Der Wolkenkratzer in Downtown San Francisco gehört mit über 170 Metern zu den grössten der Stadt. Wo ­früher Banken residierten, ist nun der Coworking-Space Wework ­eingemietet. In den Glaskästen arbeiten Entwickler, Grafiker, Gründer, Journa­listen – und Novartis. Der Schweizer Pharmariese betreibt seit zwei Monaten im 17. Stock sein Digital Innovation Lab ­namens Biome. Novartis bietet dort fünf Startups im Bereich Digital Health einen Coworking-Space für die gemeinsame ­Arbeit an Big-Data-Anwendungen.

Seit seinem Amtsantritt im Februar macht Novartis-Chef Vas Narasimhan Tempo bei der digitalen Transformation des Unternehmens: erst mit der Nominierung des ehemaligen Amazon-Managers Bertrand Bodson als Chief Digital Officer, dann mit der Investition in das Netzwerk Startup Health oder der Kooperation mit dem Tech-Giganten Tencent im Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mehr Silicon-Valley-Spirit

Die Gründung von Biome ist ein weiterer Schritt von Novartis, dem Grosskonzern den Spirit des Silicon Valley einzuhauchen. Es ist höchste Zeit: Rivale Roche hat sich Anfang des Jahres das US-Daten-Startup Flatiron für 1,9 Milliarden Dollar geschnappt, Tech-Giganten drängen ins Pharmageschäft. Novartis-Chef Narasimhan sagt zum Start von Biome: «Startups und Gründer sind die Vorreiter der Gesundheitstechnologie. Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, diese Innovationen in echte Lösungen für Patienten umzusetzen.» «Es gibt Gebiete, in denen Start-ups ganz einfach mehr Erfahrung haben», bestätigt Novartis-Digitalchef Bertrand Bodson im Gespräch mit der Handelszeitung.

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So ambitioniert die Pläne auch sein mögen – betritt man Biome, ist man nicht nur über die Aussicht auf San Francisco erstaunt, sondern auch über die leeren Bürotische und Konferenzräume. Keine Flipcharts, Post-its, VR-Brillen oder junge Entwickler in Sneakern. «Wir sind doch erst eingezogen und müssen den Space nun mit Leben und Ideen füllen», sagt Mohanad Fors, Leiter und Co-Gründer von Biome. Er war mehrere Jahre in Basel als Digital Director für Novartis tätig und erklärt, dass die Startups nicht physisch hier einziehen werden: «Biome ist der ideale Ort für Meetings mit Investoren, Kunden oder Vertretern von Novartis in Downtown San Francisco», sagt Fors. Hier würden Ideen entstehen, die dann in die Labors hinausgetragen werden.

­Mohanad Fors, Leiter und Co-Gründer von Biome

­Mohanad Fors, Leiter und Co-Gründer von Biome.

Quelle: Felix Good

Patientendaten: Immer und überall

Eines der Startups im Novartis-Ökosystem ist Medable von Michelle Longmire. Die Gründerin sitzt am Schreibtisch, tippt dauernd auf ihrem iPhone, muss eigentlich wieder los. Die fünfzig Mitarbeitenden ihres Startups sitzen nicht hier, sondern in Palo Alto. Sie pendelt zwischen San Francisco und der 50 Kilometer entfernten Heimat von Google. Vor vier Jahren hat die Stanford-Absolventin ihr Startup gegründet.

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Medable nutzt Cloud- und Mobile-Anwendungen, um patientengenerierte Daten für die klinische Forschung zu erfassen. Bisher hat das Startup laut eigenen Angaben rund 20 Millionen Dollar an Venture-Kapital eingesammelt. Longmire sagt, man stehe kurz vor einer Serie-B-Finanzierungsrunde. «Digitale Technologien werden für die Biopharmazie immer wichtiger. Mit mobilen Anwendungen können wir jederzeit und überall Daten von Patienten erfassen», sagt Longmire. Damit lässt sich die Teilnahme an einer klinischen Studie bequem in den Alltag integrieren. «Wir reduzieren die Besuche der Patienten in den Kliniken und können damit Kosten einsparen.»

Biome

Novartis-Vertreter schauen gerne im Innovation Lab in San Francisco vorbei.

Quelle: Felix Good

Das Ziel: eine gemein­same Plattform von Medable und Novartis, die eine digi­tale Diagnose sowie die Messung und Überwachung von Krankheitsverläufen ermöglicht. Zum Start widmet sich Medable Augenkrankheiten. «In der Interaktion mit dem Smartphone können wir den Augenzustand ­einer Person jederzeit bewerten und überwachen.» Gemäss Longmire ist der Pharmariese auf solche Kooperationen angewiesen. «Ein Konzern wie Novartis ist weit verzweigt und muss an mehreren Fronten Innovation betreiben. Wir können uns ausschliesslich auf Daten konzentrieren.»

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Jake LaPorte stimmt zu. Der Harvard-Chemiker ist Head of Digital Development des Global Drug Development von Novartis und war ebenfalls an der Gründung von Biome beteiligt. «Die Digitalisierung wird einen gros­sen Einfluss auf Life Sciences haben. Wie Vas gesagt hat – Novartis wird ein datengetriebenes Unternehmen werden», sagt LaPorte. Da der Pharmagigant laut dem Digitalleiter aber «wenig Erfahrung mit AI oder IoT» habe, brauche er die Startups als Partner.

Daten gegen Technologie

Trotz diesen Bemühungen ist das Commitment von Novartis zu den Start-ups kein finanzielles. Der Pharmariese ist in der Regel nicht an den Startups beteiligt. «Wir stellen aber bei Bedarf den Kontakt zu unserem Venture Fund her», sagt LaPorte. Grundsätzlich sei es aber ein loses Modell, Novartis könne jedoch Technologien übernehmen.

Die Startups brauchen Daten zur Modellierung ihrer Anwendungen, Novartis will sich digitales Wissen aneignen und Kosten einsparen. Letztlich ist der eigentliche Nutzen für Novartis aber nicht nur der Wissensaustausch, sondern das Ökosystem in San Francisco. «Novartis selbst ist und wird Kunde dieser Startups sein», sagt LaPorte. Das Potenzial sei riesig.

Steven Banerjee

Mekonos-Chef Steven Banerjee: «Fühle mich hier wie in einem Penthouse.»

Quelle: Felix Good
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Davon ist auch Steven Banerjee überzeugt. Sein Unternehmen Mekonos ist in der Zell- und Gentherapie tätig. Mit dem komplett neuen Verfahren von Mekonos sollen künftig vor allem Kosten und Zeit bei der Entwicklung von Zellen eingespart werden. Banerjee schätzt die Zusammenarbeit mit den Baslern: «Sie zeigen uns auf, wie der weltweite Markt funktioniert und welche Bedürfnisse die Patienten haben», sagt der 35-jährige Gründer.

Im Biome-Lab empfängt er vor allem Kunden und Partner. Und macht bei der Erklärung über seine Arbeit auch einen Scherz über die horrenden Mieten in San Francisco: «Manchmal bilde ich mir ein, der Space wäre mein Apartment. Man hat hier einen tollen Ausblick auf die Stadt.»