Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Den stärksten Einfluss auf die Finanzmärkte hat seit Jahresbeginn die Corona-Krise ausgeübt. Sie hat die Welt in eine tiefe Rezession gestürzt, der sich die Finanzmärkte nicht entziehen konnten. Die rasche und umfangreiche Unterstützung auf der fiskal- und geldpolitischen Seite durch Regierungen und Zentralbanken auf der ganzen Welt erklärt, warum sich die Finanzmärkte teilweise – in einigen Fällen gar vollständig – von den anfänglichen negativen Auswirkungen erholt haben.

Aber die Auswirkungen der Corona-Krise setzen sich unter der Oberfläche weiterhin fort, mit einer grossen Streuung zwischen Aktien und Sektoren. Dass die Auswirkungen nach wie vor erheblich sind, zeigen die Märkte, die sensibel auf jede Nachricht über eine mögliche medizinische Behandlung, respektive einen Impfstoff, reagieren.

Gerald Moser Börseninterview Barclays

Gerald Moser ist seit 2019 als Chief Market Strategist für Barclays Private Bank tätig. In dieser Position ist er für den Investitionsausblick von Barclays Private Bank verantwortlich. Mit seinem Team definiert er die beratenden Investitionsaussichten durch thematische und opportunistische Investitionsideen und trägt zum diskretionären Prozess bei. Vor seinem Engagement bei Barclays war Gerald Moser mehrere Jahre für die Credit Suisse in der Division Wealth Management tätig. Davor arbeitete er während fast zehn Jahren bei Goldman Sachs.  

 

Quelle: ZVG

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
In Zeiten der Unsicherheit neigen die Aktienmärkte zu einer hohen Korrelation, da sie alle auf die gleichen Nachrichten reagieren.

In diesem Sinne werden sich die Schweizer Aktien wahrscheinlich wie ihre Pendants in Europa und den USA verhalten und von Nachrichten bezüglich Covid-19 betroffen sein: Jede positive Entwicklung auf der Impfstoffseite würde die Aktien wahrscheinlich nach oben treiben, während zweite Wellen und ein erneuter Lockdown oder das Scheitern von Impfstofftests für Schweizer Aktien wahrscheinlich ebenso negativ wären wie für globale Aktien. Kurzfristig dürfte diese Unsicherheit insgesamt die Gewinne begrenzen, aber sie dürfte weiterhin zu einer zunehmenden Differenzierung der Aktien innerhalb des Index führen.

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Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Insgesamt sind wir bezüglich Aktien vorsichtig optimistisch. Unsere Überzeugung bezieht sich weniger auf deren Ausrichtung als vielmehr auf die Divergenz zwischen den Unternehmen (Outperformance von aktivem vs. passivem Management) und die wachsende Bedeutung von ESG. Relativ gesehen haben Aktien im Vergleich zu Anleihen ein grösseres Aufwärtspotenzial.

Aber diese Entwicklung muss sich aus der Erholung der Gewinne nach dem Einbruch im Jahr 2020 ergeben. Die Schätzungen für 2021 scheinen im derzeitigen Umfeld weitgehend erreichbar. In den kommenden 12 Monaten wird man jedoch den Blick bereits auf 2022 richten und wir bräuchten den Konsens, dass dann rund 10% Wachstumspotenzial möglich sein werden.

In diesem Zusammenhang bietet der Schweizer Markt angesichts der starken Übergewichtung des Gesundheitswesens und der relativen Stärke der Dividenden attraktive defensive Eigenschaften. Wobei das dazu führen könnte, dass der SMI einem starken Erholungsszenario hinterherhinkt.

Jede Krise bietet auch Chancen. Sehen Sie drei Trends, die durch die aktuelle Krise an Fahrt gewonnen haben?
Der Lockdown während der COVID-19-Pandemie hat die Entwicklung in Richtung «online» deutlich beschleunigt, sei es für den Detailhandel, den Medienkonsum und soziale Interaktionen (z.B. Streaming-Dienste und Videokonferenzen) oder für das Arbeiten zu Hause.

Die Krise hat auch einige Schwachstellen bezüglich globalisierter Lieferketten aufgezeigt, was manche Unternehmen dazu veranlasst hat, mit Verlagerung von Produktionskapazitäten näher zum Endnutzer zu beginnen.

Schliesslich hat diese Krise Investoren auch die Wichtigkeit von ESG-Erwägungen aufgezeigt. Das wird sich verstärken. Denn in den letzten ein bis zwei Jahren wurde zwar dem Klimawandel, das heisst dem «E» innerhalb von «ESG», viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Pandemie macht nun deutlich, dass auch die sozialen und Governance-Fragen wie Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer, Arbeitspraktiken oder Lieferkettenmanagement mehr beachtet werden müssen.

Schweizer Immobilienfonds sind bei Anlegern beliebt. Lohnt sich eine Investition derzeit – und was halten Sie von Investitionen in ausländische Immobilienfonds?
In einer unsicheren Welt, in der extrem niedrige Zinsen die Renditen in den Keller stürzen lassen, werden Immobilien oft als sicherer Hafen angesehen, um einen gewissen Ertrag zu generieren. Insofern ist es nicht allzu überraschend, dass Investoren diese Anlageklasse schätzen.

Allerdings gibt es bei Immobilienobjekten stets Unterschiede. Deshalb erfordert die Anlage in Immobilie – wie bei Aktien oder Anleihen – eine sorgfältige Analyse des zugrunde liegenden Engagements, um eine angemessene Diversifizierung zu gewährleisten.

Beispielsweise dürfte die Pandemiekrise die Aussichten für verschiedene Segmente des Immobilienmarktes verändern: Detailhandels- oder Büroflächen sind mit viel mehr Unsicherheit behaftet als Wohnimmobilien. In ähnlicher Weise wird jede Region, jedes Land und sogar jede Stadt von einzigartigen Faktoren beeinflusst, die berücksichtigt werden sollten.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der britische Immobilienmarkt angesichts der mangelnden Klarheit rund um Brexit wahrscheinlich einer der am stärksten herausgeforderten Märkte. Auf der anderen Seite hat sich der deutsche Wohnungsmarkt als sehr widerstandsfähig erwiesen. Diese unterschiedlichen Risiko-Ertrags-Profile sind nützlich bei dem Versuch, ein Portfolio von Immobilien aufzubauen, das dazu beitragen sollte, mittelfristig bessere risikobereinigte Renditen zu erzielen.

Swatch und Richemont sind von der Krise hart getroffen worden. Wie dürfte sich das Geschäft für die Luxusgüterkonzerne entwickeln – steht ein Aufschwung bevor?
Luxusunternehmen sind in einem perfekten Sturm gefangen, der in ihrem Hauptmarkt  – China – begann und in einer weltweiten Rezession endete, die die diskretionären Ausgaben der Konsumenten weltweit belastet. Der Sektor hat jedoch immer wieder seine Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt und ist aus früheren Krisen gestärkt hervorgegangen.

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Wir glauben nicht, dass es dieses Mal anders sein wird. Wie in anderen Industriezweigen werden wir nach der Lockdown-Phase auch bei der Nachfrage nach Luxusgütern wahrscheinlich eine starke Erholung erleben. Diese dürfte dann zwar allmählich abebben. Aber wenn die Welt nicht in einen dauerhaften wirtschaftlichen Abschwung gerät, sollten die Luxusunternehmen mittelfristig in der Lage sein, ein attraktives Wachstum zu erzielen.

Chinas Börsen sind im Hoch. Welche Gründe stecken hinter dem Boom?
Obwohl die Pandemie in China begann, waren die wirtschaftlichen Auswirkungen in dieser Region geringer als in Europa oder in den USA. Als Volkswirtschaft verfügt China über die Fähigkeit, Infrastruktur- und Unternehmensinvestitionen effizient anzukurbeln, was sich in den jüngsten Zahlen für Anlageinvestitionen widerspiegelt.

Diese haben trotz des wirtschaftlichen Einbruchs zu Beginn dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Und schliesslich bleibt der chinesische Aktienmarkt, obwohl er sich allmählich für ausländische Investoren öffnet, relativ geschlossen.

Das ermöglicht lokalen Behörden eine effizientere Stimulierung, sei es in Form von Steuerausgaben oder direkten Eingriffen in die Märkte. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass dies zu Blasen führen kann, wie wir sie 2015 gesehen haben. Aber wir glauben, dass aus dieser schmerzlichen Erfahrung Lehren gezogen wurden und dass die chinesischen Behörden diesmal schnell bereit sein werden, jegliche aufkeimende Übertreibung zu mildern.

Das Interview wurde schriftlich geführt.