechnologien Kapital zu schlagen. Auch wenn sie nicht gross genug ist, um die Industrie allein voranzutreiben. Die Schweizer Politik, die sich bisher sehr wenig mit Wasserstoff beschäftigt hat, könnte hier durchaus proaktiver sein.

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